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    Unterwegs zwischen den Wüsten

    Unterwegs zwischen den Wüsten

    Winkende Kinder stehen entlang der Routen von Motorrad-Touristen in Marokko ebenso wie herrlich duftende Grills und atemberaubende Landschaften.

    Weltberühmt wurde die spanische Enklave Ceuta durch ein einziges Foto: Ein Tennisspieler frönte unbeirrt seinem Hobby, während im Hintergrund afrikanische Flüchtlinge versuchten, den fünf Meter hohen Stacheldrahtzaun, die Grenze zwischen Marokko und Spanien, zwischen Afrika und Europa, zwischen arm und reich, zu überwinden. Ceuta und Flüchtlinge: Dieses Bild ist eingebrannt in (europäischen) Köpfen und der Grundstein für eine verdrehte Wirklichkeit.

    85.000 Menschen leben auf der Halbinsel, in deren Mitte eine ausgedehnte Festung aus dem 15. Jahrhundert reichlich Fotomotive bietet. Dank Zoll- und Steuervorteilen boomt der Tourismus auf den 18,5 Quadratkilometern. "Maroc?", fragt dann auch der Tankwart und deutet Richtung Osten. Ceuta ist der klassische Ausgangspunkt für Motorradtouren durch Marokko.

    Hinter der völlig übertriebenen Grenz-Bürokratie öffnet sich ein aufblühendes Land. Auch Blumen, klar, es ist April, aber vor allem zeugen Baukräne links und rechts der Küstenstraße nach M’Diq vom Aufschwung. Da ausgedehnte Ferienquartiere direkt am türkisblauen Mittelmeer, dort Unterkünfte für das Hotelpersonal. Kilometerlang zieht sich das Bild entlang der Küste hin, nur unterbrochen von Kreisverkehren und Checkpoints der Polizei.

    Hinter M’Diq fallen die Berge direkt ins Meer ab, die Küstenstraße erlaubt eine klassische Kurvenräuberei. Alle Richtungsänderungen wurden mit Pi geplant, keine Kurve "macht zu". Drei Begleiter sind schon hier präsent: das fast durchgehende 60-km/h-Tempolimit, die kilometerlange Sperrlinie (Überholverbot) und der Wüstensand, der fein verteilt auf dem Asphalt liegt und in Verbindung mit Regen eine Mixtur ähnlich einer Schmierseife ergibt. Richtig rutschig sollte es freilich erst später im Hohen Atlas werden. Also: Die "Angstnippel" auf den neuen Heidenau-Pneus können nur auf dem ersten Teil der Route abgefahren werden.

    Bei Oued Laou zweigt die Route auf die P4105 ab – hinein in die Berge und hoch hinauf. Irgendwann auf dem Weg nach Fes deuten junge Burschen am Straßenrand, als würden sie Zigaretten rauchen. "Wir sind mitten im Cannabis-Anbaugebiet", klärt Rosi, eine Mitreisende, nach dem Reiseführer-Studium auf. Die Straßenverkäufer machen kein Geschäft, hier sind Nichtraucher auf Tour. Und das ist auch gut so. Bei der Ausreise aus Marokko wird sich schließlich ein feines Hundenäschen durchs Gepäck schnüffeln.

    Mitte April liegen auf 1600 Meter noch ausgedehnte Schneereste links und rechts des Käse- Asphalts: überall Krater, gefüllt mit Schlamm. Knapp über dem Gefrierpunkt sind Heizgriffe unumgänglich für verwöhnte Motorrad-Touristen.

    Ein reges Treiben prägt Orte entlang der Route: überall Märkte. Zerlegtes Schlachtvieh baumelt von den Decken ebenso wie Besen oder Schlauchleitungen aller Art. Und dann die rauchenden Grills, auf denen Spieße garen. Der herrliche Duft macht hungrig.

    Unterwegs zwischen den Wüsten

    Wer sich schon immer gefragt hat, wo die alten Dieselautos aus Mitteleuropa verblieben sind, hier im Atlas-Gebirge existieren Orte, da scheinen 90 Prozent der Autofahrer mit 240er-Mercedes-Dieseln (W126) unterwegs zu sein. Und dann wären da auch noch die Renault-12-Modelle, die unverwüstlich ihre Dienste versehen. Ein offenes Youngtimer-Museum, dieses Atlas-Gebirge!

