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    "Es heißt anpassen oder untergehen"

    Roland Düringer: "Ist die Kugel aus dem Lauf, ist es gegessen"

    Erstmals seit "Das ewige Leben" (2015) ist Roland Düringer in einer größeren Kinorolle zu sehen. "Cops" startet am 21. September, heute präsentiert er ihn wie bereits gestern in Linz. Mit den OÖNachrichten sprach er über Macht im Staat, falsch verstandene Freiheit und Kugeln im Lauf.

    Immer wieder landen Drehbücher im Postkasten von Roland Düringer. Damit dem 54-Jährigen eines gefällt, muss es ihn zum Nachdenken bringen. Stefan Lukacs, Regisseur und Autor von "Cops" (mehr oben), ist das gelungen.

    In "Cops" spielen Sie den Vater eines jungen Beamten bei der Einheit WEGA. Was war es nun genau, das Ihnen am Drehbuch gefallen hat?

    Dass es ein Drehbuch über die Polizei ist. Noch dazu über die Einheit – neben der Cobra –, die kommt, wenn der Hut brennt. Über die können wir leicht schimpfen, weil sie ja ach so brutal sind. Aber wenn wir sie brauchen, sind wir sehr dankbar, dass es jemanden gibt, der sich in Extremsituationen auskennt. Diese Einheit ist ein ganz eigenes "Biotop", an dem man zeigen kann, dass die Welt nicht nur schwarz oder weiß ist. Sondern, dass dahinter Menschen stehen.

    Die einen Job zu tun haben.

    Keinen einfachen. Diese Menschen müssen Entscheidungen treffen. Und zwar in der Sekunde. Solche, die man nicht rückgängig machen kann. Ist die Kugel aus dem Lauf, ist es gegessen. Und es gibt wenige Berufe, in denen das so ist. Zum Beispiel noch bei einem Chirurgen, aber der hat oft die Möglichkeit zu sagen: Gut, dann müssen wir noch einmal in den Patienten hineinschauen. Aber ein Mann von der WEGA hat in einer Situation, in der er voller Adrenalin ist, nur die Möglichkeit: ja oder nein. Und in der Situation möchte keiner von uns stecken, denke ich.

    Nehmen wir das Bild der Kugel, die im Lauf nach draußen geht. Schießen Menschen, die für die Öffentlichkeit arbeiten wie Sie oder ich, vergleichbare "Kugeln" – Worte, Botschaften oder Bilder –, die Leben zerstören können?

    Nein, das können wir nicht, da bin ich mir sicher. Weil unsere "Kugeln" nur wie kleine Blitze sind, die vielleicht kurz blenden und dann gleich wieder verschwinden. Das, was heutzutage über öffentliche Personen wie mich oder die Medien rausgeht, ist in drei Tagen vergessen. Viel wird zum wichtigsten Thema der Welt aufgeblasen, dann ist es schnell wieder weg, weil es ein neues gibt. Gegenüber dem großen Ganzen ist das bedeutungslos, glaube ich. Ich habe in den vergangenen Jahren daran gearbeitet, mich an dem großen Ganzen zu orientieren.

    Und das große Ganze ist?

    Die Natur, wie sich mein Körper fühlt, was meiner Seele gut tut. Das sind meine Orientierungspunkte, nicht das Rundherum von außen, was "goa so wichtig" sein soll, wo man dafür oder dagegen sein soll. Das interessiert mich wirklich alles nicht und ist für mich bedeutungslos.

    Ein Beispiel für das Gegenteil?

    Mir ist viel wichtiger, dass ich mit meinen eigenen Händen und einem Messer Feuer machen kann, als dass ich weiß, wie das neue iPhone funktioniert. Denn letztendlich, wenn wir wieder in der richtigen Welt sind, geht es um das Feuermachen und nicht das andere.

    Spüren Sie seitdem eine größere innere Freiheit?

