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  • Literatur

    Sinnliche Kindheitserinnerungen

    Germanist Anton Thuswaldner hat 14 Autorinnen und Autoren eingeladen, über ihren "Proust-Moment" zu schreiben.

    In Marcel Prousts siebenbändigem Hauptwerk "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" gibt es einige markante Stellen, die Literaturgeschichte gemacht haben. An besonders prominenter Stelle steht der sogenannte "Madeleine-Effekt" oder auch "Proust-Moment". Eine Madeleine ist ein französisches Feingebäck aus Sandmasse. Ihr Geschmack, kombiniert mit dem von Lindenblütentee, löste bei Marcel Proust eine lange Reihe von Kindheitserinnerungen aus.

    Der Salzburger Germanist und Literaturkritiker Anton Thuswaldner hat 14 Autorinnen und Autoren eingeladen, über ihre "Madeleine-Effekte" zu schreiben, starke sinnliche Eindrücke, die Kindheitserinnerungen zum Blühen bringen. Thuswaldner hat eine kluge Autorenauswahl getroffen, um Wiederholungen und Ähnlichkeiten zu vermeiden. Die ältesten Beiträger sind Martin Walser und Alexander Kluge, die jüngsten Christina Maria Landerl und Anna Kim. Die 1977 in Südkorea geborene Kim erzählt von einem intensiven Knoblauch-Chili-Geruch, der aus den Paketen strömte, die ihr Vater aus Südkorea nach Wien geschickt hatte.

    Landerl wiederum isst in Berlin ein Müsli, das sie an ein anderes, längst verdautes erinnert, das sie als Kind in Bad Hall gegessen hat. Zu dieser Erinnerung gehören auch die Sofaecke mit den Decken, der Cousin sowie Tom und Jerry.

    Bernd-Jürgen Fischers Erinnerung gilt einem seltenen Benzingeruch; die von Jens Wonneberger dem Knarren der Holztreppen, die zum Dachboden seines Elternhauses führten. Dort lagerte eine große Menge von faszinierendem Gerümpel, das die Geschichte von Generationen erzählte. Leserinnen und Leser von Josef Winkler kennen den Kärntner Autor schon als Meister der Schilderung sinnlicher Wahrnehmungen. Seinen Schreibimpuls zum "Proust-Effekt" verdankt er einer nach Mehlspeisen duftenden Konditorin, aber Winkler wäre nicht Winkler, führten seine surrealen Assoziationsketten nicht auch ins Trieb- und Schmerzhafte der Sinnlichkeit.

    Einladung an die Leserschaft

    An das Ende des schön gestalteten Bändchens stellt Anton Thuswaldner leere Seiten und die Einladung an Leserin und Leser, den eigenen Proust-Moment zu dokumentieren. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen, und ich garantiere: Meine Kindheitserinnerung an den Geruch von Geselchtem, Gebratenem und Gebackenem in der Speisekammer des Knirzinger-Bauern (Pramet, Innviertel 1960) entzaubert Prousts Madeleine zu olfaktorischem Mittelmaß. Dafür schreibt Proust besser als ich – muss ich zugeben.

    Christian Schacherreiter, 15.01.2022, 00:04 Uhr

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