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    Wildnis und Wellness

    Wildnis und Wellness

    Die viertägige Ski-Traverse durch die Nockberge beglückt mit fantastischer Landschaft und wilder Einsamkeit. Abends lockt das Kontrastprogramm mit Sauna und Vier-Gänge-Menü. Ein Angebot für gute Skitourengeher, die es nach dem Abenteuer ein wenig schön haben wollen, findet Dominika Meindl.

    Es hat minus 10 Grad, der Wind brüllt ins Ohr, die Kälte will unter die fünf Multifunktionsschichten schlüpfen und ins Genick beißen, die Oberschenkel maunzen. Es ist so frostig, dass wir die Adhäsionsfelle bei der Abfahrt unter die Achsel klemmen müssen, damit sie später wieder auf den Skiern haften.

    Ungemütlich? Mag sein, aber hier sind glückliche Leute unterwegs. Wir stapfen kilometerlang über Höhenrücken, rundum nur weiße Berge. Seit wir mit dem Lift auf das Aineck gefahren sind und die gesicherten Pisten hinter uns gelassen haben, sind wir allein in der Wildnis.

    Lisi Fürstaller, unsere Bergführerin, hat uns beim Vier-Gänge-Menü am Abend zuvor den Mund wässrig gemacht. Sie liebe diese Tour, sagte sie. "Gleich nach dem Lift siehst du keine Zivilisation mehr." Das konnten wir uns tags zuvor – nach Hallenbad, Sauna und Massage, angereist aus unseren Stadt-Büros – noch nicht recht vorstellen. Jetzt cruisen wir sanft durch schütteren Lärchenwald, hinunter ins Laußnitztal.

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    Ein besonders fittes Mitglied bietet an, eine Weile die Spur-Arbeit durch den tiefen Schnee zu übernehmen, aber Lisi lächelt. "Na, bitte net! Vor mir nur Weiß, das ist herrlich!" Und weiter zieht sie uns eine Bahn, von der Schwarzwand bis zur Gaipahöhe. Ein erster Glücksquell am Nockberge-Trail.

    Ein Blick zurück nach Oberösterreich: Wer viel im Toten Gebirge zugange ist, findet unverspurtes Gelände nur, wenn er früh oder ambitioniert unterwegs ist. Hier hingegen begegnen wir während der gesamten viertägigen Skitraverse nicht einem einzigen anderen Tourengeher. Selten erahnen wir eine Spur. Eine ungewohnte, herzerfrischende Bergeinsamkeit. Wenn es nach dem Kärnten-Tourismus geht, könnte sich das in Zukunft ändern. Zu Recht, die Landschaft vertrüge viele Tourengeher mehr. Überrannt wird das Gebiet aber mit Sicherheit nie werden.

    Technik und Kondition vorausgesetzt

    Für kaum trainierte Tourengeher sind die vier Tagestouren einfach zu lang: Wir sind mitunter mehr als sieben Stunden auf den Beinen. Dazu kommt: Die Abfahrten sind selektiv, und die Lawinensituation ist genau zu beachten. Selten werden wir in den kommenden vier Etappen mehr als 1100 Höhenmeter pro Tag zurücklegen, es summieren sich aber die Streckenkilometer (mit Lift und Abfahrten bis zu 20), und wir fellen mindestens zweimal pro Etappe auf und ab. Immerhin sind die technischen Anforderungen gut zu bewältigen; wer eine Spitzkehre beherrscht, ist dabei.

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    In dieser Woche beträgt die Lawinenwarnstufe zwar nur 2 (mäßig), wir sind aber froh, mit geprüften Bergführern unterwegs zu sein. An diesem klirrend kalten, letzten Februartag erscheint die selbständige Orientierung zwar möglich, Lisi kennt aber andere Umstände. Unlängst habe sie mit zwei sehr erfahrenen Bergsteigern die Tour nach wenigen Stunden abbrechen müssen, weil die Sicht zu schlecht war. Einfach abfahren gehe selten, im schlimmsten Fall müsse der Helikopter kommen. Wir schaffen es sicher hinunter nach Innerkrems.

    Der zweite Tag kann getrost als Königsetappe bezeichnet werden. Hier bewährt sich Bergführerin Lisi besonders: Sie kennt die Tricks und Kniffe. Beispiel: Der Autorin heftet sie beim Aufstieg vom Grünleitennock auf den Königstuhl die störrischen Felle ganz einfach mit Kabelbindern an die Ski.

