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    Prag anders

    Prag anders

    Sie kennen Prag – Karlsbrücke, Wenzelsplatz, die Burg? Aber wie wäre es, in einem Luftschiff aus Holz zu sitzen, in einer ehemaligen Fabrik Kaffee zu trinken oder einen Blick vom zweithässlichsten Gebäude der Welt zu werfen? Roswitha Fitzinger hat sich aufgemacht, um das andere Prag kennenzulernen und war fasziniert.

     Prag ist voll von historischen Gebäuden, Plätzen und Brücken, geprägt von der Vergangenheit und wunderschön in Szene gesetzt durch Ornamente, Schriftzüge, kleine Figuren und Statuen. Jugendstil ist die Kunstrichtung, an der es in Prag kein Vorbeikommen gibt. Im Zentrum reiht sich Sehenswürdigkeit an Sehenswürdigkeit. Sechs Millionen Gäste verzeichnete die tschechische Hauptstadt 2014 – bei 1,3 Millionen Einwohnern. Die meisten Gäste kommen, um auf die Burg und das Rathaus einen Blick zu werfen oder das jüdische Museum zu besuchen – die drei meistbesuchten Sehenswürdigkeiten in Prag. Allein ist man in den Gassen und Straßen der Alt- und Neustadt nicht, da sollte man sich keiner Illusion hingeben.

    Wer das Gedränge hinter sich lassen möchte und wer auf der Suche nach Zeitgenössischem ist, sollte sich drei Buchstaben merken: DOX. Dort, wo die Moldau einen Bogen macht, liegt das Zentrum für Gegenwartskunst. In dem 1901 errichteten Fabriksgebäude wurde 100 Jahre lang die Industrialisierung vorangetrieben, zuletzt wurden hier massenhaft Flugzeugteile produziert. Heute ist das historische Gebäude ein Ort mit 3200 Quadratmetern Ausstellungsfläche, auf der sich die heimische und die internationale Kunstszene ebenso begegnen wie diverse Kunstrichtungen.

    "Wir wollen nicht nur Kunst zeigen, sondern veranstalten Lesungen, Workshops, es gibt Ausstellungen, außerdem Programme für Schulen und Familien", sagt Hedviska Máchokvá, Entwicklungsleiterin im DOX. Es fällt schwer, sich auf ihre Worte zu konzentrieren, denn der Blick wandert unweigerlich vom Galerie-Café ins Freie. Warum schwebt über der Terrasse ein riesiger Zeppelin? Das Luftschiff ist die jüngste Errungenschaft des DOX. Seit einem halben Jahr ist der 49 Meter lange und zehn Meter breite Zeppelin aus Lärchenholz fertig und soll unter anderem Workshops und Lesungen Raum bieten. Doch auch nur darin zu sitzen, umweht von einem leichten Luftzug, ist spannend und angenehm. Verantwortlich für all das ist Leos Válka, ein Auswanderer und Heimkehrer, vor allem aber Kunstliebhaber. Mithilfe privater Unterstützer konnte er das Zentrum aufbauen und 2008 eröffnen.

    Fabrik und Schlachthof in neuer Funktion

    Das DOX war zudem so etwas wie eine Initialzündung für den gesamten Stadtteil Holeovice. Nur einige Straßen weiter südlich wurde ebenfalls einem alten Fabriksgebäude neues Leben eingehaucht. Die Ziegelwände hier sind unverputzt, die grün gestrichenen Eisenträger verstecken sich nicht, von der Decke baumeln Grubenlampen. Das Herzstück der Halle ist eine Bar aus einer Metall-Holz-Kombination. Um sie herum bieten junge Kreative ihre Kreationen an, alles handgefertigte Einzelstücke. Wer sich im ebenfalls integrierten Café niederlässt, sitzt entweder auf Sofas oder auf bunt zusammengewürfelten Sesseln, die einen aus Holz, andere mit Samt überzogen.

