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    Stadt, Land, Überfluss

    Marokkanische Impressionen: Eine Stadt, die betört und verstört, André Hellers magischer "Park-Platz", und ein Strand, an dem nur das Meer rauschig ist.

    Über die früher sehr angesagten Touristik-Destinationen Ägypten und Tunesien hingen zuletzt mehr oder weniger alarmierende Terror-Warnungen. Die Karawane der Reiselustigen, die jenseits von Europa im Norden Afrikas eine faszinierende Anders-Welt erleben wollen, hat sich daher nach Marokko verlagert. Zumindest die touristischen Trampelpfade sind dort ohne erhöhtes Risiko begehbar. Als Mehrwert zum kulturellen Reiseerlebnis kommt ein Winter dazu, der einem Frühling gleicht. Schon im Jänner reist man in Marokko kurzärmelig der Sonne entgegen. Wir haben uns unter dem Motto "Stadt, Land, (Über-)Fluss" zwischen Marrakesch und Agadir treiben lassen. Fast planlos.

    Marrakesch ist eine Stadt, die betört und verstört zugleich. Eselkarren zwischen Edel-Karossen, elegante Menschen neben wüsten Typen, prunkvolle Uniformträger und verkrüppelte Bettler – die Kontraste könnten kaum größer sein. Aber nicht nur die Augen gehen über. Marrakesch riecht auch seltsam und produziert gleichzeitig einen einzigartigen Soundtrack. Das Sitzen, Schauen, Riechen und Hören: Hochgenuss und Anstrengung zugleich. Spätabends, wenn man gerädert von den vielen Eindrücken im Hotelbett auf den Sandmann wartet, läuft im Kopfkino nur ein Film: Marrakesch in 3D und Dolby-Surround.

    Seit zwei Jahren gibt es unweit der ameisenhaufenähnlichen Stadt eine Oase der Stille, in der man seine Sinne wieder neu justieren und regenerieren kann. Es ist der von André Heller erdachte und erschaffene Garten "Anima". Die Parklandschaft verzaubert und kann als begehbares Gemälde erlebt werden. Der Wiener Lebens- und Aktionskünstler bezeichnet das sieben Hektar große Projekt am Fuße des Atlasgebirges als sein "architektonisches und botanisches Selbstporträt".

    Stadt, Land, Überfluss

    Sollte der Besucherzustrom immer so dahintröpfeln wie bei unserer Park-Visite Mitte Jänner (was hoffentlich nicht zutrifft), könnte "Anima" auch eine funktionstüchtige Apparatur in Sachen Geldvernichtung sein.

    Und da schnappte sich Heller meine Frau

    Das größte Kunstwerk des Parks begegnete uns am Ufer eines kleinen Teichs. Dort tauchte plötzlich der Meister selbst mit seiner Begleitung aus dem Unterholz auf. Eine Erscheinung. "Was für ein Glück, Sie hier zu treffen", sagte ich nach kurzer Schockstarre und mühsamer Wiedererlangung der Fähigkeit, in ganzen Sätzen zu sprechen. Heller blickte irgendwie durch mich hindurch und antwortete ungefähr so: "Nachdem ich häufig hier bin, ist mein Glück, Sie als einmaligen Besucher des Gartens zu treffen, noch viel größer."

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    Ermutigt von dieser (vermutlich bei ähnlichen Anlassfällen schon oftmals aufgesagter) Wertschätzung bat ich den Meister zum privaten Foto-Shooting. Und da schnappte sich Heller meine Frau. Er rückte ihr vertraulich – aber keineswegs aufdringlich – nahe, als wäre sie eine alte Bekannte. Ich wirkte daneben nicht besonders intelligent grinsend wie eine zufällig hingestellte Stehlampe eines schwedischen Einrichtungshauses. Albina Bauer, die Lebensgefährtin des Künstlers, fertigte zur Sicherheit drei Handy-Fotos von uns an, ehe Herr Heller auf einem Teppich, geknüpft aus Selbstverliebtheit, Charisma und Genialität, davonschwebte.

    Frau Bauer blieb noch eine Weile und spielte freundlich das Menschenspiel (= Smalltalk). Dass André Heller für mich jahrzehntelang als ein fast anbetungswürdiger Lehrmeister in der Disziplin Lebenskunst gegolten hat, während meine Frau, die er beim Gruppenfoto so eindeutig bevorzugt behandelte, ihn eher für einen arroganten "Semmeltrenzer" hielt, wollte ich ihr dabei nicht verraten.

