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    Über 1000 Gipfel in drei Stunden

    Über 1000 Gipfel in drei Stunden

    Eine Alpen-Überquerung ist die Königsdisziplin für Ballonfahrer – über tausende Gipfel schweben in nur drei, vier Stunden vom Inntal nach Udine. Pilot Christian Muth, 47, aus Steyr schwärmt vom Hochgefühl auf 4800 Metern und Sonnenbrand trotz minus 20 Grad...

    Vielleicht drei, vier Mal jeden Winter passen die Bedingungen für so eine Fahrt bei schönem Wetter auf beiden Seiten der Alpen und einer stabilen Höhenströmung von Norden nach Süden", sagt Muth: Schon zwei, drei Tage vor der Fahrt werden dann die Teilnehmer informiert und treffen sich am "Tag X" frühmorgens irgendwo in den Nordalpen.

    "Wir müssen den Startort so wählen, dass wir dann irgendwo zwischen Udine und dem Gardasee wieder runterkommen. Oft müssen wir bei stärkerem Wind am Boden auch in Seitentäler ausweichen, weil man den Ballon sonst gar nicht gefahrlos aufbauen könnte", berichtet der Profi-Pilot, der für diese Alpen-Überquerungen einen großen Ballon mit Korb für bis zu 16 Personen, einer Höhe von 34 und einem Hüllen-Durchmesser von knapp 28 Metern einsetzt. 11.300 Kubikmeter warme Luft fasst der Ballon, aufgeheizt wird er vom Brenner mit 400 bis 500 Litern Propangas.

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    "Für diese Fahrten in großer Höhe besetzen wir den Korb auch maximal mit acht Personen, weil noch zusätzliche Gasflaschen und Sauerstoffmasken mitmüssen und jeder genug Platz haben soll", sagt Muth. Besonders viel Wasser sei wichtig wegen der extrem trockenen Luft in der Höhe.

    4000 Meter "Aufstieg"

    Durch den raschen Aufstieg innerhalb einer halben Stunde könne sich der Körper kaum anpassen, höhenkrank sei bisher zwar noch niemand geworden, aber körperlich sollten die Teilnehmer schon einigermaßen fit sein.

    Aufgebaut wird oft schon in der Morgendämmerung, der Sonnenaufgang über den Gipfeln ist dann immer einer der ersten Höhepunkte der Fahrt: Langsam färben sich die Bergspitzen rötlich, in den Tälern liegen noch tiefdunkle Schatten, oft auch Nebelfelder… bis dann nicht nur der Ballon hochsteigt, sondern auch die Sonne. "Da oben hat’s zwar minus 20 Grad, aber da sich der Ballon mit dem Wind bewegt, ist es im Korb praktisch völlig windstill – und in der Sonne überraschend warm, die Leute machen ihre Anoraks auf, und ich muss sie immer wieder dran erinnern, unbedingt Sonnencreme einzupacken", berichtet Muth.

    Über 1000 Gipfel in drei Stunden

    Von Süden nach Norden sei die Überquerung fast nie möglich: Bei Föhn-Wetterlage würde zwar die Windrichtung passen, aber dann sei in Bodennähe meist schlechtes Wetter an der Alpensüdseite.

    Gipfel der Romantik

    Während der drei- bis viereinhalb Stunden dauernden Fahrt über 180 bis 200 Kilometer je nach Route vertreibt man sich die Zeit mit "Boden-Beobachtung": Viele Gäste sind Bergsteiger und kennen die markanteren Gipfel aus eigener Erfahrung. "Glockner, Großvenediger oder die Drei Zinnen kenn‘ ich natürlich auch, aber es gibt auf jeder Fahrt Neues zu entdecken", so Muth. Die Berge sehen in der Morgendämmerung und später im vollen Sonnenlicht immer wieder anders aus, beim Überqueren der italienischen Grenze wird traditionell auch mit Sekt oder einem Schluck aus dem Flachmann gefeiert. "Nur für den Piloten gilt 0,0 Promille", sagt derselbe lachend.

    Die einzigartige Stimmung und atemberaubende Aussicht nutzte ein Gast sogar schon für einen Heiratsantrag: "Auf 4800 Metern Höhe hat er sich auf einmal hingekniet und den Ring hervorgeholt, sie hat Ja gesagt… Gott sei Dank, sonst wär’ die weitere Fahrt für ihn furchtbar lang geworden", berichtet Muth.

    In Richtung der italienischen Po-Ebene versucht der Pilot dann einen guten Landeplatz zu finden: Die "Verfolger" im großen Geländewagen sind vorerst nur ein Punkt auf der GPS-Karte, sie brauchen für den Weg am Boden einige Stunden länger. Über den Brenner holen sie den Ballon meist rasch ein, über den Felbertauern oder andere Alpen-Übergänge weiter östlich brauchen sie wesentlich länger.

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    Fest mit Pizza, Pasta, Vino...

    "Wir suchen uns dann einen Platz, wo der Verfolger gut zufahren kann und wir nicht zu viel Flurschaden anrichten. Dann wird nach der Landung gefeiert, und für Neulinge gibt es die Ballonfahrer-Taufe", sagt Muth. Die Landwirte in der Region kennen "die Verrückten mit ihren Ballonen" schon… und sind fast immer gastfreundlich: Meistens gibt es einen herzlichen Empfang mit Vino rosso und eine warme Stube für die Wartezeit, bis der Wagen kommt und der Ballon verpackt werden kann.

    Am Abend wird dann ausgiebig gefeiert, bei Pizza und Pasta bis spät in die Nacht – bevor am nächsten Tag eine müde und glückliche Truppe die Heimreise antritt, diesmal mit Blick nach oben zu den Gipfeln.

    Peter Affenzeller, 02.12.2017, 00:04 Uhr

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