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    Wo der Lenz nur im Tal willkommen ist

    Wo der Lenz nur im Tal willkommen ist

    In Berchtesgaden zieht es Urlauber und Einheimische auch nach Frühlingsbeginn in die Berge. Im Nationalpark, wo noch massenhaft Schnee die Gipfel einhüllt, spuren die Sportlichen pfeilgerade auf den Berg.

    Lilablassblau ist das Meer aus Tausenden Leberblümchen, die den Wegesrand am Fuße des Jenner säumen. Zwei Amseln tirilieren. Die Bäume befreien sich von der Last und werfen ihr weißes Winterkleid ab. Der Frühling zieht vorbei am mystischen Hochthron und am mächtigen Watzmann, er macht sich breit am Ufer des malerischen Königssees. Doch nicht alle scheinen sich mit dem Lenz anfreunden zu wollen. Viele der Einheimischen ziehen schnellstmöglich auf ihren zwei Brettern mit Fellen auf die Berge; wählen meistens den direkten Weg, was ihnen in der Sprache der Alpinisten den Begriff der Berchtesgadener Spur eingebrachte.

    Der südlichste Zipfel von Bayern ist mittlerweile bekannt für seine emsigen Sportler. Manche von ihnen haben es in die ewigen Bestenlisten geschafft, gehören zur Weltelite. Wie Anton Palzer, 23 Jahre alt, aus dem ersten Bergsteigerdorf Deutschlands, der kleinen Ortschaft Ramsau bei Berchtesgaden. Der Toni, wie sie ihn alle nennen, ist derzeit einer der schnellsten Menschen, die mit Skiern auf den Berg spuren und auf unberührten Steilhängen retour ins Flache gleiten. Nacheiferer gibt es inzwischen genug. Tourengehen hat sich in Berchtesgaden, wie überall in den Alpen, zu einem Trend entwickelt. Die Studenten, die Hausfrauen, die Arbeiter. Alle hasten hinauf auf die weißen Gipfel. Einer, den die Berge schon in jungen Jahren gerufen haben, ist Eddy Balduin. Der Skischulbesitzer und ehemalige Heeresbergführer, gebürtig aus dem Allgäu, mit einer Schwäche für den Untersberg, führt die Fremden durch seine Welt. Sommer wie Winter. Anfänger wie Kenner. Zeigt ihnen die scheinbar heile Welt, die sich hinter Glanz und Glamour von Salzburg duckt.

    Die Einheimischen nennen sich beim Hausnamen, ihre schmucken Häuschen und Gärten in den Tälern erinnern an ein längst vergessenes Märchenland. Selbst die ehemalige Fürstprobstei Berchtesgaden hält noch immer einen Dornröschenschlaf. Das Böse kommt hier höchst selten vorbei. "Ein Einbruch, wäre wochenlang in den Schlagzeilen", erzählt Eddy, 49 Jahre alt, neckisch und klebt die Felle auf seine Skier. Ihm tut es auch Moni Lenz gleich.

    Wo der Lenz nur im Tal willkommen ist

    "Anders als in Österreich, gibt es bei uns Almen und Kaser, bei dem nicht ausgeschenkt werden darf, sondern nur Speck und Käse verkauft werden. Bei uns heißt’s: Auf der Alm frisst das Rind, beim Kaser essen die Preußen.“ Eddy Balduin, Bergführer (Foto:diva)

    Moni, die Rangerin des Nationalparks Berchtesgaden, der 1910 zum Pflanzenschonbezirk ausgerufen und 1978 als erster und einziger deutscher Nationalpark in den Alpen auserkoren wurde, folgt dem Tourengeher in der Spur. Verschnaufpausen nützt die Faunaliebhaberin und -kennerin für Erzählungen über die Tiere, die den Weg zum Gipfel immer wieder durchkreuzten und Pfotenabdrücke hinterließen. "Unbedingt aufpassen, dass du keine Tiere vom Winterschlaf aufschreckst!" sagt sie, "denn die Flucht raubt ihnen Energie und kann das Todesurteil bedeuten".

    Naturschutz und Sport – das hat sich in Berchtesgaden nicht immer vertragen. Mittlerweile ist Harmonie ins Tal eingekehrt, auch deshalb, weil Menschen wie Monika auf die nachhaltige Nutzung und Entschleunigung in der Natur beim Aufstieg und auch nach der Abfahrt vom Jenner unermüdlich hinweisen.

