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    Zu Fuß an Nordirlands Küste

    Zu Fuß an Nordirlands Küste

    Nordirland hat wieder einen fixen Platz auf der touristischen Landkarte. Entlang der wildromantischen Causeway-Küste führt ein 51 Kilometer langer Wanderweg. Neben steilen Felsklippen und langen Sandstränden lockt die älteste Whiskey-Destillerie Irlands.

    Eigentlich wollten sich Joann und Nigel McGarrity einen ruhigen Lebensabend machen. Weg aus der 330.000-Einwohner-Stadt Belfast, hinaus aufs Land. An die Küste, nach Ballintoy, hat es sie verschlagen. Sie haben ein kleines Café eröffnet. Joann bäckt täglich frische Scones, das für die Region traditionelle Wheaten Bread und mehrstöckige Torten. "Bei uns ist alles hausgemacht und ohne Zusatzstoffe", berichtet Nigel, "als Tagesmenü bieten wir frischen Fisch und lokal produziertes Fleisch an."

    Der "Red Door Cottage Tea Room" ist in einem traditionellen irischen Häuschen untergebracht. Das Café liegt oberhalb von Ballintoys Hafen, ein weiterer idyllischer Ort. Zumindest bis vor Kurzem. Denn seit Nordirland als Filmkulisse für die Fernsehserie "Game of Thrones" diente, ist der Norden der irischen Insel auf der To-do-Liste des Selfiestick-schwingenden Weltenbummlers von heute gelandet – dazu zählt auch der einst beschauliche Hafen von Ballintoy. Täglich kommen zahlreiche Touristen aus aller Welt. "Ich nehme mir trotzdem gerne Zeit, um mit meinen Gästen zu plaudern", sagt Nigel.

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    Lange Zeit war es nicht gerade hip, nach Nordirland zu reisen. Bis 1998 dauerte der mehr als 30 Jahre währende Bürgerkrieg zwischen Katholiken und Protestanten offiziell an. Mit dem Karfreitagsabkommen kamen die Friedensbestrebungen, Paramilitärs wurden entwaffnet, mit dem Tourismus ging es bergauf. Immer mehr Besucher pilgern jetzt an die nordirische Küste, die von Bergtälern namens "Glens", steilen Klippen und herben Sandstränden geprägt ist. Sie lässt sich mit dem Mietwagen entlang der rund 190 Kilometer langen Causeway Coastal Route erkunden. Die Strecke führt von der Hauptstadt Belfast nach Derry – oder Londonderry, wie pro-britische Landsleute die Stadt nennen. Wanderern bietet die Küste ein besonders Schmankerl – den 51 Kilometer langen Causeway Coast Way.

    Eine der Top-Sehenswürdigkeiten entlang des Weitwanderweges ist die Carrick-a-Rede Rope Bridge. Zur Hängebrücke gelangt man auf einem etwa einen Kilometer langen Fußpfad. Er führt direkt entlang der Kalksteinküste und gibt weitreichende Ausblicke auf das türkisblaue Wasser und die gegenüberliegende Insel Rathlin frei. Die 30 Meter lange Brücke wurde einst von Lachsfischern errichtet und führt auf die kleine Felseninsel Carrick-a-Rede, was im schottischen Gälisch so viel wie "Der Fels in der Straße" bedeutet.

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    Die Lachsfischerei hat an der nordirischen Küste Tradition. 350 Jahre lang hantelten sich die Fischer an einem Seil und später an einer etwas stabileren Brücke hinüber auf die kleine Insel, von wo aus sie ihre Netze ausbreiteten. An guten Tagen gingen bis zu 300 Lachse ins Netz. Die Lachsbestände sind stark zurückgegangen, geblieben ist eine Touristenattraktion.

    Die meisten Lachse auf den Tellern in den lokalen Restaurants sind heute gezüchtet. "Heute gibt es fast keine Lizenzen mehr, um wild zu fischen. Ich beziehe den Lachs von einer biodynamischen Lachsfarm und filetiere ihn eigenhändig", erklärt Ruairidh Morrison, der in Ballycastle mit dem North Coast Smokehouse eine kleine Lachsräucherei betreibt. Der Fisch wird mit Salz und Rohrzucker eingerieben, zwölf bis 36 Stunden gekühlt und danach 40 Minuten lang geräuchert. Normalerweise benutzt der gebürtige Schotte zum Räuchern Birkenholzplättchen, manchmal aber auch das Holz abgenutzter Eichenfässer der nahen Whiskey-Destillerie in Bushmills. Auch Salz, Pfeffer und die für die nordirische Küste typischen purpurfarbenen und nahrhaften Algen namens Dulse werden im Smokehouse geräuchert.

