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  • Reisen
    Venedigs kleine Schwester

    Venedigs kleine Schwester

    Wo Rocco vor seiner Hafenbar "Al Bragossa" zu italienischen Schlagern kühlen, roten Raboso serviert, ist Venedig nicht weit. Aber wer will in Chioggia schon nach Venedig?

    "Wir nicht", versichert Edoardo. Über dem Canal Lombardo blinzelt die untergehende Sonne betagte Werftschuppen an und flirtet mit stolzen Schiffsmasten. Vor der Bar diskutieren ein Dutzend Rentner Fußballergebnisse und schimpfen auf die Regierung. "Buon giorno, Signorina" von Schnulzen-Altmeister Bobby Solo krächzt aus einem Radio. Auf dem Kanal schippern Fischerboote, dümpeln Frachtkähne, schaukeln Segelschiffe. Gondolieri wären hier arbeitslos. Und ein Gassenlabyrinth, das drängelnde Touristenscharen nach dem Zufallsprinzip ans Ziel lenkt, macht hier niemanden orientierungslos.

    Alles ist überschaubar, so klar und leicht wie in einer italienischen Canzone. Chioggia am südlichen Rand der Lagune Venedigs ist anders. Dass es trotzdem als "Little Venice" wahrgenommen wird, ärgert seine 51.000 Bewohner. Chioggia sei kein touristisches Massenziel und mit der 80 Kilometer entfernten Schutzherrin gar nicht vergleichbar, stellt Cristina vom örtlichen Tourismusbüro klar. Ja, räumt die Stadtführerin ein, auch sie hätte sich für den venezianischen Vorposten ein bisschen mehr Pracht gewünscht. Zum Beispiel für den Steinlöwen auf der Säule am Ende der Flaniermeile Corso del Popolo: Als die Venezianer das Seedorf zurückeroberten und es bis 1779 zu einem Teil der Republik Venedig machten, kennzeichneten die Herren ihren neuen Herrschaftsbereich am Stadttor mit einem Markuslöwen. Chioggias Raubtier sollte Venedigs imposantem Wappentier Paroli bieten, geriet aber zur Lachnummer. Bei ständigen Korrekturen an der Skulptur trug der Bildhauer so viel Marmor ab, bis nur noch ein Minilöwe übrig blieb, den Chioggias Bewohner nun respektlos "El Gato" (Kater) nennen.

    Heute ist ihnen Venedig wurscht. Die unmittelbar vor der Haustür liegenden kilometerweiten Sandstrände von Sottomarina müssen den Vergleich mit Venedigs Lido längst nicht mehr scheuen. Außerdem hat Chioggia eine geschmackvolle Küche zu erschwinglichen Preisen – und vor allem eine übersichtliche Stadtarchitektur. "Seht her", zeigt Cristina über den Canale della Vena: Wie Venedig wird Chioggia in der Mitte von einer zentralen Wasserstraße durchzo-gen. Rechts und links vom Kanal zweigen zahllose Seitengassen wie Fischgräten rechtwinklig ab. Über neun Brücken kommt man geradewegs durch das Herz der mittelalterlichen Altstadt hinüber auf den Corso.

    Steht die Sonne tief, steigt die Hochstimmung auf "Italiens größter Café-Terrasse", wie Italiens Literat Curzio Malaparte die von Arkaden gesäumte autofreie Straße adelte. Warteten dort früher Frauen auf die heimkehrenden Fischerboote, gönnen sie sich heute eine Pause von ihren Männern, widmen sich angeregt Familientratsch, Kochrezepten und den neuesten Modetrends. Dabei ist ihr Chic so individuell und leger wie die Stadt, in der sie leben. Für den besseren Durchblick auf der Piazza ist die auffällige Sonnenbrille vom Edeldesigner ein unverzichtbares Accessoire der Kleiderordnung. Nur unterm Tisch, da darf auch schon mal ein Ramschtischfummel mit ausgelatschten Schlapfen das Outfit bestimmen.

