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    Nordirisches Tagebuch

    Was ist es, das dieses Land ausmacht? Ist es die leidvolle Geschichte, über Jahrhunderte fremdbestimmt und von Hungersnöten und Besatzern ausgezehrt? Oder ist es diese starrköpfige, klischeehaft als typisch irisch umschriebene, trotzige Lebensfreude?

    Wir landen in Dublin. Dublin? Die Transferbusse nach Belfast ersetzen einen Direktflug. Am Glockenturm der Kirche am Flughafen prangt in mächtigen Leuchtbuchstaben "God is Love". Diese Gottesliebe hat die Iren immer wieder auf eine harte Probe gestellt. Mehr als 400 Jahre Konfrontation mit dem britischen Königreich sind erst seit 20 Jahren beigelegt, als 1998 die zu Irland drängenden katholischen Nationalisten und die mehrheitlich protestantischen, dem Vereinigten Königreich zugewandten Unionisten den blutigen Nordirlandkonflikt mit dem Karfreitagsabkommen beendeten. Am Gotteshaus vorbei trotten wir zu unserem Bus. Nach knapp zwei Stunden Fahrt erreichen wir das Zentrum von Belfast, es ist Freitagabend und es scheint, als wäre die ganze Stadt auf den Beinen. Hier hat der Konflikt Pause. Doch die exzessive Ausgelassenheit erinnert ein wenig an den sprichwörtlichen Tanz auf dem Vulkan. Tausende Nachtschwärmer sind zu jung, als dass sie sich von den "Troubles" der Vergangenheit den Spaß verderben ließen. Mit einer Kostprobe nordirischen Whiskeys (Wasser des Lebens) stoßen wir vor dem Schlafengehen noch auf die Nachfolger des heiligen Patrick an, jene Mönche, die laut irischer Überlieferung die ersten Whiskeybrenner waren.

    Im Schatten der Titanic

    Ein, im positiven Sinn, "bombastisches" Museumsschauspiel bietet das "Titanic Belfast". 2016 Gewinner des World Travel Awards, ist es als World’s Leading Tourist Attraction ein Muss für Schifffahrts- und für Museumsfreunde. Qualität und Ausmaß multimedialer Umsetzung und Aufarbeitung in einem Erlebnismuseum sind fantastisch und mit österreichischen Maßstäben nicht zu erfassen. Eine Gondelbahn befördert uns über mehrere Stockwerke in den virtuellen Schiffsbauch der werdenden Titanic. Wir spüren die Hitze. Das Hämmern der Arbeiter auf die Nieten dröhnt in unseren Ohren, und wir erleben eine Reise im Zeitraffer von der Entstehung der "Unsinkbaren" bis hin zum nassen Grab auf demMeeresgrund. Tausende Schiffe wurden hier in der Werft von Harland & Wolff Ltd. gebaut, und Millionen irischen Auswanderern gelang darauf die Flucht nach Amerika und damit meist die Flucht vor bitterster Armut und Hungersnöten.

    Aber auch schreckliche Zeiten lassen sich wirtschaftlich verwerten, so geschehen im Grumlin Road Goal. Das 1996 nach 150 Jahren aufgelassene Gefängnis, in dem bis zuletzt die abgeurteilten IRA-Kämpfer festgehalten wurden, feiert nach umfassender Restaurierung ein museales und touristisches Comeback. Eine geführte Tour durch die stumpfe Brutalität des Gefängnisalltags, von der Aufnahme über die täglichen Repressalien bis hin zur Todeszelle und der Exekution durch den Strang – nicht jedermanns Sache. Aber auch der Umgang damit zeugt davon, dass nordirischer Fatalismus einem modernen Pragmatismus weicht. Findige Köpfe machen sich den Gänsehautfaktor zunutze und vermarkten die gruselige Location für diverse Events, besonders zu Halloween ein Verkaufsschlager.