    Dann, bei der Abfahrt über den abgeblasenen Grat des Gregerlnocks, passiert das Unglück: Ausgerechnet der sicherste Skifahrer der Gruppe stürzt und renkt sich die Schulter aus. Mit Lisis Hilfe gelingt es, das lädierte Gelenk wieder einzurichten; der (nicht eben schmerzempfindliche) Kollege kann die Tour fortführen. "Ich bin die Schwester vom MacGyver!", lacht Lisi, wir nicken schwer beeindruckt.

    Leistungs-Junkies und Rekordjäger finden anderswo ihr Glück. Zielpublikum des Angebots "Nockberge-Trail" sind begeisterte Tourengeher, die Authentizität nicht notwendigerweise mit einer Nacht im Matratzenlager verbinden, sondern sich die vom Rucksack verspannten Schultern massieren lassen und später gut essen wollen. Das Gepäck wird in das nächste Hotel gebracht, die ersten 500 bis 800 Höhenmeter erledigt die Seilbahn, die letzte Abfahrt geht angenehm über die Piste.

    Je nach Vorliebe kann man sich über ein Baukastensystem ein individuelles Paket zusammenstellen. Vollprofis reichen Tourenbeschreibung und GPS-Daten, Freizeitsportler leihen sich die Ausrüstung aus und checken im Vier-Sterne-Hotel ein. Freilich darf man untertags nicht trödeln, wenn man Spa und Sauna nutzen möchte. Zusammengestellt wurde der Trail gemeinsam von Touristikern, Hoteliers, Liftbetreibern und Bergführern. Er wird nur von Norden nach Süden angeboten, weil Etappen und Unterkünfte solcherart ideal zu erreichen sind.

    Bruchharsch und Pulverschnee

    In dieser, der kältesten Woche des Winters, müssen wir wegen des Sturms oft Bruchharsch bewältigen, auf windstillen Hängen ergötzt uns hingegen Pulverschnee. Grundsätzlich ist der Trail auch bei wenig Schnee begehbar. Am Morgen des dritten Tages ist die Motivation mau, obwohl uns die minus 1 Grad auf der Turracher Höhe geradezu tropisch vorkommen. Auf der Bergstation des Kornocklifts bläst der Wind wieder böse. Dann fahren wir in den Lärchenwald hinein. 1a-Pulver. Unten angekommen, grinsen alle übers ganze Gesicht.

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    Wohlgelaunt steigen wir über die Pregartscharte. Bruno, unser neuer Bergführer, lotst uns einzeln an Hängen entlang, um die Lawinengefahr zu minimieren. Als Alpinpolizist und Flugretter hat er viel Erfahrung, oft mehr, als ihm lieb ist. Eine Weile gehen wir auf der meterhoch verschneiten Nockalmstraße dahin, nahe dem Windebensee queren wir hinaus in die Wildnis. Beim steilen Anstieg zum Steinnock springt plötzlich ein Schneehase vor uns davon. Und ebenso plötzlich endet die Wildnis, das Familienskigebiet Falkert liegt unter uns. Man schrecke nicht davor zurück, kinderlos im Heidihotel einzuchecken, man meint es hier mit der Freundlichkeit so ernst, dass der Senior-Wirt der Autorin um ein Haar einen Hund geschenkt hätte. Die letzte Etappe, die über den Falkert und den Mallnock nach Bad Kleinkirchheim führen sollte, ist wegen der schlechten Sicht leider schnell erzählt: Im Blindflug fahren wir zum Falkertschutzhaus ab. Aber Bruno hält uns bei Suppe und Bier mit Raubersgschichten schadlos ("Das Verbrechen macht an der Baumgrenze nicht halt!"), bis das Taxi uns abholt und zum Katschberg zurückbringt. Mit Wehmut lassen wir die weißen Kuppen der Nockberge hinter uns.

     

    Biosphärenpark

    Der viertägige Durchquerung des Biosphärenparks Nockberge ist Österreichs erste online buchbare Skitraverse. Sie beginnt im Skigebiet Katschberg, führt über Innerkrems, Turracher Höhe, Falkert und endet in Bad Kleinkirchheim.

    Auf dem Buchungsportal können Partner-Hotels (von „Basic“ bis „Comfort“), Zeitpunkt (Mitte Dezember bis Anfang April) und Bergführer ausgewählt werden. Die Preise variieren zwischen 800 und 1700 Euro. Eine Buchung ohne Guiding ist nur nach Zustimmung zum Haftungsausschluss möglich.
    www.nockberge-trail.com, [email protected], +43/4782 93093

     

    Dominika Meindl, 10.03.2018, 00:04 Uhr

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