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    Waltrauds Date mit der Welt

    "Ich bin ein Schisser und Hypochonder", sagt Waltraud Hable über sich selbst. Nicht die besten Voraussetzungen, sich auf Weltreise zu begeben – dazu allein, als Single und Ende 30. Warum es die gebürtige Innviertlerin dennoch gewagt hat, hat sie Roswitha Fitzinger erzählt.

    Die elf Monate in der Fremde haben bei Waltraud Hable Spuren hinterlassen. Unter anderem ein Buch, in dem die in Aurolzmünster aufgewachsene 39-Jährige launig und mit viel Augenzwinkern über ihr 15-jähriges Zögern, über Haie und Männer, falschen Erwartungen und schrägen Begegnungen erzählt, vor allem aber gibt die in Wien lebende Journalistin anderen Mut und Tipps, ihr eigenes Date mit der Welt zu wagen.

     

    OÖNachrichten: Was war der wichtigste Ratschlag, den Sie bekommen haben?

    Waltraud Hable: Der kam von einer Freundin, die selbst auf Weltreise war. Es ging ums Packen. Man will ja für alle Eventualitäten gerüstet sein und steht vor einem riesigen Chaos. Meine Freundin meinte, wenn es die Leute im Land, in dem du bist, nicht brauchen, wirst du es auch nicht brauchen. Ein weiser Rat. Er hat mir sehr geholfen. Und schließlich, das meiste, das einem fehlt, kann man kaufen.

    Ich dachte immer, Weltreisende reisen mit Rucksack. Sie haben einen Koffer hinter sich hergezogen, warum?

    Ein Rucksack ist wahnsinnig unübersichtlich. Das macht mich irre. In meinem Hirn herrscht ohnehin schon Chaos. Außerdem bin ich nicht der Trekking- oder Campingtyp, mag eher Metropolen und da ich länger an einer Destination war, war der Koffer die logische Konsequenz. Würde ich es nochmal mit Koffer machen? Würde ich. Ein Koffer ist am Flughafen leichter aufzugeben, ist praktisch, übersichtlicher, verschließbar. Er entsprach meinem Leben. Hauptsache, er hat vier Rollen.

    Ihrer Reise ging eine lange Überlegungsphase (15 Jahre) voraus. Was war die größte Hürde?

    Es gab drei: Zunächst erschien mir, als Frau alleine zu reisen als zu gefährlich. Dann dachte ich mir, es ist wahnsinnig einsam. Für mich war Reisen immer etwas, das mit mindestens zwei Personen gemacht wird. Und schließlich ist Alleinreisen auch noch teuer.

    Gewichtige Hinderungsgründe, die Sie wie ausgeräumt haben …?

    Wenn man es sich genau überlegt, ist einsam nur, wer einsam sein will. Man findet immer andere Leute. Gefährlich kann es auch in Wien sein, aber wenn man den Hausverstand einschaltet und nicht ganz komische Dinge anstellt, hat man eine gute Basis. Und teuer ist eine Frage der Erwartungen. Der Reisetraum muss adaptiert werden. Ich wäre gerne zwölf Monate gereist, aber nach elf Monaten war meine Kohle relativ aus. Ich habe beschlossen, lieber kürzer, dafür wollte ich mir an den schönsten Orten der Welt keine Gedanken über Geld machen.

    Gegen die Einsamkeit haben Sie die DatingApp Tinder aktiviert – war das geplant?

    Überhaupt nicht. In Wien würde ich das im Himmel nicht machen. Aber eine Freundin hat gemeint: Dann musst du zumindest nicht alleine essen gehen. Als ich darauf geantwortet habe, das werde ich sicher nicht machen, hat sie nur gemeint: Das wird dir schon recht werden. So war es auch. Alleine als Frau in meinem Alter ist es schwierig, mit anderen in Kontakt zu kommen: Pärchen sind eine Einheit und mit 20-Jährigen kann ich nicht so viel anfangen. Alleinreisende Frauen gibt es, aber viele wollen für sich sein, also hab ich in Kapstadt mit Tinder begonnen, obwohl die Destination nicht den besten Ruf hat. Für mich hat es funktioniert und ich kann es nur jedem empfehlen. Die Liebe ist für mich nicht dabei rausgekommen, aber jede Menge guter Reiseführer.

    Sie bezeichnen sich selber als Schisser und Hypochonder. Haben Sie eines von beiden abgelegt – oder sogar beides?

    Ich glaube, das mit dem Schisser, was aber auch daran liegt, dass ich sehr verkopft bin, mir über alles Sorgen mache. Aber das Schlimmste, das mir passieren kann, ist, drastisch ausgedrückt, abzukratzen, aber das kann mir überall passieren. Heute treffe ich schneller Entscheidungen, bin aber auch ungeduldiger, wenn andere herumeiern. Vor der Weltreise erschien mir mein Leben so vorhersehbar. Heute weiß ich, gar nichts ist vorhersehbar, man muss sich einfach darauf einlassen und es passieren coole Dinge. Also: Schisser abgelegt, Hypochonder nach wie vor.

    Wie ging es der Hypochonderin auf der Reise?

    Gut. Ich hatte nichts.

    Und wie oft dachten Sie, krank zu sein oder krank zu werden?

    Zweimal. Einmal in Indien dachte ich, ich hätte Malaria, nämlich schwerste Malaria, dabei war es nur ein leichter Schüttelfrost. In Lissabon habe ich mir eingebildet, Mandelkrebs zu haben. Es war eine Angina.

    Welche Destination hat Sie am positivsten überrascht?