    Vnitroblock verstehen ihre Gründer Lukás Zdársk und Jakub Zajíc als Kulturzentrum, eröffnet vor gut einem Jahr. Originalität und Nachhaltigkeit ist ihnen wichtig, ebenso wie einen Ort der Begegnung zu schaffen. Auch Touristen sollen sich hierher verirren. Die beiden jungen Prager wollen Menschen von außerhalb zeigen, dass Prag jenseits von Burg und Karlsbrücke viel zu bieten hat. Ein Kino ist im Vnitro(=Innen)block ebenso untergebracht wie ein Tanzstudio, abends legt ein DJ auf. Die beiden Initiatoren sprühen vor Ideen, wollen Vnitroblock künftig um ein Theater, ein Bistro und weitere Lokale erweitern. Man darf gespannt sein. Zu Fuß geht es weiter Richtung Moldau, durch die alten Prager Markthallen, einem Areal, das Ende des 19. Jahrhunderts der königlichen Stadt Prag als Schlachthof diente und lange als Asia-Markt fungierte, mit allem, was dazu gehört – von Lebensmitteln bis zu Haushaltsgegenständen und gefälschten Markenartikel. Doch auch dieses denkmalgeschütze Areal befindet sich im Wandel, es wird zunehmend von der Gastronomie, der Kreativwirtschaft und auch von lokalen und regionalen Anbietern als Lebensmittelmarkt wiederentdeckt.

    Glaspaläste und Gründerzeithäuser

    Gegenüber der Moldau liegt Karlin – ein Stadtteil, der die Entwicklung zu einem modernen, hippen Viertel bereits hinter sich hat. Ausschlaggebend dafür war ausgerechnet eine Katastrophe. Bis zu zehn Meter setzte das Hochwasser 2002 den Bezirk mit seinen ohnehin bereits maroden und baufälligen Gebäuden unter Wasser. Viele mussten abgerissen werden, andere wurden revitalisiert. Moderne Hochhäuser mit viel Glas entstanden, in denen heute Verwaltung, Firmen und Wohnungen untergebracht sind – und die manchmal als Filmkulisse dienen. Im spitz zulaufenden "Danube House" etwa wurde der James-Bond-Streifen "Casino Royale" gedreht. Einen Straßenzug weiter reihen sich allerdings bereits historische Gründerzeithäuser aneinander, die Fassaden sind saniert und bunt.

    Vor 200 Jahren wurde Karlin als zweite Prager Vorstadt gegründet, benannt nach der Frau Ferdinand I., Karoline Auguste von Bayern. Heute leben viele Familien hier. Wer durch das Viertel schlendert, weiß schnell warum. Der Marktplatz wird dominiert von einem Park samt riesigen Schattenspendern.

    Auch in den umliegenden Straßen muss man das Grün nicht suchen, der Duft der blühenden Linden ist einem ständiger Begleiter. Überall kann man speisen – von tibetanisch, italienisch bis zünftig tschechisch – im Gastgarten oder auf dem Gehsteig. Auch Bierlokale und das ein oder andere Weinlokal finden sich. In einem gelben Eckhaus lockt die offene Tür zum Besuch einer Konditorei. Die Vitrine ist voll mit selbstgemachten Köstlichkeiten: Schaumrollen, Kokoskuppeln oder ein Schokoladen-"Spitzchen", mit einem Kern aus Eierlikör. Eine Kostprobe ist nicht nur ein Genuss, sondern ein Muss. Menschenmassen sucht man hier vergebens. Auch die Tschechen sind ausgeflogen – in ihre Wochenendhäuser an den Stadtrand oder weiter weg. Wir wollen bleiben, doch der nächste Stadtteil will erkundet werden.

    Von "hässlich" bis skurril

    Der Fußweg von Karlin nach Zizkov verläuft unterirdisch durch einen Tunnel, der einst als Atomschutzbunker konzipiert war. Wer nach 300 Metern die dunkle Röhre verlässt, findet sich in einem Stadtteil wieder, der mit seinen bunten Graffiti an der Häusersockeln, seinen kleinen Kneipen und Schanigärten an jeder Straßenecke einen ganz eigenen Charme versprüht.