    Der planlose Orientierungslauf

    Zurück in Marrakesch, besuchten wir die Sehenswürdigkeit Nummer eins (Platz der Gaukler) und verloren in der Altstadt wie alle Touristen die Orientierung. Wen das stört, der hat in der Medina nichts verloren. Wir genossen den planlosen Orientierungslauf sehr lange, erst später waren wir genervt, dass uns selbsternannte Pfadfinder stets verlässlich in die falsche Richtung schickten.

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    Das dürfte so ein "Running Gag" der Einheimischen sein, die frustriert darüber sind, dass die früher nicht übel bezahlten Lotsendienste jetzt nicht mehr gefragt sind. Die Touristen brauchen keine Ortskundigen mehr, sie vertrauen vielmehr der Wischhandy-App Google-Maps. Die marokkanischen "Local Guides" sind sozusagen Opfer der Digitalisierung geworden. Drahtlose Netzwerkverbindungen sind übrigens selbst im hintersten Winkel von Marokko verlässlicher als in vielen ländlichen Gegenden Oberösterreichs. Sie werden außerdem in der Regel gratis angeboten.

    In der Ferne leuchten die Gipfel

    Szenenwechsel: Der Überland-Transfer von Marrakesch an die Atlantik-Küste nach Agadir dauert rund vier Stunden und führt durch eine malerische Landschaft. In der Ferne leuchten die schneebedeckten Gipfel des Atlasgebirges, wir queren Geröllwüsten und tauchen schließlich in die fruchtbare SoussEbene ein, wo Ziegen von Bäumen Blätter zupfen und in riesigen Gewächshäusern Orangen, Zitronen und andere Früchte des Südens wachsen.

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    In Agadir empfängt uns dann Fünf-Sterne-Überfluss und eine beeindruckende, rund fünf Kilometer lange Ufer-Promenade. Man spricht Französisch, die Atmosphäre ist eine Mischung aus Nizza und Rio, nur dass man in Agadir den lauten und übel riechenden Autoverkehr nicht dem Meeresufer nahe kommen lässt.

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    Im Jänner beobachtet man die dick vermummten Einheimischen, daneben flip-floppen Touristen in kurzen Hoserln. Besonders Verwegene trauen sich sogar ins Meer, das hohe Wellen wirft und von früh bis spät rauscht. Das Publikum auf der Strandpromenade ist eher rauschfrei unterwegs. Alkohol ist in Marokko generell schwer zu bekommen, wer nicht drauf verzichten will, braucht Insider-Wissen, ein fettes Bankkonto oder trägt ein Plastik-Armband und entfernt sich nicht zu weit von der den Touristen vorbehaltenen All-inclusive-Tankstelle.

    In unserem Fünf-Sterne-Paradies kostete das Achterl Wein für Nicht-Plastikarmband-Träger umgerechnet acht Euro. Im rund drei Kilometer entfernten Supermarkt konnte man sich diesbezüglich bei großer Auswahl wesentlich preisgünstiger versorgen. Es war auch das einzige Geschäft, das ich während unseres Marokko-Trips besucht habe, in dem niemand feilschen wollte. Ich bin mir wie ein Junkie vorgekommen, als ich mit drei Flaschen Wein im Rucksack den "Uniprix" von Agadir verlassen habe, um den "Stoff" später heimlich in der Minibar zu kühlen. In meiner Phantasie sah ich mich unterwegs von Sittenpolizei und fundamentalen Tugendwächtern umzingelt.

    Die wahren Abenteuer sind im Kopf.

     

    Stadt

    Marrakesch gehört seit 1985 zum Welterbe der UNESCO und ist eine Metropole, die mit ihren Kontrasten fasziniert. Touristischer Anziehungspunkt Nummer eins ist der „Platz der Gaukler“, von dem man in die Medina, die Altstadt, gelangt. Sie ist voll von kleinen Geschäften, Lokalen und verschiedenen Touristenfallen. Das „Maison de la Photographie“ ist mittendrin ein ruhiger Rastplatz.

    Land

    „Anima“, der wunderbare Garten von André Heller, liegt 27 Kilometer außerhalb von Marrakesch im Ourika-Tal. Ein Gratis-Shuttle bringt Besucher von der Innenstadt zum Park und wieder zurück. Der Eintritt kostet 12 Euro. Einheimische zahlen wesentlich weniger. Das durchschnittliche Monatseinkommen beträgt 215 Euro.

    Überfluss

    Agadir hat sich in den vergangenen Jahren zu einer sehr attraktiven Destination für ein sonnenhungriges Publikum entwickelt. An der langen Strandpromenade liegen Top-Hotels aufgefädelt nebeneinander. Surfer freuen sich über feine Wellen, Kiteboarder über hilfreichen Wind. Und alle über einen warmen Winter.

     

    Christoph Zöpfl, 10.02.2018, 00:04 Uhr

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