    Eine Botschaft, die vor Jahren bei Hannes Lichtmannegger auf große Ohren stieß. Der Hotelchef des Vier-Sterne-Superior-Wohlfühlressorts Rehlegg in der Ramsau hat in den dunkelsten Stunden seines Betriebs, den er mit seinem Cousin Franz in dritter Generation führt, einen Umkehrschwung gesetzt. Wer Bananen an seinem Frühstücksbuffet sucht, wird nicht fündig. Exotisches gibt es nicht, ausschließlich Regionales wird dem Gast serviert und statt mit Chemie wird mit Mikroorganismen geputzt.

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    Blick vom Jenner auf den Königssee und den wolkenverhangenen Watzmann, rechts. (diva)

    Kein gequältes Fleisch

    Mit dieser Strategie heimst der Betrieb im Bergsteigerort, den Lichtmannegger mit Wegbegleitern initiierte, eine Auszeichnung nach der anderen ein. Der erfolgreiche Chef hält Gastvorträge an der Uni Wien über Regionalität und Nachhaltigkeit im Hotel- und Gastgewerbe und mischt auch bei der Produktion mit. Weil ihm die Reislieferung aus China zu viele Schadstoffe verursacht und er kein gequältes Fleisch auf dem Teller haben will, tat sich der Erkundungshungrige mit Bauern und Betrieben zusammen, lässt Reis in Bayern wachsen und 400 Jahre alte Getreidesorten anbauen. Daraus wird im Nachbarort Bier für die neu gegründete Marke Rehbock gebraut. Und auch der Bäcker im Ort grübelt schon, was er mit den antiken Zutaten backen soll. Das jüngste Projekt ist ein besonders niedliches: das 1907 in Deutschland ausgerottete schwarze Alpenschwein hat Lichtmannegger zusammen mit dem Bauern Franz Kederbacher von Südtirol ins Berchtesgadener Land zurückgeholt. Die robusten Ferkel wachsen auf der Weide mit Blick auf den zweithöchsten Berg Deutschlands auf.

    Wo der Lenz nur im Tal willkommen ist

    Hannes Lichtmannegger mit einem zwei Tage alten Kitz der Gattung Blobe-Ziege.(diva)

    Während die Schweinderl im Boden wühlen, fliehen auf der gegenüberliegenden Seite des Tales die nächsten Frischluftenthusiasten vor dem Frühling. Sie lassen die Krokusse und das Amselgezwitscher im Tal eilig hinter sich, gleiten auf ihren Brettern – einmal gerade in der Berchtesgadener Spur, einmal im Zickzackkurs – auf den mächtigsten aller Gipfel zu. Auch wenn sie sich im Tal breit gemacht haben; ihn, den Watzmann, werden der Lenz und seine Frühlingsboten noch lange nicht erreichen.

    Wo der Lenz nur im Tal willkommen ist

    Alternative zum Skitourengehen: Schneeschuhwandern. (diva)

    280 Kilometer lang ist das Wanderwegenetz im Nationalpark Berchtesgaden, mehr als 100 Kilometer Wege können dort auf Skitourenskiern bewältigt werden. Insgesamt ist die Fläche des Nationalparks mit 208 Quadratkilometern bemessen. Wer mehr über die Pflanzen- und Tierwelt erfahren möchte, ist im Haus der Berge in Berchtesgaden richtig. Neben Ausstellungen werden kostenlose Führungen und Fachexkursionen zu verschiedenen Themen angeboten.

    Zwei Ausflugsziele, die man sich nicht entgehen lassen darf, sind der Königssee und die Wallfahrtskapelle St. Bartholomä, die gut mit dem Schiff erreichbar sind. Ein beliebtes Fotomotiv ist der Hintersee (Bild) in der Ramsau, dem ersten Bergsteigerdorf Deutschlands.

    1839 Meter über dem Meeresspiegel thront das Kehlsteinhaus, Codename Eagles Nest, das die NSDAP als Geschenk an Adolf Hitler 1938 bauen ließ. Geöffnet ab Mai.

    24 Stunden sind die Teilnehmer bei der von Eddy Balduin initiierten Trophy, die von 30. 6. bis 2. 7. im Berchtesgadener Land stattfindet, unterwegs. Anmeldung: www.24h-trophy.de.

    Berchtesgadener Land Tourismus: +498652 6565050, info@berchtesgaden-land.com

     

    Valentina Dirmaier, 25.03.2017, 00:04 Uhr

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