    Unscheinbarer Hoteleingang

    "Da ist’s eingezeichnet!", sagt Andi, unser Guide. "Aber ich find’s nicht!" Der Hoteleingang in Fes versteckt sich hinter einer unscheinbaren Haustür. Der erste Gang ist schmal, ein blau-weißes Mosaik verziert die Wände. Und dann, plötzlich, öffnet sich ein Innenraum – riesengroß, mehr als drei Stockwerke hoch, mit aufwändigen Mosaiken an den Wänden, spitz zulaufende Fenster, mehrere Sitzgruppen, Sträucher. Tausendundeine Nacht, atemberaubend schön und vor allem echt. Kein Touristennepp, sondern ursprünglich, authentisch.

    "Bitte sehr!" Die Dame des Hauses lädt zum obligatorischen Begrüßungs-Minztee. Die Minzblätter wurden eben erst gepflückt, der Zuckergehalt überschreitet jene Grenze, bis zu der mitteleuropäische Ärzte das Getränk für gesund erachten würden. Kurzum: Der Tee ist süßer als picksüß!

    Tajine – das Kochgeschirr

    Nicht "Humberger" (Hamburger) werden im typisch marokkanischen Restaurant geordert, sondern Speisen, die in der Tajine zubereitet worden sind. "Fleisch" steht für "Rind", alle anderen Fleischsorten (Huhn, Truthahn, Schaf, Ziege, Lamm, Kamel) sind eigens aufgelistet. Gegart in den Tongefäßen mit dem typischen Deckel, ist das Gemüse – Gurken, Kartoffeln, Zucchini etc. – wie auch das Fleisch g’schmackig wie zart. Ein Traum für jeden Gaumen!

    Unterwegs zwischen den Wüsten

    Nächster Morgen mitten in Fes. Am Eingang erhält jeder Besucher ein Büschel Minze. "Eure Gasmaske!", sagt der Führer und lächelt. Nach fünf Stockwerken eröffnet sich von der Terrasse aus ein gewaltiger Blick auf die Attraktion von Marokkos drittgrößter Stadt: die Ledergerberei. Dutzende Wannen sind mit Chemie gefüllt. "Links ist Ammoniak drin", sagt Hassan. Fünf Tage lang wird das Leder von Kühen, Schafen, Lämmern, Ziegen und Kamelen weich gemacht, dann wird die Tierhaut in den anderen Wannen drei Tage lang eingefärbt. Maskara ergibt Schwarz, Safran Gelb. Und so weiter. Seit dem 14. Jahrhundert wird hier Leder gegerbt. 140 Leute sind aktuell mit der Produktion beschäftigt. "Die Lebenserwartung?" Der 57-Jährige lächelt.

    Unterwegs zwischen den Wüsten

    Aufsitzen, weiter geht’s. Der Weg zum nordwestlichsten Punkt der Sahara, nach Erg Chebbi (Merzouga), führt durch den Hohen Atlas. Die Spitzen ragen bis zu 4200 Meter in die Höhe und sind – logisch – noch schneebedeckt. Im Nationalpark Ifrane ist eine Rast unumgänglich. Neben der Straße tummeln sich Berberaffen, die von Touristen mit Weißbrot und Erdnüssen völlig überfüttert nur noch auf Manner-Waffeln oder Ähnliches abfahren. Ein traurig-faszinierendes Naturschauspiel.

    Schneebedeckte Hochebene

    Die Hochebenen erinnern einerseits ans Großglocknergebiet und andererseits an die Wüste von Nevada (USA). Schnurgerade Fahrbahnen und im Hintergrund die schneebedeckten Bergkämme. Fotostopp! Nach Errachidia ist die "große Sandkiste" erreicht. Acht Paar Ski lehnen bei der Einfahrt in die Wüstenstadt Merzouga an einer Hausmauer, daneben können Motocross-Motorräder, Quads, Buggys und Allradler gemietet werden. Die rötlichen Dünen sind zum Greifen nah. Naturschutz? "Nein, alle dürfen in den Dünen fahren", sagt Mohammed, der spontan eine Nacht im Wüstencamp für uns Motorradfahrer organisiert. Vor dem zweistündigen Ritt auf den Dromedaren steht ein Ausflug auf den eigenen Bikes in den großen Sandkasten an. Gesagt, getan – und gescheitert. Die Reise-Enduros erweisen sich als zu schwer, der Sand ist fein, trocken und tückisch. Trotz grober Heidenau-Gummis endet der Ausflug nach geschätzten 50 Metern. Drei junge Einheimische helfen noch beim Aufstellen der BMW-GS, das war’s. Punkt.

    Sehr bewegte "See"

    Die "Wüstenschiffe" traben durch eine sehr bewegte "See", derart heftig schaukeln die Dromedare. Die Sahara, die Dünen, der Sonnenuntergang – Fotomotive ohne Ende. Und die Karawane mit den fünf Dromedaren sowieso. Algerien in Sichtweite, stehen in der Oase am Rand der großen Düne Zelte. Das frisch zubereitete Hendl in der Tajine schmeckt nach dem langen, ereignisreichen Tag vorzüglich, geschlafen wird auf einer Matte auf dem Teppichboden.