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    Zurück zum Causeway Coast Way: Von der Carrick-a-Rede-Hängebrücke aus führt der Weg nach Ballintoy mit dem gut besuchten Hafen und dem beliebten "Red Door Tearoom". Danach wird es wieder still und beschaulich. Clever, wer sich vorab über die Gezeiten informiert hat: Das letzte Stück vor White Park Bay lässt sich nur bei Ebbe überqueren. Auf der anderen Seite angekommen, ist das Staunen groß. In der Bucht glänzt ein langer Sandstrand, umgeben von weißen Klippen und mit Gras, Glockenblumen und Lilien bewachsenen Dünen, zwischen denen wilde Hasen hoppeln. Während die müden Wanderfüße zaghaft im Atlantik abgekühlt werden, stürzen sich die Einheimischen bei rund zwölf Grad Wassertemperatur gleich ganz in die Fluten.

    Weitwanderer unter sich

    Abseits der großen Sehenswürdigkeiten haben Weitwanderer die Küste weitgehend für sich. Steile Felsklippen, saftige Wiesen mit Schaf- und Kuhherden und gelb blühender Ginster prägen die Landschaft. Je näher man der nächsten Attraktion kommt, desto mehr Menschen begegnet man wieder. So auch beim Giant’s Causeway, der "Damm der Riesen" mit seinen sechseckigen Steinsäulen, die eng aneinandergereiht weit ins Meer hineinreichen. Der Legende nach riss der Riese Fionn mac Cumhaill alias Finn McCool einst Stücke aus der irischen Küste und warf sie ins Meer. So baute er eine Brücke nach Schottland, um seinem Rivalen Benandonner eine Lektion zu erteilen. Die wissenschaftliche Erklärung für die Felsenformationen: Die über 40.000 miteinander verbundenen Basaltsäulen sind vor 60 Millionen Jahren beim Abkühlungsprozess nach einem Vulkanausbruch entstanden.

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    Wer einen kleinen Umweg in Richtung Inland auf sich nimmt, findet mit Bushmills eine pittoreske, aber in die Jahre gekommene Ortschaft. Neben Übernachtungsmöglichkeiten, Pubs, Fish & Chips- Buden und Restaurants empfängt Irlands angeblich älteste noch produzierende Whiskey-Destillerie Besucher. Seit dem Jahr 1608 wird an diesem Standort irischer Whiskey produziert. 95 Millionen Flaschen werden pro Jahr abgefüllt, die Destillerie gehört mittlerweile jedoch einem mexikanischen Tequila-Produzenten.

    Vor der halbstündigen Führung heißt es: Smartphones aus, ansonsten könnte es brandgefährlich werden. Den Raum mit den Destillaten betritt die Gruppe nur kurz – hier hat es mehr als 40 Grad. Ganz anders die Temperaturen am dritten und letzten Tag des Causeway Coast Ways: Nebel, Nieselregen, typisches Irlandwetter eben. Es geht vorbei an weißen Kalksteinklippen, die kurz vor Portrush in einen langen Sandstrand übergehen. "Aufgrund des dichten Nebels ist das Schwimmen ab sofort verboten", hallt die Stimme eines Lifeguards aus dem Lautsprecher über den fast menschenleeren Strand. Während Portrush eine etwas lieblose Küstenstadt im britischen Stil ist, präsentiert sich das zehn Kilometer weiter westlich gelegene Portstewart als pittoreskes Örtchen mit einladenden Cafés und Galerien. Der Causeway Coast Way endet am örtlichen Strand – ebenfalls "Game of Thrones"-Schauplatz. Aber zum Glück ausgedehnt genug, um sich ein ruhiges Platzerl zu suchen.

    Infos

    Causeway Coast Way: Der 51 Kilometer lange Weg verbindet die zwei Küstenstädtchen Ballycastle und Portstewart und ist in zwei bis drei Tagen begehbar. Für alle, die ausschließlich auf unbefahrenen Wegen und schmalen Küstenpfaden wandern möchten, ist die Carrick-a-Rede Rope Bridge der Start- oder Endpunkt der Tour. Dorthin kommt man auch ohne Auto bequem mit dem Bus. www.causewaycoastway.com

    Carrick-a-Rede-Brücke: Die Brücke kann kostenlos besichtigt werden, nur wer sie überqueren möchte, zahlt schon am Eingang sieben Pfund Eintritt. www.nationaltrust.org.uk/carrick-a-rede

    Giant’s Causeway: Den Eintritt von zehneinhalb Pfund spart man sich, wenn man das Besucherzentrum auslässt, direkt vom Weitwanderweg zum Giant’s Causeway hinabsteigt und auf der anderen Seite wieder der Route folgt.
    www.nationaltrust.org.uk/giants-causeway

    Antrim-Coastal-Route: 190 Kilometer lange Küstenstrecke Belfast–Derry für Autofahrer.
    antrimcoastalroute.com

    Weitere Infos: discovernorthernireland.com, visitcausewaycoastandglens.com

    Maria Kapeller, 15.07.2017, 00:04 Uhr

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