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    Rasant und exotisch zugleich

    Rasant und exotisch zugleich

    Wer glaubt, über Japan viel zu wissen, ohne es zu bereisen, täuscht sich: Das Land steckt voller Überraschungen. Es bietet westlichen Luxus und fernöstliche Rituale. Die Japaner sind ehrfürchtig, können aber auch ausgelassen feiern und verkrampfte Westeuropäer von Karaoke überzeugen.

    Japan ist ein Land ohne Mülleimer. Diese Kuriosität fällt dem Besucher aus Mitteleuropa sofort auf. Wo werfe ich Essensverpackung und Plastikflaschen hin? Was tun die Millionen Japaner, die zur gleichen Zeit durch die Straßen und U-Bahn-Stationen der Hauptstadt Tokio schwirren, mit ihrem Müll? Ganz einfach: Sie nehmen ihn mit nach Hause und entsorgen ihn dort, um das öffentliche System zu entlasten. Trotz der fehlenden Mistkübel: Gehsteige und Plätze in Japan sind blitzsauber.

    Das ist ein Sinnbild für die Gesellschaft und die Atmosphäre im Land der aufgehenden Sonne: Disziplin und Respekt werden gelebt. "Die Leute in Japan passen gut aufeinander auf. Darum können wir auch in überfüllten Städten angenehm zusammenleben", sagt Mayuko Umezawa, Pharmazeutin aus Kobe: "Du wirst überall aufmerksam und höflich behandelt." Obwohl das öffentliche Leben in den Millionenstädten natürlich von einer rasanten Grund-Hektik geprägt ist, läuft alles in geordneten Bahnen: Die Leute stellen sich vorbildlich in Schlangen an und drängeln nicht, man fühlt sich sehr sicher.

    Wer nun glaubt, die Japaner seien langweilig, dem sei gesagt: Sie können auch ordentlich feiern. Nach der Arbeit füllen Angestellte in weißen Hemden und schwarzen Hosen die Bars und Restaurants und genießen dort ihre Feierabend-Biere. Die Japaner leben natürlich auch für Karaoke – besonders die Jungen. Dabei lässt man sich sogar als verkrampfter Westeuropäer infizieren: Denn das beste Karaoke findet nicht in Lokalen, sondern in den Karaoke-Ketten statt, wo eigene Zimmer für eine oder mehrere Stunden zum Singen gemietet werden – exklusiv für die Freundesgruppe, inklusive Getränke "all you can drink".

    Schnelle Züge und das Beten für Glück

    Japan ist ein ideales und aufregendes Reiseland: eine Mischung aus hochentwickeltem westlichen Industriestaat und zahlreichen exotischen Elementen. Da sind auf der einen Seite das perfekt ausgebaute öffentliche Verkehrssystem mit dem bis zu 300 km/h schnellen Shinkansen-Zug, die technologisch affine Bevölkerung und weit verbreitete Sitzheizungen und WC-Duschen in den Toiletten. Auf der anderen Seite sind da Eigenschaften, die uns fremd sind. Japaner verbeugen sich vor einem zur Begrüßung und überreichen Dinge oder Wechselgeld mit beiden Händen in ehrfürchtiger Haltung. Das Essen ist oft ungewöhnlich, aber köstlich. Neben unterschiedlichen Varianten des rohen Fisches (Sushi, Sashimi) gibt es ausgezeichnete Fleischgerichte, etwa Kobe Beef, lokale Biere und den Reiswein Sake.

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    Unerwartet schwach sind die Englisch-Kenntnisse vieler Japaner. Diese sind offenbar der Schüchternheit, dem Streben nach Perfektion und der mangelnden Praxis geschuldet. Das macht es manchmal hart, bestimmte Plätze zu finden oder mit dem Taxi zu fahren. Dass es seltsame Ängste gibt, zeigt auch die Aussage der Dolmetscherin Atsuko Inuzuka aus Yokohama: "Wir gehen bei Rot nicht über den Zebrastreifen, weil wir fürchten, dass die Person neben uns schlecht über uns denken könnte."

    Spannend sind die religiösen und spirituellen Rituale und Bräuche. "Uns ist die geistige Gesundheit wichtig. Zum Beispiel beten wir in den Tempeln und Schreinen für Glück", sagt Mayuko Umezawa. Das Zentrum dieser heiligen Stätten ist die ehemalige Hauptstadt Kyoto mit seinen 1600 buddhistischen Tempeln und 400 Shinto-Schreinen. Ein herausragendes Beispiel ist der Goldene Pavillon, dessen obere Stockwerke mit Blattgold überzogen sind.

