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    Venedigs unbekannte Schönheiten

    Venedigs unbekannte Schönheiten

    Beschaulichkeit kennt Venedig kaum, aber zwischen Carnevale und Biennale atmet die Stadt ein bisschen durch und es ist eine der angenehmsten Zeiten, La Serenissima zu besuchen– von und mit Herta Gurtner.

    Die einzigartige Atmosphäre, die gute Erreichbarkeit sowie das südliche Lebensgefühl mit bestem Cappuccino, Campari und kleinen Brötchen, die sich in Venedig "cicchetti" nennen, all das macht Lust, Venedig auch mehrfach im Jahr zu besuchen.

    Die Stadt birgt aber immer noch Plätze und Bauten, die sich erst bei genauerer Betrachtung zeigen. Gegen die stetige Abnahme der Zahl der Venezianer und Venezianerinnen wurden in einigen "Sestieri" neue Wohnbauten zu günstigen Preisen errichtet. Vom Bahnhof nordöstlich, dem Festland zugewandt, baute die Stadt im Viertel Cannaregio am Campo Saffa auf einem ehemaligen Industriegelände neue Wohnungen, daran anschließend findet sich die 2004 fertiggestellte Wirtschaftsuniversität auf einem ehemaligen Schlachthofgelände und einige Schritte weiter die Wohnanlage Sacca San Girolamo. Hier entdecken wir auch versteckte kleine Bars und Trattorien mit gehobener Qualität und verträglichen Preisen. Empfohlen sei das "Vino Vero" an den Fondamenta de la Misericordia. Hier bereitet man sehr gute, originelle cicchetti zu, die mit hervorragenden Weinen (auch österreichischen) auf einen Stopp auf dem Wasser einladen. Aber bitte keinen "Spritz" bestellen, sonst bleibt man auf dem Trockenen sitzen.

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    Ein Kloster als Wohlfühlhotel

    Hotels und Pensionen gibt es ebenso zahllose in Venedig wie Bars. Wer es aber gerne ruhig und ungezwungen zu einem angemessenen Preis hat, der sollte das sehr sensibel umgebaute und renovierte Kloster We Crociferi auf dem Campo dei Gesuiti in Cannaregio probieren. Das ehemalige Jesuitenkloster, dessen Bausubstanz zum Großteil erhalten blieb, wird sowohl von Studenten als auch von kleinen Gruppen und Einzelpersonen gebucht. Ein bisschen Hostel mit Gemeinschaftsküche und Bibliothek, ein bisschen Renaissance-Palazzo mit weitläufigen, beeindruckenden Aufgängen und Fensterlösungen, ein bisschen Kloster, dabei überall ungezwungen und offen, ruhig und kultiviert, wirklich zum Wohlfühlen.

    Richtung Arsenale und Giardini

    An der nördlichen Wasserkante, entlang der Arsenalmauer, führt seit dem Jahr 2000 ein Fußgänger-Steg von San Francesco della Vigna bis zum Arsenale-Komplex. Auf der einen Seite ragt die antike Backsteinmauer in die Höhe, während auf der anderen der Blick auf die Lagune, Mestre und bei gutem Wetter bis zu den schneebedeckten Alpen reicht. Unter den Füßen sehen wir das Wasser der Lagune, da der Steg direkt an die Mauer gehängt wurde. Bei der Vaporetto-Station Bacini angekommen, kann man das Arsenale von seiner unbekannten Seite entdecken und die "Tese", die umgebauten Hallen des Arsenale, teilweise erforschen. Nehmen Sie einen Café in der Bar in Tesa 105, man sitzt am Wasser und betrachtet das ruhige Biennale-Gelände des Arsenale.

    Venedigs unbekannte Schönheiten

    Jetzt mit dem Vaporetto noch auf einen Sprung auf die Giudecca, die Arbeiterinsel, auf der sich einige umgebaute Fabrikgebäude, wie die Molino Stucky, früher Mühle, jetzt das Hilton Hotel befinden. Wer hier nächtigt, kann vom Pool auf dem Dach einen unbeschreiblichen Blick auf Venedig werfen. Die Skyline Bar gewährt jedem Besucher diesen Luxus. Ein Glas Wein schlägt allerdings mit zehn Euro zu Buche.

