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    Musischer Kulttempel mit Weitblick

    Musischer Kulttempel mit Weitblick

    Die Hamburger Elbphilharmonie ist ein magnetischer Anziehungspunkt. Eine Musikreise rückt das architektonisch herausragende Konzerthaus ins Zentrum. Eine Fahrt für Akustikfreaks und jene, die es noch werden wollen.

    Seit der Eröffnung der Hamburger Elbphilharmonie im Jänner 2017 reißt der Ansturm auf das spektakuläre Konzerthaus nicht ab. Karten für eine der Veranstaltungen zu ergattern ist Glückssache. Umso größer ist die Vorfreude, bei einer viertägigen Musikreise das neue Wahrzeichen der Freien und Hansestadt während eines Konzertes erleben zu können. Denn das Programm rückt neben einem Besuch in der Hamburger Staatsoper und einer ausgiebigen Stadtführung vor allem den Besuch des auf Backstein thronenden Glaspalastes ins Zentrum.

    Die fast 13-stündige Busfahrt in den Norden Deutschlands entpuppt sich für die 30 Musikinteressierten kurzweiliger als anfangs gedacht. Reiseleiter Hermann Diller, der einst selbst Gesang und Operndramaturgie studierte, nützt die Zeit, um auf das kommende italienische Musikprogramm vorzubereiten. Zudem hat er Videos über die turbulente, von ingenieurtechnischen Schwierigkeiten nur so strotzende Baugeschichte der Elbphilharmonie mitgebracht.

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    789 Millionen Euro kostete dieser architektonische Prachtbau – um 209 Millionen Euro mehr, als geplant. Die Idee, einen Musiksaalkomplex plus Wohnungen und Hotel auf einen vorhandenen Backsteinspeicher aufzutürmen, ist an sich schon aufsehenerregend. "Was sich nun auf der künstlichen Elbinsel erhebt, wirkt wie ein in der Sonne glitzernder Kristall oder wie ein Segelschiff mit geblähten Segeln", sagt Diller. Diese Vorstellungen drängen sich ihm jedenfalls auf, angesichts des Zusammenspiels von Wasser, dunkel-schwerem Unterbau und dem gezackt aufschwingenden Dach.

    Hamburg begrüßt uns stürmisch. Starke Windböen lassen uns die Temperatur knapp unter null um zehn Grade kälter empfinden. Was uns nicht abhält, am nächsten Tag eine längere Stadtbesichtigung per Reisebus und zu Fuß zu unternehmen. Doch am Nachmittag steht bereits der Besuch der Elphi – wie das neue Wahrzeichen gern genannt wird – auf dem Programm. Das Konzert mit dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg ist zwar erst am nächsten Tag, aber die Aussichtsplattform in 37 Metern Höhe ist für all jene zugänglich, die sich ein Gratis-Ticket besorgt haben.

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    82 Meter langer Tunnel ins Innere

    Um dorthin zu gelangen, betreten wir zuerst die Stufen der längsten Rolltreppe Westeuropas. Die "Tube" führt auf einer Länge von 82 Metern durch den gesamten ehemaligen Speicher. Zweieinhalb Minuten dauert die Fahrt. Doch wer angenommen hat, im Inneren des Gebäudes vor Wind verschont zu sein, wird eines Besseren belehrt. Durch die Röhre bläst es beständig. Eine zweite kürzere Rolltreppe führt zur Plaza, dem zentralen Besucher-Umschlagplatz, der genau zwischen dem alten Speichergebäude und dem gläsernen Neubau gelegen ist. Gleich die erste Glasfront eröffnet einen herrlichen Blick auf den Hamburger Hafen. Allerdings weht einem sogar in diesem Innenbereich der Wind um die Nase. Der spektakuläre Rundumblick auf die Stadt, den die Aussichtsterrasse bietet, versöhnt aber mit dem zugigen Umfeld.

    Am Abend geht's in die Hamburger Staatsoper. Das Verdi-Requiem in einer szenischen Aufführung, die die Geister scheidet, überzeugt uns musikalisch. Da spielt es keine Rolle, dass der Bau aus den Fünfziger Jahren architektonisch nüchtern anmutet. Die Staatsoper wird ihrem Ruf, zu den besten Musiktheatern Deutschlands zu gehören, auf jeden Fall gerecht.

    Musischer Kulttempel mit Weitblick

    Tags darauf eröffnet sich uns zu einer Matinee der Große Saal der Elbphilharmonie. Um zum Sitzplatz zu gelangen, sind unzählige Stufen zu überwinden, je nachdem, in welcher Etage sich der Platz befindet. Die Publikumsebenen sind wie Weinterrassen rund um das Podium angeordnet, Orchester und Dirigent befinden sich in der Mitte des Saals. Die Ränge sind ineinander verwoben und bilden einen steilen Zuschauerkessel, der allen Besuchern gute Sicht bietet. Architektonisch beeindruckend ist auch der Reflektor an der spitz nach oben zulaufenden Saaldecke. Er ist wichtig für die Akustik und beherbergt Licht- und Bühnentechnik.

    Akustik ist keine Einbahnstraße

    Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg und Dirigent Alejo Pérez bieten uns ein abwechslungsreiches Programm von Puccini, über Respighi bis hin zu Busoni und Berio. Die Akustik ist herausragend, Schwächen entlarvt der Saal jedoch gnadenlos. Leise Töne sind bestens hörbar. Tücken der hellhörigen Akustik kommen auch zutage. Jeder Huster in diesem Saal ist deutlich zu hören. Bei unserem Konzert fällt einem Besucher eine Münze aus der Tasche. Sie kollert – plopp, plopp, plopp – die Stufen hinab. Das passiert, wie soll es anders sein, an einer leisen Stelle des Musikstückes. Akustik ist nun einmal keine Einbahnstraße.

    Info: sabtours bietet bei Verfügbarkeit eines Kartenkontingents immer wieder Musikreisen zur Elbphilharmonie an. Die nächsten beiden Termine sind ausgebucht. Weitere Termine stehen noch nicht fest. www.sabtours.at

     

    Zahlen und Fakten

    2100 Sitzplätze fasst der Große Saal der Hamburger Elbphilharmonie. Der Kleine Saal bietet je nach Bestuhlung Platz für 400 bis 600 Leute. Es gibt auch Studios für Musikvermittlung.

    200.000 Tonnen wiegt der gläserne Musikpalast. Das wären zweieinhalb Kreuzfahrtschiffe von der Größe einer „Queen Mary II“.

    Die „weiße Haut“ ist eine einzigartige Verkleidung des großen Konzertsaals. 10.000 Platten aus Gips und Altpapier – keine gleicht der anderen – sollen den Schall gleichmäßig im Raum verteilen.

    Der Große Saal schwebt aus Schallschutzgründen auf 362 Federpaketen. Damit ist sichergestellt, dass der Saal vom Rest des Gebäudes entkoppelt ist. So bleibt der Umgebungslärm wie Hafengeräusche draußen.

    4765 Pfeifen hat die Orgel im Großen Saal. 45 Orgelbauer haben zusammen rund 25.000 Stunden daran gearbeitet.

    Auf 110 Metern befindet sich der höchste Punkt der Elbphilharmonie. Damit ist sie ein deutliches Stück kleiner als der „Michel“, der Hamburger Dom, mit seinen 132 Metern.

     

    Susanna Sailer, 24.03.2018, 00:04 Uhr

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