    Unterwegs zwischen den Wüsten

    Rundherum nur Steinwüste, erhebt sich ein spektakulärer Krater eine halbe Fahrstunde von Merzouga. Das Naturwunder ist derart außergewöhnlich, dass James Bond ("Spectre") vorbeischaute. Freilich: "Franz Oberhausers" (Christoph Waltz) Refugium wurde digital in den Krater hineingebastelt, tatsächlich schaut’s hinter dem Eingang völlig anders aus: zwei Bäume, ein Weg und eine Steinwüste.

    Händler kamen aus dem Nichts

    Der Erste macht das Geschäft – dies gilt auch für die radelnden Fossilienhändler, die nur Minuten nach unserer Ankunft im Krater aus dem Nichts auftauchen – völlig außer Atem. Das Procedere ist wie überall in Marokko: "Good price, my friend!" "Ein guter Preis, mein Freund!" Um nicht zu sagen: der beste Preis.

    Reiseführer warnen durchwegs vor raschen Kaufabschlüssen – gerade auf Souks wie in Marrakesch, dem größten Markt von Afrika. Schauen, staunen – aber ja nicht kaufen. Zumindest nicht gleich. Verlangt der Händler die Summe X, etwa ein Drittel davon bieten. Keinesfalls mehr. Und hart bleiben, verraten Marokko-Kenner.

    Gewürze, Schuhe, Trödel, Souvenirs – der Markt in Marrakesch ist ein Abenteuer fürs Auge und die Nase. Orientalische Düfte schweben durch die Luft, die Berge an Gewürzen, die Lederwaren, die Tongefäße erzeugen oft ungläubiges Staunen. Eine orientalische Reizüberflutung.

    Unterwegs zwischen den Wüsten

    Motorradfahrer kommen nicht umhin, das Dades-Tal zu erkunden. Serpentinen, die an das Stilfserjoch erinnern, schlängeln sich den Berg hinauf – das wohl meistfotografierte Straßenstück Marokkos. Sieht atemberaubend aus, der Fahr-Genuss hält sich aber in Grenzen, denn um die Serpentinen geht's nur im Schrittempo.

    Abklatschen mit Kindern

    Trotzdem bleibt diese Streckenführung im Gedächtnis – wie die Kinder, die entlang sämtlicher Routen den Gästen aus Europa zuwinken. In einer Oase, wo die Armut zuhause ist, bildete eine ganze Klasse Sechs- bis Siebenjähriger ein Spalier. Fröhliche, lachende Kinder ohne irgendwelche Lasten, die Erwachsene plagen, winkten und klatschten mit uns Bikern ab. Ein Erlebnis zwischen den Wüsten, das ewig in Erinnerung bleiben wird.

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    Tipps für Motorradfahrer in Marokko

    Mit dem eigenen Motorrad nach Marokko – das ist wohl das Nonplusultra. Fähren pendeln von Genua nach Tanger-Med (zwei Tage Überfahrt, ungefähr 340 Euro pro Bike und Fahrer; Preise variieren saisonal und je nach Reederei). Die Tickets für die kurze Fährstrecke ab Algeciras (Spanien) kauft man am besten vor Ort (1 Stunde, 50 bis 70 Euro pro Bike und Fahrer). Online erworbene Tickets lassen sich zwar an den Schaltern umbuchen, doch ist der Aufwand enorm.

    Vor der Grenzstation tummeln sich allerlei aufdringliche „Helfer“, die gegen ein Trinkgeld Formulare besorgen und Touristen beim Ausfüllen unterstützen. Und das Kaufen des Fährtickets übernehmen. Gerade Letzteres kann recht teuer werden.
    Tankstellen bieten alle paar Kilometer Sprit zum annähernd gleichen Preis an – auch in der Wüste. Super kostete Mitte April etwa einen Euro, Diesel knapp unter 90 Euro-Cent.

    Wer abseits von Hotelketten nächtigen möchte, darf sich auf ein fast familiäres Ambiente freuen. In Fes kostete die Nacht (DZ) inklusive Frühstück 70 Euro, eine Nacht im Beduinenzelt (Merzouga) inklusive Kamelritt, Abendessen und Frühstück pro Person knapp über 30 Euro.

    An den Checkpoints winken Polizisten Motorradfahrer durchwegs durch und salutieren manchmal. Tempokontrollen gibt’s häufig, Biker werden dabei geflissentlich „übersehen“.

    Carsten Hebestreit, 06.05.2018, 00:04 Uhr

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