    Freiheit? Na. Für mich ist das ein Irrglaube. Es gibt keine Freiheit. In der Natur gibt es die nicht. Du bist als Lebewesen auf diesem Planeten immer von äußeren Umständen abhängig und dazu gezwungen, dich ihnen anzupassen. Kein Lebewesen kann machen, was es will, weil es sonst bald tot ist. Ich kann das Wort Freiheit schon oft gar nicht mehr hören, weil es so missbräuchlich verwendet wird. Auch als soziales Wesen musst du dich anpassen, sonst bekommst du Probleme. Innerhalb eines Systems kannst du dir aber Freiräume suchen. Das beste Beispiel dafür ist das Bild, das wir in Europa von Amerika haben, als das "land of the free" (das Land der Freien, Anm.).

    Warum?

    Es wird in Europa vollkommen falsch erzählt. Nämlich so, dass der Einzelne dort seine Freiheit hat. Aber in Amerika hat der Einzelne null Freiheit! Das Konzept vor mehr als 200 Jahren war, dass dort die Gemeinschaften, die in Europa ihr Ding nicht durchziehen durften, es in Amerika dürfen. Das heißt: Die Gemeinschaft hat die Freiheit, ihre Regeln aufzustellen. Nur innerhalb der Gemeinschaft hat der Einzelne keine Freiheit.

    Den Mythos von "land of the free" erzählen sich die Amerikaner sehr gerne selbst.

    Aber ich denke, die Menschen, die in den USA leben, verstehen das Konzept schon richtig. Dass man als Gruppe etwas durchziehen kann, und keiner wird dich verurteilen und sagen: Das ist blöd. Zum Beispiel die Amish People, die fahren noch immer mit ihren Kutschen (und lehnen aufgrund ihres Glaubens die moderne Technik ab). Aber für die, die in dieser Gruppe aufwachsen, heißt es: anpassen oder untergehen.

    So geht es Christoph im Film als neues Mitglied der WEGA, dessen Vater Sie spielen.

    Ja, das ist auch das Thema des Films. Für Christoph heißt es, auch all die Spielchen, die dort gespielt werden, mitzumachen. Oder er ist einfach draußen.

    In Ihrer Branche ist das nicht anders. Wie haben Sie sich damit arrangiert?

    Ich habe mir genau angeschaut, wie das funktioniert, und mir gedacht: Nein, das ist nicht meine Welt. Ich möchte nicht, dass es in meinem Leben um Quoten, Besucherzahlen und Bürokratie geht. Ich glaube, es gibt Wichtigeres. Daraufhin habe ich das auf ein gesundes Maß reduziert.

    Im Film geht es um Macht in der Polizei, in Ihrem Kabarett "Der Kanzler" ging es um Macht in der Politik. Worin liegt der Unterschied?

    Die Politik erzählt uns nur, dass sie Macht hat. Sie muss der Bevölkerung das verkaufen. Das ist Show, Inszenierung. Polizisten müssen Macht haben. Denn haben sie die nicht, haben sie schnell ganz groß "Opfer" auf ihrem Kapperl stehen. Sie würden nicht ernst genommen werden. Und das wäre absurd.

    Sind die Bürger die Macht im Staat? Waren sie es je?

    Für mich geht es nicht darum, wer die Macht hat, sondern darum, wer bereit ist, das Zusammenleben zu gestalten, dafür Regeln und Konsens zu finden.

    Warum tun wir das so wenig?

    Weil wir bequeme Menschen geworden sind. Es ist viel bequemer, alle fünf Jahre ein Kreuzerl zu setzen und zu sagen: "Geh, machen Sie das doch für mich! Und wenn Sie es nicht gut machen, dann können wir schimpfen", als selber zu gestalten.

    PREMIERE, FILM UND MENSCH

    In dem neuen Kinofilm "Cops" spielt Düringer den Vater von Christoph (Laurence Rupp, r.), der als WEGA-Neuling einen Mann erschießt und noch mehr Gewalt auslöst. Düringer präsentiert „Cops“ am 14. 9. in Linz (18 Uhr, Moviemento, www.moviemento.at), Start: 21. 9.

    Roland Düringer ist einer von Österreichs bekanntesten Kabarettisten und erfolgreichsten Kinoschauspielern. Die zwei Filme, die bisher am meisten Besucher in Österreichs Kinos gelockt haben, zeigten den Wiener in der Hauptrolle: „Hinterholz 8“, „Poppitz“.
     

     

     

    Nora Bruckmüller, 14.09.2018, 00:50 Uhr

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