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    Nicht mehr die Längste, dafür die Schönste

    Nicht mehr die Längste, dafür die Schönste

    Vor 80 Jahren wurde die Golden Gate Bridge, Wahrzeichen von San Francisco, fertiggestellt. Die meistfotografierte Brücke der Welt zieht mehr Bewunderer an als der Eiffelturm – und leider auch Lebensmüde.

    Sie kann damit leben, dass ihr der Titel der längsten Hängebrücke der Welt schon 1964 abhanden gekommen ist. Schließlich bleibt ein Rekord bis heute unangetastet: Die Golden Gate Bridge, vor 80 Jahren, am 19. April 1937, fertiggestellt, ist die meistfotografierte Brücke der Erde. Das stählerne, 887.000 Tonnen schwere Bauwerk fasziniert jährlich mehr Besucher als der Pariser Eiffelturm. Dabei hielten Zweifler das Wahrzeichen von San Francisco lange für ein Ding der Unmöglichkeit.

    Der Vision, die Meerenge zwischen der kalifornischen Stadt im Süden und dem Marin County im Norden mit der Kunst der Technik zu überwinden, standen Hindernisse im Wege. Die starken, tückischen Strömungen in der Bucht, der tief unter Wasser liegende tragfähige Untergrund, die latente Gefahr von Erdbeben und schweren Stürmen ließen erste Pläne in den Schubladen verstauben. Zudem entrüsteten sich die Fährleute, die angesichts der drohenden Konkurrenz ihr Geschäft in den Wellen untergehen sahen.

    Joseph B. Strauss, Ingenieur aus Cincinnati und Sohn eines bayerischen Auswanderers, beirrte das nicht. Bereits 1917 legte er einen Vorschlag für eine Verbindung über die San Francisco Bay auf den Tisch, der allerdings als "zu hässlich" abgeschmettert wurde. Mit Zähigkeit und Überzeugungskraft zerstreute er letztendlich die Skepsis von Geldgebern und Politikern. Ab Jänner 1933 stampfte der Chefingenieur mit 1500 Arbeitern in etwas mehr als vier Jahren für 33 Millionen Dollar eine kühne Konstruktion aus dem Boden, an der sich bis heute die Augen weiden – wenn sie nicht gerade vom berüchtigten Nebel verhüllt wird.

    Nicht mehr die Längste, dafür die Schönste

     

    1280 Meter liegen zwischen den beiden Pfeilern im Art-Déco-Stil, die 227 Meter aus dem Pazifik ragen. Rund 600.000 Nieten halten diese beiden Türme zusammen. Mit großem Trara wurde einst die letzte Niete, gefertigt aus reinem Gold, eingeschlagen – das weiche Edelmetall löste sich jedoch, plumpste in die Tiefe und ward nie mehr gesehen.

    Nicht zu übersehen sind hingegen die beiden Tragkabel, die über die Pylone verlaufen. Jedes besteht aus 27.572 Drähten, gebündelt und gepresst zu einem robusten Strang mit einem Durchmesser von fast einem Meter. Von diesen baumeln im Abstand von 15 Metern die Hängeseile, welche die Fahrbahnträger halten.

    "Das mächtige Werk ist vollbracht", verkündete Strauss bei der Eröffnung der Brücke, die das Goldene Tor überspannte. 200.000 Menschen durften am 27. Mai 1937 auf ihr spazieren, rund 50.000 Hot Dogs wurden an die Schaulustigen verkauft. Und noch etwas sagte der nur 1,58 Meter große Chefingenieur: "Wer würde wohl von der Golden Gate Bridge springen wollen?" Die Antwort gab drei Monate später Harold Wobbler, der sich über die 1,20 Meter hohe Brüstung stürzte.

    Brücke der Selbstmörder

    Seither zieht die strahlende Konstruktion, die mit der "International Orange" genannten Farbe bestrichen ist, nicht nur Touristen, sondern auch Selbstmörder geradezu magisch an. Geschätzte 1400 Menschen sollen durch den Sprung über das Geländer bisher den Tod gefunden haben. Seit Jahrzehnten wird über den Bau einer Schutzvorrichtung diskutiert. Heuer soll damit begonnen werden, unter dem Geländer ein stählernes Fangnetz anzubringen. Es wird vier Jahre dauern, bis das 192-Millionen-Dollar-Vorhaben fertig ist.

    Tagsüber dürfen sich Fußgeher und Radfahrer auf der Brücke tummeln, über die täglich rund 120.000 Fahrzeuge auf sechs Spuren rauschen. Von hier hat man einen schönen Blick auf die Skyline von San Francisco, aus der die 260 Meter hohe Transamerica Pyramid und der auf einem Hügel errichtete Coit-Aussichtsturm herausstechen, und auf Alcatraz. Die Insel mit seinem einst berüchtigten Hochsicherheitsgefängnis, in dem bis zur Schließung im Jahr 1964 legendäre Gangster wie Machine Gun Kelly und Al Capone eingekerkert waren, zieht jährlich mehr als eine Million Besucher an – wer allerdings nicht frühzeitig Tickets online bucht, darf sich nicht wundern, wenn er – statt durch Gitterstäbe in die Zellen – durch die Finger schaut.

    Nicht mehr die Längste, dafür die Schönste

     

     

    Sehenswertes erwartet an beiden Enden der insgesamt 2740 Meter langen Golden Gate Bridge. Im Süden liegt das Presidio, ein von 1776 bis 1994 genutzter Militärstützpunkt mit historisch bedeutenden Gebäuden und teils naturbelassener Landschaft. Im Norden setzt sich der Erholungspark fort, zu dem auch das Muir Woods National Monument gehört. Das nach dem Naturforscher und -bewahrer John Muir benannte Waldgebiet schützt die letzten in der Region verbliebenen Küstenmammutbäume, die bis zu 80 Meter hoch werden. Das älteste Exemplar soll 1100 Jahre unter der Rinde haben.

     

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    An der Golden Gate Bridge kommt nicht vorbei, wer kalifornischen Wein dort verkosten will, wo die Trauben auch wachsen. In weniger als einer Stunde ist das entzückende Sonoma Valley zu erreichen, das weniger überlaufen ist als das nahe, parallel verlaufende Napa Valley.

    Hängebrücken

    27 Jahre lang war die Golden Gate Bridge mit einer Mittelspannweite von 1280 Metern die längste Hängebrücke der Welt – bis 1964 die Verrazano-Narrows-Brücke zwischen den New Yorker Stadtteilen Staten Island und Brooklyn mit 1298 Metern Spannweite eröffnet wurde. Aktuelle Nr. 1 der Welt ist die Akashi-Kaikyo-Brücke (1991 Meter) in Japan zwischen Kobe und der Hauptinsel Honshu. In Europa gehört der Titel der längsten Hängebrücke der dänischen Großer-Belt-Brücke (1624 Meter) zwischen den Inseln Fünen und Seeland.

     

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    Summer of Love

    2017 ist in San Francisco das Jahr der Hippie-Touristen. Mit einem Happening um den Golden Gate Park begann vor 50 Jahren der Summer of Love. Durch das legendäre Haight-Ashbury führen mehrere Touren, u.a. freitags um 14 Uhr eine Flower-Power-Walking-Tour für 20 Dollar pro Person. Partys und Konzerte beleben die Stadt, das De-Young-Museum wird mit seiner Ausstellung „The Summer of Love Experience: Art, Fashion and Rock & Roll“ bis 20. August zum Happening-Ort.

    www.sftravel.com
    deyoung.famsf.org

     

    Bernhard Lichtenberger, 15.04.2017, 00:04 Uhr

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