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  • Leitartikel
    Kann denn Arbeit auch Leben sein?

    Kann denn Arbeit auch Leben sein?

    Keine Arbeit zu haben, sei wie Folter, sagte dieser Tage ein Langzeit-Arbeitsloser in den OÖN. Hört man in Österreich hinein, zum Beispiel in den meistgehörten Radiosender Ö3, drängt sich der Eindruck auf, dass nur eines noch schlimmer sein kann: nämlich Arbeit zu haben.

    Da wird spätestens Sonntagabend vor der Hörerfamilie das am Montag bevorstehende Arbeitsleid beklagt und am Donnerstag begonnen, das hohe Lied des freien Wochenendes zu singen. Das eigentliche Leben nimmt seinen Anfang, wenn die Arbeit ein Ende hat.

    Nicht anders die Politik, die mit ihren Rezepten (von der Hacklerpension bis zum eingefrorenen Frauen-Pensionsalter) ja nichts anderes tut, als das Leben zu trennen: in einen arbeitsfreien (den guten) Teil und einen Rest, in dem wir leiden müssen. Mit dieser eigenartigen Unterschiedlichkeit der Wahrnehmung von Arbeit kriegt diese den Ruf als Schicksal, dem man sich früher nur durch Alter, Krankheit oder Tod entziehen konnte, heute nur mit Hilfe der Politik, der Gewerkschaften, durch Vorschriften wie ein strenges Arbeitszeitregime oder durch selbstgewählten Verzicht.

    Selbstverständlich verläuft die Wirklichkeit nicht entlang dieser klaren Trennlinie. Alleine dass wir uns den Luxus leisten können, auf der Basis von Wohlstand über den Umgang mit den neuen Arbeitsrealitäten zu debattieren, hat damit zu tun, dass unsere Väter und Großväter diesen Luxus der Unterscheidung nicht hatten. Meine Großväter waren Heizer und Sensenschmied – und ich muss dem Fortschritt dankbar sein, dass er ihre Berufsbilder und ihre Branchen hinweggespült hat, was mir wie Millionen anderen erlaubt, Journalist, Angestellter, Facharbeiter, Beamter Mediziner oder anderes zu sein – ohne die harte, körperliche Erfahrung von Arbeit als kräftezehrender Wiederholung.

    Die Veränderung der Arbeitswelt ist also zwingend, sie schafft neue Milieus und Wirklichkeiten. Doch wenn übermorgen zum Tag der Arbeit in Linz die Mai-Marschierer über die Landstraße ziehen, dann bildet eher die Arbeitswelt unserer Eltern diesen Marsch, erkennbar am Durchschnittsalter, mit dabei das Denken in fixen Lebensstellungen, in Abhängigkeiten von Hierarchien, die Epoche der Stechuhren und der Gewerkschaftssektionen und die Nostalgie einer geschrumpften Arbeiterklasse.

    Zwei Tage später eröffnet das Start-up Runtastic bei Pasching seine neue Bürowelt – und hier tut sich eine Gegenwelt auf. Offene Architektur steht für das Ineinanderrinnen von Arbeit und Freizeit, das alles bei einer Abkehr von der reinen Quantifizierbarkeit der Arbeit. Was zählt, ist nicht Stunde, sondern Ergebnis, dabei geht es natürlich auch hier um Effizienz, aber verpackt in die Abkehr von Routinetätigkeiten.

    Red Bull und Google aus dieser Welt sind bei den jungen Österreichern die begehrtesten Arbeitgeber, hieß es gestern. Wir reden bei ihnen von einer flexiblen und individualisierten Ordnung ohne klare Präsenzkultur. Noch sind diese Beispiele nicht massentauglich. Es handelt sich um Arbeitsverhältnisse, in denen die Ausbeutung nicht länger durch den üblen Kapitalisten droht, sondern höchstens durch uns selbst.

    Diese Skizzen aus der neuen Arbeitswelt sollen uns ermutigen, die Klischeevorstellungen von gestern zu verbrennen, in der Arbeit nur mit Frust in Verbindung steht, nicht auch mit positiver Allianz von Lust und Leistung.
    Arbeit als Schrecken. Dieses Zerrbild jedoch ist diese Woche in Oberösterreich omnipräsent gewesen. Da war von ihr als Fron die Rede (Stichwort „Scheiß-Jobs“ aus der neuen SP-Kampagne) oder von Arbeit unter der Knute eines tollwütigen Kapitalisten im heftig debattierten AK-Spot. Metaphern, die politisch wirken sollen und dabei den Eindruck nähren, die Masse an Arbeit wäre prekär, unsicher und schlecht bezahlt, unter jeder Würde also. Diese rückwärtsgewandte Betrachtung, über die Arbeit von morgen gelegt, das ist einfach nicht mehr in Deckung zu bringen.

    Denn wahr ist vielmehr: Arbeit geht uns nicht aus. Beschäftigt sind mehr denn je. Die sozialversicherte Vollzeitstelle stirbt nicht aus, sie ist Normalität. Doch als 1.-Mai-Botschaft ist diese Normalität wohl zu gut, um ausgesprochen zu werden.

    Gerald Mandlbauer, 29.04.2017, 00:04 Uhr

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