    Kapstadt. Ich wollte nie da hin, habe es nur in meine Liste aufgenommen, weil ich mir dachte, wenn du schon in Afrika bist, ist es mit Tansania eine Destination zu wenig. Aber ich hatte auch Bauchweh, Kapstadt gilt als gefährlich und man hört nicht das Positivste. Ich bin angekommen und es war, wie wenn die Englein singen. Ich war fasziniert und hellauf begeistert von der schönen und abwechslungsreichen Landschaft, die Leute waren so wahnsinnig freundlich. Ich habe in Kapstadt erstmals Tinder aktiviert, war mit Haien tauchen, habe Sachen gemacht, die ich noch nie gemacht oder mich noch nie getraut habe. Kapstadt hat mich mutig gemacht.

    Die größte Enttäuschung …?

    Von der Destination her absolut San Francisco, allerdings war ich selbst schuld, weil ich zu viele Erwartungen hatte, wenn ich mich besser vorbereitet hätte, hätte ich gewusst, dass San Francisco die teuerste Stadt der USA und mit einer Weltreise nicht kompatibel ist.

    Warum das?

    Die Hippies sind schon lange weg, jeder hat mehrere Jobs und bastelt in seiner Freizeit an einem Start-up, alles ist so wahnsinnig kompetitiv. Ich habe den Leuten auf meiner Reise immer gerne erzählt, dass ich auf Weltreise bin, aber in San Francisco konnten sie damit gar nichts anfangen. Dazu kam, es war die einzige kalte Destination und meine Unterkunft war grindig und dreckig. Ich hab mir eine neue genommen, dann ging es auch, aber mittendrin habe ich mich wie gelähmt gefühlt. Das war wahrscheinlich mein größter Dämpfer auf der gesamten Reise, ich habe sogar überlegt abzubrechen. Das hatte ich nachher nie wieder.

    Die schrägste Begegnung …?

    Puh, da gab es so viele. Aber als mich in den Favelas in Rio ein Typ aus Rohrbach im breitesten Oberösterreichisch begrüßt hat, das war schon sehr schräg. Er hat dort gearbeitet, Führungen gemacht.

    Heimkommen oder Wegfahren – was ist schwieriger?

    Beides ist schwierig, beides ist nicht vergleichbar. Als die Entscheidung einmal getroffen war, ging es. Das Heimkommen, damit hadert man täglich quasi. Ich habe ein paar Mitbringsel mitgenommen oder nach Hause geschickt. Das sind Dinge, die helfen mir jetzt als Ankerpunkt. Wenn ich aus dem Fenster schaue und es ist in Wien grau und schiach, dann weiß ich wieder, es gibt in dieser Sekunde komplett andere Punkte, man muss nur den Blickwinkel ändern und ist sofort wieder in einer anderen Welt. Insofern: Heimkommen ist schwieriger.

    War klar, dass aus der Weltreise ein Buch entsteht?

    Überhaupt nicht. Ich hab während der Reise einen Blog geschrieben, vor allem für Familie und Freunde. Zuhause hatte ich dann viele Anfragen von Frauen, die sich mit mir treffen und Tipps haben wollten, zu Planung, Versicherung, Gepäck. All das hätte man auch googeln können, dann wurde mir bewusst, die wollten die Bestätigung, dass so eine Reise möglich ist, auch wenn man nicht der Checker ist. Irgendwann habe ich mir gedacht, warum sollte ich mich ständig mit fremden Frauen in Kaffeehäusern treffen, da kann ich auch gleich ein Buch machen. Ich habe an drei Verlage eine Anfrage geschickt und nach drei Tagen hat sich Dumont gemeldet.

    Wo geht die nächste Reise hin?

    Kann ich nicht sagen. Alles, was sich im Zeitraum von einer Woche bewegt, erfüllt mich nicht. Ich habe wieder ein Konto, das diesmal "Reise" heißt und auf das ich brav einzahle. Ich hoffe, dass es in absehbarer Zukunft irgendwann wieder länger weggehen wird. Für mich ist nicht der nächste Urlaub das Ziel, sondern die nächste große Reise. Mit dem Koffer. Und ich hätte schon gerne wieder ein Jahr.

    Buchtipp: Waltraud Hable - "Mein Date mit der Welt", Dumont, 247 Seiten, 16,50 Euro

     

    Reiseweisheiten nach 106.543 Kilometern
     

    • Reisefeuchttücher are a travel girl’s best friend
    • Streetfood. Streetfood. Streetfood.
    • Jedes Land braucht einen eigenen Soundtrack.
    • Affen ist zu misstrauen, egal wie unschuldig sie vom Baum herunterschauen.
    • Zeit ist ein dehnbarer Begriff. Distanzangaben sind es ebenfalls.
    • Pläne ändern sich. Hand drauf.
    • Das Bauchgefühl hat immer recht.
    • Die Welt wirkt intensiver, wenn man sie sich nicht durch eine Fotolinse anschaut.
    • Jedes dritte Souvenir zu kaufen reicht auch.
    • Romanzen auf Reisen sind intensiver. Aber auch kürzer. Einer muss immer das nächste Flugzeug erwischen.
    • Die Welt ist nicht so gefährlich, wie man glaubt (zumindest wenn man keine dummen Sachen anstellt und den Hausverstand in die Pause schickt).
    • Notfall-Nüsse und Schokolade gehören in jedes Gepäck. Der nächste Heißhunger kommt bestimmt. Jemand, den man damit freundlich stimmen will/muss/kann auch.
    • Wer öfter Ja sagt, sieht mehr vom Leben.

    24.02.2018, 00:04 Uhr

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