    Kyoto ist auch das Zentrum der Geishas, der Damen mit den seidenen Kimonos, weißen Gesichtern und spannenden Frisuren, die Veranstaltungen begleiten und traditionelle Künste darbieten. Für sie gibt es eigene Schulen.

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    Generell haben Ka-do, die Kunst des Blumenarrangements, Sa-do, die Kunst des Tee-Servierens, und Sho-do, die Schönschreibkunst, immer noch große Bedeutung in Japan. "Diese Künste bereiten uns schöne Momente und Vergnügen, und sie geben uns die Möglichkeit, durchzuatmen und uns zurückzulehnen", sagt Mayuko Umezawa.

    Entspannen vom spektakulären Sightseeing können Reisende vor allem in einem Onsen. Das sind Bäder mit heißen Quellen, die meist sehr naturnah gebaut und eingerichtet sind. Sich in dieses Wasser zu legen, ist ohne Übertreibung eine heiße Sache.

    Abendessen im Bademantel

    Am besten verbindet man dieses Erlebnis mit der Übernachtung in einem Ryokan, einem traditionellen Gästehaus, in dem auf Matratzen auf dem Boden geschlafen und in Yukatas (das sind im Prinzip Bademäntel) auf dem Boden gegessen wird. Arima Onsen nahe Kobe ist so ein Ort, der sich dafür anbietet.

    Oder auch der Hakone-Nationalpark, in der Nähe des berühmtesten und höchsten Berges Japans, des heiligen Mount Fuji. Es gehört zu seiner Mystik, dass sich sein Gipfel mit Vulkankrater lange hinter Wolken verbirgt und man geduldig warten muss, bis er sich zeigt. Oder man erklimmt ihn einfach im Sommer mit Bergschuhen.

    Japan bietet mehr Naturerlebnisse, als viele denken. Es gibt beispielsweise mehrere Gelegenheiten, um Affen besonders nahe zu kommen. Das Land besteht außerdem zu 80 Prozent aus Bergen. Die klimatischen Bedingungen sind vielfältig, es gibt vier Jahreszeiten. Die Japaner können Ski fahren und Sporttauchen – es gibt Aktivitäten vom kalt-gemäßigten Norden bis in den subtropischen Süden.

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    Das sind Kontrapunkte zu den hochtechnologisierten und mit imposanten Bauwerken gespickten Ballungsräumen. Kaum jemand weiß etwa, dass die längste Hängebrücke der Welt in Kobe steht – die Akashi-Kaikyo-Brücke. Ihre zentrale Spannweite zwischen den beiden Pylonen misst rund zwei Kilometer – das ist Weltrekord. Insgesamt ist sie vier Kilometer lang. Wer es liebt, Ausblicke zu genießen, ist in Japan ebenfalls richtig, denn es wird in die Höhe gebaut. In Tokio bieten sich gleich drei sehenswerte Türme an: der erst 2012 eröffnete, 634 Meter hohe Skytree-Fernsehturm; der 333 Meter hohe Tokyo Tower, der 1958 eröffnet wurde und quasi ein Eiffelturm in Rot ist; und der 238 Meter hohe Roppongi Hills Mori Tower – ein Gebäude, von dem der Ausblick auch vom Dach möglich ist. Weitere Höhepunkte unter vielen mehr in Tokio sind der Tsukiji-Fischmarkt sowie Shibuya Crossing. Letztere gilt als die belebteste Kreuzung der Welt. Im Angesicht von Video-Bildschirmen und Neonröhren wird sie oft von mehr als 1000 Personen gleichzeitig überquert. Und auch hier gilt: Die Kreuzung ist blitzsauber.

     

    Zahlen und Fakten

     

    Bevölkerung: In Japan leben rund 127 Millionen Einwohner auf etwa 380.000 Quadratkilometern. Probleme sind die Überalterung und Schrumpfung der Bevölkerungszahl. Das Land hat eine strikte Einwanderungspolitik. Die wichtigste Religion ist der Shintoismus mit 84 Prozent der Gläubigen, 71 Prozent sind Buddhisten (viele beides).

    Politik, Wirtschaft: Die zurückhaltende Art vieler Japaner ist mit der teilweisen Isolation des Landes zu erklären. Vor allem zwischen dem 17 . und 19. Jahrhundert war es abgeschottet. Damals regierte der Militäradel. Dann zwangen westliche Mächte Japan zur Öffnung, das Kaiserreich wurde zur ersten Industrienation Asiens. Im Zweiten Weltkrieg war Japan aggressiv, dann galt der Pazifismus. Bis 1990 blühte Japan wirtschaftlich auf. Seitdem herrscht aber Stagnation. Premier Shinzo Abe will die Konjunktur seit 2013 mit Geldspritzen ankurbeln.

     

    Alexander Zens, 23.07.2017, 15:00 Uhr

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