    Ob dies auch auf Zizkovs dominantestes Bauwerk zutrifft, ist wohl Geschmackssache. Wer vor dem 216 Meter hohen Fernsehturm steht, blickt auf zu Tschechiens höchstem Gebäude, dem auch das Prädikat "zweithässlichstes Gebäude der Welt" zu sein, verliehen wurde. Die Prager haben ihm den Namen "Rakete" verpasst. Wer möchte, kann mittels Lift abheben und in einer der drei Kabinen aussteigen. Die billigste Variante ist ohne Zweifel der Besuch der Aussichtsplattform (7,50 Euro), die teuerste eine Nacht im "One-Room-Hotel" (1000 Euro). Doch allein schon wegen der "Miminkas" lohnt ein Ausflug hierher. Skurril und irgendwie außerirdisch muten die überdimensional großen Babys an, die an den Turmpfeilern nach oben krabbeln. Es sind Geschöpfe des Bildhauers David Cerny. Seine Skulpturen sind in ganz Prag zu finden, stets provokant und voller schwarzem Humor. Den heiligen Wenzel samt Pferd hat der Aktionskünstler ebenso parodiert wie Franz Kafka den Kopf verdreht, während er Sigmund Freud todesmutig hoch über der Altstadt baumeln lässt.

    Wem es nach einem langen Tag nach Abkühlung von innen dürstet, der wird sie in Prag garantiert finden. Bierbrauen ist auch etwas, das die Tschechen zur Kunst erhoben haben. Besonders gut trinkt sich der Gerstensaft abends direkt an der Moldau, vor allem wenn es warm ist. Náplavka nennt sich der Ufer-Abschnitt zwischen dem Tanzenden Haus und der Eisenbahnbrücke, einer der Sommertreffpunkte der Prager schlechthin. Man sitzt direkt auf dem Kai oder lässt sich auf einem der angelegten Boote nieder – natürlich nicht ohne Pivo in der Hand. Irgendwo gibt eine Live-Band Schlagermelodien in Tschechisch zum Besten, der Duft von Gegrilltem macht Gusto auf mehr, der Blick wandert auf die andere Moldauseite. Auch dort gibt es sicherlich viel Interessantes zu entdecken. Doch das muss warten – bis zum nächsten Prag-Besuch.

     

    Nützliche Tipps

    Öffnungszeiten: Da es in Tschechien kein Ladenschlussgesetz gibt, sind die Öffnungszeiten flexibel. Geschäfte haben auch samstags bis abends geöffnet, einige auch sonntags. Am besten im Internet nachschauen.

    Öffentlicher Verkehr: Für rasches Fortkommen empfiehlt sich die Straßenbahn. Das 24-Stunden-Ticket kostet 110 Kronen (vier Euro), die 72-Std.-Karte kostet 310 Kronen.

    Hotel: Das Hotel Maria Prag ist hinsichtlich Preis/Leistung eine sehr gute Option, besticht vor allem durch seine Zentrums- und Bahnhofsnähe (gegenüber vom Bahnhofspark). Die nächste Straßenbahnhaltestelle liegt etwa 300 Meter entfernt.

    DZ mit Frühstück ab 120 Euro www.falkensteiner.com

     

    Echt Tschechisch

    Botas 66. Eine echte tschechische Stil-Ikone ist das Label Botas66. Die Zahl bezieht sich auf das Ursprungmodell des Turnschuhs aus dem Jahr 1966. Mittlerweile gibt es sie als Laufschuhe, in Leder, aus Stoff oder vegan. botas66.com

    Porzellan/Glas: Wer außergewöhnliches tschechisches Design sucht, wird im Qubus, dem Designstore des DOX oder in der „Flex up“-Galerie von Jitka Stolinova sicher fündig: Schmuck aus Stahl, Gummistiefel, Gartenzwerge, Joghurtbecher, Matroschka-Puppen aus Porzellan. Unschlagbar: die Bierflasche in Louis-Vuitton-Optik

    Papier: Für die kleine Manufaktur ist Papier, nicht bloß eine Unterlage zum Schreiben, sondern ein Material voll von Geschmack, Geruch und Farbe. Stilvoll sind die in Handarbeit und aus nachhaltigem Papier gemachten Skizzenbücher, Notizblöcke, Kalender von „Papelote“ in der Neustadt.
    www.papelote.eu

    Mode: „Chatty“ heißt das Label von Radka Sirkova und Anna Tuskova. Die beiden Pragerinnen haben sich auf Denimstoffe spezialisiert und entwerfen vorwiegend Jeans. www.chatty.cz.
    Weitere junge tschechische Designer findet man etwa im Fashion Shop Parazit, Leeda Fashion Store

     

     

     

    Roswitha Fitzinger, 08.07.2017, 00:04 Uhr

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