    Pssst! Flüsternde Fischer

    Donnerstag ist Fischmarkttag. Der klar geordnete Stadtgrundriss macht es Fremden leicht, die opulent bestückten Stände zwischen der Piazza Vena und dem Vena-Kanal zu finden. Wenn ab vier Uhr morgens bei Sottomarina im größten Fischereihafen Norditaliens Fische und Meeresfrüchte auf Kleinlaster verladen werden, flüstern sich in dem turbulenten Treiben Händler und erschöpfte Fischer einander Preise in die Ohren. Psst!! Das Zentrum des guten Geschmacks ist kein Pflaster für Marktschreier, sondern eine diskrete Börse für die Beute der Nacht – und ein lohnenswertes Ziel für Frühaufsteher.

    Venedigs kleine Schwester

    Für Maler waren das Motive wie gemalt. Vor 150 Jahren entdeckten sie die reiche Motivquelle im schlichten italienischen Alltag. Chioggia war die Entdeckung des einfachen Lebens. Das Fischernest am anderen Ende der Lagune bot schier unerschöpfliche Impressionen von hart arbeitenden Menschen abseits der Touristenströme. Fleißige Handwerker auf staubigen Gassen, zupackende Arbeiter vor bröckelnden bunten Fassaden oder Fischer vis-à-vis sich im Wasser spiegelnder Herrschaftshäuser wurden zum begehrten Sujet der Freilichtmaler. "Heute kommen die Künstler als Studenten und Hobbymaler", sagt Amedeo Signoretto. In einem kleinen Palais bei der San-Andrea-Brücke führt der Maler durch sein Atelier. Porträts, Häuser, Schiffe und Lagunenbilder leuchten in praller Farbigkeit von den Ziegelwänden.

    Müßiggang auf der Piazzetta

    Chioggia sei billig und still. Hier finde er die Muße, wie seine Vorgänger so zu malen, dass die Farben "singen". Nur zehn Minuten weiter auf der Piazzetta Vigo ist der schönste Platz im Städtchen, den Tag zu beginnen oder zu verabschieden. Vor dem alten Hotel Grande nippen Müßiggänger und Flaneure am Cappuccino und schlürfen Cocktails. Gleich um die Ecke vor der Bar "Al Bragossa" bestellt Edoardo seinen "Raboso". Sonnenstrahlen wärmen die Gesichter. Alle scheinen sich einig zu sein, dass es besser sei, zu genießen und zu bereuen, als nicht zu genießen und den versagten Genuss zu bereuen. Scusa, liebe Cristina, aber ein bisschen Venedig ist auch in Chioggia!

     

    Reiseinfos

    Das preiswerte Chioggia eignet sich als Standort für Tagesausflüge nach Venedig, oder für Venedigreisende zu einem Kurztrip in die Stille.

    Übernachten: Unterkunft im Art-Déco-Stil mit Blick auf die Lagune bietet das zentral gelegene 4-Sterne-Hotel Grande Italia. Preis pro DZ/Fr ab 135 Euro. Nach Spezialpreisen fragen. www.hotelgrandeitalia.com

    Baden: Zu den langen Badestränden im Ortsteil Sottomarina verkehren ab Zentrum alle 20 Minuten Shuttlebusse. Fahrzeit rund 15 Minuten.

    Radtouren: Mit dem Fahrrad lässt sich die Umgebung von Chioggia entlang des Wasser, vorbei an Fischfarmen, Obst- und Gemüsegärten, erkunden. Hotels verleihen Räder oder nennen Verleihstationen.

    Mitbringsel: Einfach in Renato Bellemos Delikatessenshop im Palazzo Lisatti-Mascheroni schauen.

    Unbedingt probieren: Die Kuchenspezialität „La Ciosota“ aus Karotten und Radicchio wird in allen Konditoreien Chioggias nach demselben Rezept gebacken.
    Früher ein Essen armer Leute, heute eine lokale Spezialität ist das Fischgericht „Sarde in Saora“ (frittierte Sardinen oder Sardellen, eingelegt in einer Sauce aus gerösteten Zwiebeln und Essig).

    Restauranttipp: Ausgezeichnete und preiswerte Küche in der Pizzeria „Al Porto“. Köstlich zum Dessert ist das hausgemachte Tiramisu.

    Auskünfte: www.chioggiavenezia.it/deu/

    Manfred Lädtke, 13.05.2018, 15:00 Uhr

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