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    Wie in der Weihnachtskrippe

    Wie in der Weihnachtskrippe

    Augenschein in Europas Kulturhauptstadt 2019: der Höhlenstadt Matera.

    Ob Francesco Rosis Filme "Schöne Isabella" (1967) und "Christus kam nur bis Eboli" (1979), Tavianis Streifen "Nachtsonne" (1990), die Neuverfilmung von "Ben Hur" von 2016 oder die Comicverfilmung von "Wonder Women" – alle haben eines gemeinsam: die Kulisse, die Szene. Es ist die Höhlenstadt Matera in der italienischen Südprovinz Basilicata.

    In die Hänge der riesigen Schlucht der Gravina di Matera meißelten die Menschen seit der Frühzeit Höhlen als Behausungen, eine riesige Wabensiedlung, verknüpften sie labyrinthartig durch Gassen, schufen Plätzchen. Regenwasser lief durch ein raffiniertes System der Zuleitungen in Zisternen, in jede Wohnhöhlung gegraben. In einer Seitennische wurde gekocht, in einer größeren gegenüber den Betten der Familie hatte das Muli seinen Standplatz, am Fußende der Betten schlummerte das Kleinste. Licht gab es von Kerzen und von Ölfunzeln.

    Eine der ältesten Städte der Welt

    Leben wie jenes der sich entwickelnden Heiligen Familie zu Bethlehem, wie es die Weihnachtskrippen so schön schildern: Alles unter einem Dach (nur der Ochse wäre hier zu groß zur Unterbringung). Aber als man hier Unterkunft hatte wie später die Heilige Familie im Gelobten Land, war von dieser noch gut 1000 Jahre keine Rede, arbeitete drüben in Jerusalem grad’ der weise Sprücheschreiber Salomo an seiner Belletristik für die Ewigkeit und stellten die Ägypter die Säulen ihrer Riesentempel Luxor und Karnak auf.

    Irgendwo in China soll es eine ähnliche Siedlung geben, eine dritte derartige in vergleichbarer Dimension ist der Welt nicht bekannt. Noch 1948 lebten hier 15.000 Menschen in 3300 Höhlen. Sie bauten Generation für Generation allmählich davor Fassaden, optisch begann eine Großsiedlung der besonderen Art zu wachsen.

    Nun gibt es zwar anderswo auch Höhlenwohnungen, etwa in Südspanien, in Ostanatolien, in tunesischen Wüstenregionen. Aber in dieser Massierung, dieser Größenordnung ist Matera eine kulturgeschichtliche Weltsensation, 1993 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Das sah man nicht immer so. Als der italienische hochrangige Politiker Giulio Andreotti in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts die Gegend besuchte, war er entsetzt über diese "italienische Kulturschande" – was heißt, in Rom hatte man damals noch keinen blassen Schimmer davon, was sich da unten im Mezzogiorno des Stiefels abspielte. Aber er meinte: Diese Sauerei müsse weg, denen bauen wir Wohnungen, wie sie braven Christenmenschen zustehen, mit Wasser aus der Leitung und Strom vom Elektrischen, auf dass sie nicht weiter da in ihren Höhlen hocken müssten wie die Heiden. Aber die Höhlenmenschen hatten nicht die geringste Lust auf Wasserhahn und Glühbirne, wollten weiter drinnen hocken bleiben mit ihren Mulis und ihren Zisternen und ihren Funzeln. Das half freilich nichts, umgesiedelt wurde, die "Sassi" verfielen.

    Droben, auf der Hochfläche der Murgia, entwickelte sich um den uralten Kern eine Stadt von der typischen bürgerlichen Prägung einer italienischen Kommune mit der Architektur hauptsächlich des 18. und 19. Jahrhunderts, mit reichem auch inzwischen kulturhistorisch gewordenem Erbe, mit etwa 160 Kirchen und Kapellen, eleganten Palazzi, in das die uralte Höhlenstadt eingebunden ist.

    Heißbegehrte Aussichtspunkte

    Der Großteil der Sassi ist nun Eigentum der Kommune, die "italienische Schande" ist heute eine Sache von Schickis, man kann die Objekte kaufen oder mieten. Sie werden restauriert, modern ausgestattet, das Interesse der Besucher aus aller Welt steigt. An den Aussichtspunkten liefern sich die Fotografen Ellbogen-Kampfturniere.

    2019 ist Matera eine von zwei europäischen Kulturhauptstädten, mit dem Zeitbogen von der Frühgeschichte bis zur kulturellen Gegenwart. (Partnerstadt ist die bulgarische Stadt Plowdiw.) Die Stadt hat allen Grund, auf den Zuschlag stolz zu sein. Sie stand in Wettbewerb mit so traditionsreichen, stolzen Städten wie Siena und Urbino, kulturellen, historischen und architektonischen Juwelen im Landeszentrum, und kann mit europäisch wirksamem Marketing-Konzept darauf aufmerksam machen, dass der Mezzogiorno im Prinzip bis heute vom reichen, arroganten Norden links liegengelassen wird.

    Die Pläne für 2019

    Ein kultursoziologisches Langzeitprojekt wird erarbeitet. Ein Museum, das Matera als einen Demonstrationsbrennpunkt der Geschichte der Arbeit, der Kultivierung und der Zivilisation gestaltet, unter Einbezug der Sassi selbst. Mit umfangreichem Fotomaterial mit Schwerpunkt Gesellschaftsgeschichte. Die Stadt will sich stellvertretend für die ganze Region nicht nur touristisch-marketingmäßig als Zielort des globalen Kulturtourismus positionieren, sondern sich auch in das Mosaik EU einbringen als "Cittadinanza", was (kaum wörtlich übersetzbar) "europäische Bürgerschaft" bedeutet.

    Derzeit kann man eine Demo-Wohnhöhle besichtigen, sozusagen als Heimatmuseum der Gegend. Man kann in dem den riesigen Hang hinab rieselnden Architektur-Gemengsel gassauf, gassab und auch durch die Schlucht wandern auf die gegenüberliegende Seite. Diese ist ebenfalls durchlöchert wie Emmentaler Käse, eine gigantische Landschaft.

    Wer Apulien besucht, hat hierher nicht weit. Von der Großstadt Bari sind es nach Matera gerade 63 Kilometer. Der Halbtagesausflug – auch wenn sehr verkürzt geplant – ist die Reise wert, wie die ganze Landschaft am Sporn und der Ferse des Italien-Stiefels. Aber das ist eine andere Geschichte.

    Reinhold Tauber, 22.07.2017, 15:00 Uhr

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