    Wir brechen auf nach Londonderry. Oder doch Derry? Egal, die Bewohner sind sich da noch immer nicht einig. Die Walled City, wie sie auch genannt wird, wirkt im Zentrum malerisch. Nichts lässt den schrecklichen Geist des von U2 besungenen "Sunday, Bloody Sunday" erahnen, und so schlendern wir durch die Altstadt, vorbei an der markanten Guildhall. Dahinter liegt die Peace Bridge, die sich in zwei weit geschwungenen Bögen an Drahtseilen hängend über den River Foyle windet. Beim Abendessen in der Walled City Brewery bemerken wir: Der Brexit wird in allen Lebenslagen thematisiert. Ich bestelle ein Pint Beerexit. Die Optik ist erfrischend. Das Glas des feinen Craft-Biers, gut eingeschenkt und von leuchtend rotbrauner Farbe, beschlägt sich, ein erster Schluck lässt mein Gesicht zu einer Dörrzwetschke zusammenschrumpeln. Sláinte! Prost! Oh ja, der Brexit wird eine saure Angelegenheit.

    Mühsal wird belohnt

    Ich bin aber auch hier, um das Bilderbuch-Irland zu erleben. Sanfte Hügel in fettem Grün, Kühe, Schafe, schroffe Küsten – und den Giant’s Causeway. Aber nicht mit dem Bus. Unser Wanderguide Eimear Flanagan findet, das sollten wir uns ehrlich verdienen. Die Reste von Dunseverick Castle markieren den Ausgangspunkt unserer Etappe am Causeway Coast Way. Die vergangenen Tage hat es noch geregnet, gestern war noch Causeway Marathon, aber der Trail präsentiert sich in gutem Zustand und wir stapfen, in sanftem Auf und Ab, die schroffe Steilküstenlinie entlang. Ich liebe diese Landschaft, aber trotzdem ist für mich heute nicht der Weg das Ziel. Als wir uns Shepherd’s Steps nähern, dem Abstieg von der knapp 100 Meter hohen Steilküste zum Strand von Giant’s Causeway, reißt die Wolkendecke auf. Unsere Mühsal wird mit unbezahlbaren Eindrücken belohnt. Im sanften Licht der Abendsonne ragen die meist sechskantigen Basaltsäulen unterschiedlich hoch aus dem Meer und bilden auf diese Art eine einzigartige Küstenformation. Seit Jahrzehnten ein Traum von mir, sitze ich nun tatsächlich hier, sauge die Stimmung auf und denke, ich bin angekommen. Das Ziel ist das Ziel. Es ist die letzte halbe Stunde vor Sonnenuntergang, nur mehr wenige Besucher tummeln sich hier, und als sich die Dämmerung auf den "Damm der Riesen" legt, nehme ich die letzte Meile, den Aufstieg zum Causeway Hotel, in Angriff. Was für ein großartiger Tag!

    Kaum eine Fernsehserie der letzten Jahre hat das Publikum stärker polarisiert als das Sex-, Gewalt- und Fantasy-Epos "Game of Thrones". Einen Teil des Erfolges macht die sorgfältige Auswahl der Drehorte aus, viele davon befinden sich in Nordirland.

    Die Thronies kommen

    Die Fans kommen in Scharen, und Billy Scott, unser Tourguide, hat einen Namen für sie – es sind die "Thronies", die auf den Spuren der Serie Nordirland entdecken. Aber ein mystischer Ort wie die Dark Hedges wirkt vor allem durch die Abwesenheit von Thronies. Es heißt also früh aufstehen, da bleibt dann auch mehr Zeit für eine kleine Extratour nach Rathlin Island.

    Die Insel ist ein Eldorado für Vogelkundler, ein Hort der Entschleunigung. Ein kleines Hotel, ein paar Häuser und B&Bs, ein Gift Shop, fertig. Schon vor Jahrhunderten kamen Besucher von der großen Insel zum "Wellnessen" hierher, um in der hiesigen, irischen Sauna, einem Dampfbad, von dem nur noch die Grundfesten zu sehen sind, ihre Leiden zu kurieren.

    "It’s teatime" – entspannt nehmen wir Tee und Biscuits im Manor House. Den einzigen Stress, den wir heute zulassen, verursacht uns der Fährkapitän, der ungeduldig zur Abfahrt bläst. Völlig entspannt erreichen wir wieder den Hafen von Ballycastle und suchen uns für den letzten Abend, zum Ausklang, noch einmal ein Pub mit irischer Musik, ehe wir nach kurzer Nacht wieder von Dublin aus aufbrechen.

