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    Nah am Wasser

    Nah am Wasser

    Zwischen Passau und Budapest genießen es die Passagiere des einzigen Flusskreuzfahrt-Katamarans auf der Donau, wenn sie sich an den schönsten Stellen mit dem Fahrrad verrollen können.

    Im scheidenden Licht der Abenddämmerung gibt sich die MS Primadonna der treibenden Kraft des Flusses hin. Das Gestade der Domstadt Passau hinter sich lassend, offenbart die Schiffsdame ihre Besonderheit: Zwischen den zwei Rümpfen des einzigen Flusskreuzfahrt-Katamarans auf der Donau lockt sie am Ende der Bar mit einem stufenförmig über zwei Decks führenden Schauraum. Es fühlt sich wie in einem Kino an, dessen Leinwand die Schöpfung ist, der man entgegengleitet.

    Elektrisch oder nicht

    Diese außergewöhnliche Ansichtssache steigert das Bedürfnis, der Natur näher zu treten – bevorzugt mit Pedalen. An Gelegenheiten, sich von der Primadonna vorübergehend zu verabschieden, fehlt es nicht. Wer am Durchhaltevermögen seiner Beinmuskulatur zweifelt, schwingt sich auf den Sattel eines E-Bikes. Wer sich abends ein bisserl spüren will, wird am stromlosen Radeln nicht gehindert. Zum Aufwärmen wird ab Schlögen durch die berühmte Schlinge, die flussnah betrachtet leider ihre spektakuläre Aura einbüßt, über eine Distanz von 52 Kilometern bis nach Linz gerollt.

    Umso lohnender fällt ein grenzüberschreitender Radausflug aus, der auf slowakischem Boden beginnt. In Bratislava schmiegt sich die MS Primadonna an die Mole des zentral gelegenen Hafengebäudes, das sein sozialistisches Aussehen nicht verleugnen kann. Wie ein Rattenfänger hat die Sonne die Menschen an die Uferpromenade gelockt, zum Flanieren oder um sich auf den Bänken die Nase von den wärmenden Strahlen kitzeln zu lassen. Wagemutige stürzen sich von der nahen Brücke des Slowakischen Nationalaufstandes am Gummiseil kopfüber dem Donauwasser entgegen. Der Volksmund hat den Flussübergang längst in UFO-Brücke umgetauft – das von zwei Pylonen in 80 Meter Höhe getragene Restaurant sieht wie eine fliegende Untertasse aus. In 45 Sekunden bringt ein Lift in das Turmlokal mit Panorama-Aussicht. Für die verschmitzte Stadtführerin ein ebenso kulinarisches wie schwindelerregendes Erlebnis: "Das UFO dreht sich – bei zu viel Sliwowitz, oder beim Blick auf die Rechnung."

    Nach einem rund einstündigen Spaziergang durch die reizvolle Altstadt unterhalb der auf einem Felsen thronenden Burg, der unter anderem durch anziehende Schanigärtengassen, zum schmalsten, nur 1,30 Meter breiten Häuschen Europas und durch den prächtigen Arkaden-Innenhof des Rathauses führt, darf gestrampelt werden. Am Fuße der trutzigen Burgruine Devin, wo die March in die Donau mündet, bremsen wir uns ein. Zerschossene Mauerteile, aus denen stählerne, zerstörte Gitterstäbe ragen, bilden das "Tor zur Freiheit". Das Denkmal erinnert an die rund 400 Menschen, die während des Kalten Krieges durch den Eisernen Vorhang nach Österreich fliehen wollten und dabei getötet wurden.

    Barocke Augenweide

    Auf schmalen, etwas holprigen Pfaden, die sich durch die Auen der March schlängeln, erreicht man die vier Meter breite Friedens- oder Freiheitsbrücke, die seit 2012 Fußgängern und Radfahrern ohne Pass- und Zollkontrolle den Weg ins rotweißrote Flachland ermöglicht. Von einem sanften Hügel strahlt Schloss Hof entgegen. Prinz Eugen von Savoyen ließ das einstige Renaissance-Kastell zu einem barocken Jagdschloss umbauen. Unter Maria Theresia und Joseph II. wurde Hof zur prunk- und pracht

    vollen Augenweide erweitert. In sieben Terrassen fällt der mit Brunnen, Skulpturen und ausladenden Treppen bestückte Barockgarten zur March hin ab.

    Steigungsfrei hat der Pedaleur leichtes Spiel, um sich an ein Stückchen Donau-Au heranzupirschen, dessen Name sich durch den beherzten Widerstand gegen das geplante Kraftwerk Hainburg vor 33 Jahren im Gedächtnis verankerte: die Stopfenreuther Au. Dem Erfolg der Besetzer ist es zu verdanken, dass die Donauauen nationalparkwürdig wurden. Wer sich durch eines der drei Stadttore hinauf zum Hauptplatz von Hainburg müht, hat sich im Café-Gastgarten eine Melange verdient. Die finale Radweg-Etappe entlang der Hauptstraße, die wieder in Bratislavas UFO-Brücke mündet, fällt eher in die Kategorie Kilometerfressen.

    Entspannt im Whirlpool

    Zurück an Bord der Primadonna wird der müde gestrampelte Körper im Indoor- oder Outdoor-Whirlpool verwöhnt, auch gegen eine wohltuende Massage sträubt er sich nicht. Während die E-Bike-Akkus ihren Stromhunger stillen, lädt der Radler seine Speicher mit einem feinen 4-Gang-Abendessen im Pramo-Gusto-Restaurant auf.

    Nächtens gleitet der Katamaran nach Budapest. Eine dreistündige Stadtrundfahrt klappert die wichtigsten Stationen der Magyarenmetropole mit Fischerbastei und Parlament ab. Es wäre aber schade, anschließend die paradiesischen Zustände nicht zu nutzen, die Radfahrern hier geboten werden. Gut getrennt vom motorisierten Verkehr säumt unterhalb des Burgberges ein scheinbar endloser Radweg die Donau, der zur Margareteninsel abzweigt. Das knapp einen Quadratkilometer große Eiland mit dem markanten Wasserturm bedient den Ruhe suchenden Genussradler, der am Ende des Parks durch den zur Meditation einladenden Japanischen Garten von 1936 flaniert. Über Radwege, Radspuren oder verkehrsarme Nebenfahrbahnen kann das Zentrum gefahrlos bis hinaus zum Heldenplatz durchkreuzt werden.

    Nach Budapest stellt sich die Primadonna gegen den Strom. Die Radtour ab Krems durch die Wachau zählt unbestritten zu den Glanzlichtern. Weingärten, Maisfelder, Obstbäume, Dörfer und hübsche Städtchen wie das anziehende Dürnstein wechseln einander als Kulisse ab. Ein Vierterl Veltliner und eine reichlich mit Marillenmarmelade gefüllte Palatschinke genügen als Labsal, bevor es vorbei am leuchtenden Gelb des Stiftes Melk nach Pöchlarn geht, das im Nibelungenlied als Stammburg des Rüdiger von Bechelaren erwähnt wird und Geburtsort des Künstlers Oskar Kokoschka ist.

    Bernhard Lichtenberger, 20.01.2018, 00:04 Uhr

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