    Einen Blick über Venedigs Dächer, bis zu den Alpen und an den Lido, kann man auch vom Fondaco dei Tedeschi, einem Palazzo, der von Rem Koolhaas zu einem hochpreisigen Kaufhaus umgebaut wurde, genießen. Der Fondaco liegt gleich neben der Rialto-Brücke und ist kostenfrei zu besuchen, außer man kann der Kauflust nicht widerstehen. Bei hoher Besucherfrequenz muss man gegebenenfalls etwas warten, aber es lohnt sich.

    Zurück zur Giudecca: Gleich hinter der Chiesa delle Zitelle erreichen wir einige neue soziale Wohnbauten aus den frühen 2000er Jahren, gebaut von namhaften Architekten wie Aldo Rossi oder Alvaro Siza. Diese können aber nicht an die Qualität des Wohnviertels Junghans etwas südlicher anschließen, sondern entsprechen eher dem Motto "Bonjour Tristesse", einem treffenden Graffito an der Wand zufolge.

    Venedigs unbekannte Schönheiten

    Auf der Giudecca finden sich ruhige Gassen und kleine Geschäfte wie das Goldschmiedeatelier in der Calle del Forno, welches in erster Linie Messing- und Silberschmuck herstellt. Ein sehr gutes Mittagessen kann in der "Palanca Bar" eingenommen werden, eine familiäre Trattoria, die abends zur Bar wird. Bleibt Zeit, lohnt sich ein Ausflug auf die Friedhofsinsel San Michele, neben den Gräbern der Komponisten Igor Strawinsky oder Luigi Nono ist vor allem der neue Zubau an der Ostseite des Friedhofs durch David Chipperfield sehenswert. Einfach, schlicht und konzentriert, wie es dem Ort entspricht.

    Kunst und Kultur kosten

    Die Umbauten der Museen in Venedig sind zahlreich und überzeugend. Der Palazzo Grassi und die Punta della Dogana am Canal Grande wurden von Tadao Ando, einem japanischen Architekten, den Anforderungen eines zeitgenössischen Kulturbetriebes angepasst. In beiden Bauten herrscht ein gekonnter Umgang mit historischer Substanz, der aber den zeitgenössischen Ausdruck nicht verleugnet. Zwei Juwele, die leicht übersehen werden, sind der Olivetti-Laden auf dem Markusplatz und das erste Tickethäuschen der Giardini am Eingang zum Biennale-Gelände. Beide verknüpfen Tradition und Moderne hervorragend. Unbedingt ansehen! Die jüngsten Bauten Venedigs sind die lange umstrittene "Ponte della constituzione" vom Bahnhof zur Piazza Roma sowie der People Mover, ein Beförderungssystem von der Piazza Roma zum Busbahnhof und zu den Anlegestellen der großen Kreuzfahrtschiffe. Die Brücke erinnert an ein Walskelett und macht Eindruck, ist aber wenig zweckmäßig, während der People Mover durchaus sinnvoll erscheint, aber nicht unbedingt einladend wirkt.

    Abschließend wollen wir die Tradition in Venedig noch einmal hochleben lassen. Bei einem ombre mit cichetti an der Fondamenta Nani, ganz in der Nähe der Vaporetto-Station Zattere. Die kleine Osteria al squero, mit Blick auf die letzte Gondelwerft im Zentrum Venedigs, ist ein hervorragender Treffpunkt, bevor man sich erneut auf die Suche nach weiteren unbekannten Schönheiten Venedigs begibt.

     

    Internet-Adressen

     

    Architekturbiennale ab 26. Mai 2018 www.labiennale.org/it
    Weinbar „Vino Vero“: www.facebook.com/vinoverovenezia
    Gästehaus Altes Jesuitenkloster „We_Crociferi“: www.we-gastameco.com/en/we_crociferi/
    Molino Stucky – Hilton Hotel http://www.hiltonhotels.de/italien/hilton-molino-stucky-venice/
    LaPalancaGiudecca/Palazzo Grassi & Punta della Dogana www.palazzograssi.it/
    Osteria al squero: osteriaalsquero.wordpress.com/

     

    Herta Gurtner, 28.04.2018, 15:00 Uhr

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