    Mit einem flüchtigen Blick zurück vergewissern wir uns noch einmal, "God is Love".

     

    Nordirland zwischen Troubles und Brexit

     

    Für einen Großteil der Leser ist die jahrzehntelange tägliche Präsenz des Nordirland-Konfliktes in den Nachrichten noch in lebhafter Erinnerung. Was in Nordirland scheinbar lapidar als „The Troubles“ bezeichnet wird, waren die Gewaltexzesse beider Seiten (Unionisten und Nationalisten) und erreichten einen traurigen Höhepunkt 1972, als nach dem 30. Jänner (Bloody Sunday), an dem 13 Nordiren durch Beschuss britischer Soldaten in Derry starben, die Irisch-Republikanische Armee (IRA) am 21. Juli bei Bombenanschlägen elf Menschen tötete. Der langwierige Friedensprozess dauerte von 1994 bis 1998, als nach zähem Ringen mit dem Karfreitagsabkommen der Grundstein für ein friedliches Zusammenleben gelegt wurde.

    Noch heute ist die Spannung von einst spürbar. Die Kontrahenten leben mehr neben- als miteinander. Wohnviertel sind nach wie vor durch Sicherheitsmauern und Zäune (Peace Walls, Peace Lines) getrennt, Sicherheitstore werden nachts geschlossen, und die Polizei patrouilliert in Range Rovern, Modell Defender, mit Kugelschutz, Schutzgittern gegen Wurfgeschoße, Gummischürzen gegen Bombenattacken …

    They shop together, they socialize together

    Um aus dem Nebeneinander doch noch ein Miteinander zu gestalten, versucht sich die Regierung in kreativen Lösungen. Ein aktueller Ansatz ist die Förderung von Einkaufszentren, die verpflichtend mit einer 50/50-Belegschaft betrieben werden. Der Gedanke dahinter: Wer miteinander arbeitet, miteinander einkauft, isst und sich unterhält, baut die notwendigen sozialen Kontakte auf, die für eine Beendigung der wechselseitigen Isolation der Volksgruppen notwendig sind.

    Vote Leave

    Wir erinnern uns daran: Als die „Leave“-Kampagne den Briten versprach, ein Abstimmungsergebnis für den Brexit würde sofort und wöchentlich 350 Millionen Pfund ins Gesundheitssystem spülen, war das eines der vielen falschen Versprechen des Populisten Nigel Farage und seines trumpesken Mitstreiters Boris Johnson. Vieles wurde den Briten vorgegaukelt, was bei genauerem Hinschauen jeder Substanz entbehrte. Aber die Brexit-Befürworter klammern sich nach wie vor daran. Versprochen ist versprochen, und schuld ist … natürlich die EU.

    Die für Nordirland wirklich tragische Entwicklung wäre ein Brexit, der zu Irland wieder eine harte Grenze mit Kontrollen beschert. Dass Irland und Großbritannien Mitglieder der EU waren, war ein Kernpunkt, der eine friedliche Lösung im Karfreitagsabkommen von 1998 erst ermöglichte.

    Die offene Grenze, freie Wahl des Passes für die Nordiren und die Entwicklung einer gemeinsamen Zukunft haben verfeindeten Gruppen die Basis entzogen. Kein Grund mehr, Bomben zu werfen. Diese Offenheit könnte ab 2019 Geschichte sein, denn bisher existieren nur Absichtserklärungen, aber keine Lösung für eine weiche Grenze.

     

    Infos

    • Der renommierte Reisebuchverlag Lonely Planet hat 2018 Belfast und die unvergleichliche Causeway Coast zur Nr. 1 der Reiseregionen der Welt gekürt.
    • Zwischendurch in Antiquariaten und Secondhand-Läden zu stöbern, ist ein Muss.
    • Fisch, Austern, Meeresfrüchte sind immer frisch und werden köstlich zubereitet.
    • Nordirland im WWW: ireland.com, discovernorthernireland.com, titanicbelfast.com
    • Irland-/Nordirland-Spezialist:  Primareisen

     

     

    Andreas Fediuk-Winter, 27.01.2018, 15:00 Uhr

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