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    Gelbe Karte für Mesut Özil und Ilkay Gündogan

    Gelbe Karte von Merkel für Mesut Özil und Ilkay Gündogan

    FRANKFURT. Auch Kanzlerin Merkel übt Kritik an DFB-Teamspielern wegen Fotos mit dem türkischen Präsidenten Erdogan.

    Deutschlands Fußball-Bundestrainer Joachim Löw nominierte gestern in Frankfurt sein vorläufiges 27-Mann-Aufgebot für die WM in Russland (14. Juni bis 15. Juli). Warum Manuel Neuer trotz fehlender Spielpraxis dabei ist und der Finaltorschütze 2014 Mario Götze nicht, war nur Nebensache: Er musste sich zu Mesut Özil und Ilkay Gündogan äußern, die sich mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan hatten fotografieren lassen. "Wir haben den Spielern zu verstehen gegeben, dass das keine glückliche Aktion war", sagte Löw. Beide hätten mitgeteilt, dass sie keine politische Botschaft senden wollten.

    Auch Bundeskanzlerin Merkel hat das Treffen der Nationalspieler mit dem türkischen Präsidenten kritisiert. Es habe Fragen aufgeworfen und zu Missverständnissen eingeladen. Merkels Sprecher Steffen Seibert erklärte, Mesut Özil und Ilkay Gündogan hätten als Nationalspieler Vorbildfunktion. 

    Emre Can lehnte ab

    Erdogan, der für die am 24. Juni anstehenden türkischen Präsidentschaftswahlen keinen Wahlkampf in Deutschland machen darf, war auf Werbetour in London. Özil und Gündogan überreichten Erdogan im Hotel "Four Seasons" jeweils ein Trikot, Gündogan versah es sogar mit einer Widmung: "Für meinen Präsidenten, hochachtungsvoll". Auch Liverpool-Legionär Emre Can hatte eine Einladung erhalten, schlug diese aber aus.

    Cacau: "Absolutes Eigentor"

    Als "absolutes Eigentor" hat der DFB-Integrationsbeauftragte Cacau das Treffen bezeichnet. Es helfe der Integration junger Menschen mit Migrationshintergrund nicht unbedingt weiter. "Ich kann sehr gut verstehen, dass sich hier viele Menschen aufgeregt haben. Mesut Özil und Ilkay Gündogan haben sich aus meiner Sicht leider für den Wahlkampf von Recep Erdogan instrumentalisieren lassen", sagte der Ex-Nationalspieler der "Stuttgarter Zeitung" und den "Stuttgarter Nachrichten". "Erdogans Haltung etwa bei der Pressefreiheit verbietet es aus meiner Sicht, hier zu solch einem PR-Foto anzutreten."

    Nach Ansicht der Integrationsbeauftragten der deutschen Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz, gaben Özil und Gündogan schlechte Vorbilder ab. "Ich erwarte nicht, dass ein Fußballer von Heute auf Morgen Diplomat wird. Aber ich erwarte von einem Fußballnationalspieler, dass er sich seiner Funktion bewusst wird", sagte die CDU-Politikerin am Mittwoch im Deutschlandfunk.

    Viele Kritiker von Erdogan steckten in Gefängnissen, sagte Widmann-Mauz. Das passe nicht zum Leitbild der DFB-Kampagnen und zu den Werten, die die Nationalmannschaft nach außen vertrete - erst recht nicht vor einer Weltmeisterschaft und vor Wahlen in der Türkei.

    Zu Wort meldete sich u.a. auch der deutsch-türkische Fußballer Deniz Naki. "Özil und Gündogan beteiligen sich an Erdogans Wahlkampf. Wenn das ihr Präsident sein soll, warum spielen sie dann für Deutschland?", wird der frühere Profi des FC St. Pauli und des SC Paderborn von sportbild.de zitiert.

    Sportpolitische Brisanz

    Der Aufschrei in Deutschland war laut. Einige forderten, dass die Söhne türkischer Einwanderer, die sich für die deutsche Nationalmannschaft entschieden haben, nicht für die WM nominiert werden. Sportpolitisch pikant ist der Fototermin zudem, da die Türkei einziger Konkurrent des DFB um die Ausrichtung der EM 2024 ist, die im September vergeben wird. DFB-Präsident Reinhard Grindel kritisierte: "Es ist nicht gut, dass sich unsere Nationalspieler für seine Wahlkampfmanöver missbrauchen lassen. Der Integrationsarbeit des DFB haben unsere beiden Spieler mit dieser Aktion sicher nicht geholfen." Der Fußball und der DFB stünden für Werte, "die von Herrn Erdogan nicht hinreichend beachtet werden". Das konterte der türkische Verbandschef Yildirim Demirören, ein Gefolgsmann Erdogans. Er warf Grindel vor, "den Fußball in die Politik hineinzuziehen" und bezeichnete die Aussagen als "diffamierend" und "inakzeptabel".

    Deutsche sehen Ansehen der DFB-Elf beschädigt

    Eine große Mehrheit der Deutschen glaubt laut einer Umfrage, dass das Ansehen der deutschen Nationalmannschaft durch das Treffen gelitten hat. 66,2 Prozent der Deutschen antworteten demnach mit "Ja, auf jeden Fall" auf eine entsprechende Frage. Weitere 16,7 Prozent antworteten mit demnach mit "Eher ja". 8,1 Prozent antworteten mit "Eher nein" und 4,7 Prozent mit "Nein, auf keinen Fall", wie aus der Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey für die Zeitung "Die Welt" (Mittwochsausgabe) hervorgeht.

    Konsequenzen gibt es für Özil und Gündogan keine. Bei Max Kruse war Löw nicht so nachsichtig: Der Bremen-Stürmer war 2016 eliminiert worden, weil er zuerst in einem Berliner Taxi 75.000 Euro liegen gelassen und danach einen Disput mit einer Reporterin in einem Berliner Lokal gehabt hatte.

    Journalist Seppelt im Visier der Russen

    Mit seiner Dokumentationsreihe „Geheimsache Doping“ leistet der deutsche Journalist Hajo Seppelt wertvolle Beiträge zur Aufklärung von internationalen Betrugsfällen. Auch in der Causa um das russische Staatsdoping-System brachte er den Stein ins Rollen. Das hätte Seppelt nun fast die Reise zur Fußball-Weltmeisterschaft nach Russland gekostet.

    Das vom SWR für ihn beantragte Visum wurde am Montag für ungültig erklärt, da der Journalist auf einer Liste der in Russland „unerwünschten Personen“ stehe.

    Gestern dann der Rückzieher. Seppelt erhält nun doch eine Einreiseerlaubnis. Weil die deutsche Bundesregierung den Druck auf die russische Staatsführung erhöhte und das auch vom Fußballweltverband FIFA eingefordert hatte. „Das ist nur ein Zwischenerfolg“, wurde der deutsche Außenminister Heiko Maas gestern zitiert. Die russische Justiz kündigte bereits an, den Dopingexperten vernehmen zu wollen, falls dieser zur Fußball-WM kommen sollte.

    Schon seit Jahren wird Seppelt in Russland als Staatsfeind betrachtet, Medien bezeichneten ihn als kriminellen Journalisten. „Offenbar fällt es Russland schwer, einzugestehen, dass es ein Problem mit Staatsdoping hat“, sagt Seppelt. Und: „Moskau hat sich damit keinen Gefallen getan.“ Denn nun werde „erst recht über Doping und Pressefreiheit in Russland diskutiert“.

    16.05.2018, 09:26 Uhr

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