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    Münchner Hochgenuss

    Münchner Hochgenuss

    Was nah ist, wird häufig übersehen. In München würde man mehr verpassen als die bekannten Größen Oktoberfest und Hofbräuhaus – ein Areal voll mit Museen etwa oder eine bunte Gastroszene und ein Stadtviertel, das selbst bei vielen Münchnern noch ein unbeschriebenes Blatt ist.

    Wie Legosteine sind die Schiffscontainer übereinander gestapelt und ineinander verschachtelt, die meisten mit bunten Graffities besprüht, gestaltet von Streetart-Künstlern. Auf einem der 35 gebrauchten Stahlquader thront ein eiserner Pegasos, in einem ist ein Café untergebracht, in einem weiteren ein Radiosender, auch eine Cocktail-Schule hat sich eingemietet und in der GinCity werden 60 verschiedene Gin-Sorten ausgeschenkt. Mitten durch die Container verlaufen Bahngeleise, ein Relikt aus der Pfanni-Zeit. Der deutsche Lebensmittelhersteller hat hier bis 1990 Kartoffelprodukte hergestellt. Das Container-Kollektiv ist eine Pop-up-City, angelegt auf drei Jahre. Sie bildet das Eingangstor zum ehemaligen Industriegebiet Werksviertel-Mitte.

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    In den Werken, in denen früher Kartoffeln lagerten und zu Knödeln geformt wurden, sollen Konzerträumen, Clubs, Werkstätten, Bars und Restaurants, Shops sowie Hotels und Freizeitstätten, aber auch Wohnungen entstehen. Schon heute trifft hier Alt auf Neu, modernes Design verbindet sich mit Industriecharme. Vieles ist erst im Entstehen, aber immer etwas los. Diese Woche hat Martin Grubinger hier ein Gastspiel gegeben, aus einer anderen ehemaligen Pfanni-Halle klingt Musik. "Chantal sing leise!" ist auf die Außenwand gesprüht, während innen seit kurzem allabendlich "Fack ju Göhte" als Musical auf die Bühne gebracht wird.

    Goethe wird derzeit in ganz München in anderer Form eine Bühne geboten. Die rosa und blau leuchtenden "Du bist Faust"-Plakate sind ein ständiger Begleiter im Stadtbild. Noch bis Ende Juli präsentieren 200 Kulturinstitutionen mehr als 500 Veranstaltungen zum Thema "Faust".

    Zu Faust verführt

    Warum Faust? Warum jetzt? Warum in München? "Der Stoff ist ein Klassiker, er hat so viel zu bieten, da braucht es kein Jubiläum und keine Ortsgebundenheit", erklärt Kunsthalle-Direktor Roger Diederen, warum sich die Münchner Goethes Drama in Form von Lesungen, Führungen, Filmen, Partys oder auch Ausstellungen annähern. In der Kunsthalle trifft der Besucher auf Faust, Gretchen und Mephisto wie in einem begehbaren Theaterstück. Durch Samtvorhänge getrennt, schreitet er von Raum zu Raum, steht vor Bildern, die Faust zum Thema haben. Der Besucher begegnet Mephisto im Film oder Gretchen auf unzähligen Postkarten und Porzellangeschirr, er erfährt, wann der Stoff die Opernbühne eroberte und steht staunend vor einer eigens für die Ausstellung angefertigten Tapete mit dem Gesicht der drei Protagonisten. Echte Faustianer werden hier ebenso überrascht wie jene, bei denen der Stoff zwiespältige Erinnerungen an die Schulzeit auslöst. Beinahe beschwingt bewegt man sich durch die Schau. Von Schwere keine Spur.

    Schwere Kost sucht man auch im "Tian" vergebens. Das Restaurant ist wegen seiner gehobenen vegetarischen und veganen Küche bereits eine fixe Größe in Münchens Gastro-Szene. Souschef Florian Fleckl spaziert über den Viktualienmarkt und muss dafür lediglich vor die Haustür treten.

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    Hier holt er sich Inspiration, schaut, welches Obst und Gemüse Saison haben, ist auf der Suche nach alten Sorten. "Wir kochen kein Chichi, unsere Gerichte sollen schmecken." Gebratener Karfiol trifft auf Spinatcreme und Kartoffelschaum, Ei und schwarze Trüffel. Für jene, bei denen es mittags schnell gehen muss, wird frisch Flammkuchen zubereitet. Fleckl schwört auf die neueste Kreation, einen falschen Hackbraten mit Wurzelgemüse und vielen Nüssen. Mittags gibt es zwei Gänge oder drei, abends bis zu acht. Einen Stern, wie das Tian in Wien, hat der Münchner Ableger noch nicht, "das ist aber unser Ziel", sagt Fleckl.

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    Einem anderen großen Mann der Kunst begegnet man in der Max-Vorstadt. 140 Werke des Malers und Grafikers Paul Klee sind seit kurzem in der Pinakothek der Moderne ausgestellt. Mindestens so beeindruckend wie das Schaffen des Schweizers ist die Architektur des Gebäudes, das zu den größten Häusern für moderne und zeitgenössische Kunst in Europa zählt. Wer es betritt, steht in einer großen Rotunde und blickt zu einer 25 Meter hohen Kuppel empor. In alle Himmelsrichtungen können die Besucher von hier über Aufgangs- und Abgangstreppen in vier Museen ausströmen, jedes mit anderem Lichtkonzept. Seit 2011 ist die Pinakothek der Moderne Teil von etwas noch Größerem, des Kunstareals München. Auf einem Areal von 500 mal 500 Metern befinden sich 5000 Jahre Kulturgeschichte, 18 Museen, dazu Hochschulen, Institute und Galerien.

    Gleich ums Eck in der Theresienstraße hat derweil Braco alle Hände voll zu tun. Auch sein Lokal ist luftig und designorientiert, und ein weiterer Beweis, dass in München Kulturgenuss und Genusskultur nah beieinander liegen. Braco und seine beiden Partner betreiben das "Theresa", ein Restaurant im Industrie-Look. Transparenz bestimmt das Konzept. Filetiert, tranchiert wird auf dem Tisch, gegrillt vor den Augen der Gäste am offenen Holzofen-Grill – Rinderfilet, T-Bone, Kalbskarree, Rib-Eye- Kotelett, aber auch Fisch. Hier kann man immer sonntags Brunchen, regelmäßig auf Bayerns Kicker treffen und ab 18 Uhr in die angrenzende Bar wechseln.

    Mehr als einen Abend braucht es, um sich durch die Cocktails des "Call Soul" zu kosten. Sie tragen Namen wie "Affengeil", "Burning Man" oder "Sweet Death", ihre Grundlagen entstammen der eigenen Spirituosen-Manufaktur, in der Likör-, Limonaden-, Rum- und Gin-Kreationen entstehen und zu auch fürs Auge kreativen Cocktails gemixt werden. Nicht das einzig Ansehnliche im Call Soul. Die Barmänner tragen Lederschürzen, Hipster-Bärte und Tattoos, und selbst das Interieur sticht trotz der schummrigen Atmosphäre ins Auge. Dabei gehörte eine Bar zu eröffnen, gar nicht zum Ansinnen von Adnan Alija und seinen Freunden. Sie wollten lediglich Spirituosen produzieren. Aber nachdem das eigene Wohnzimmer dafür zu klein und auch das Schlafzimmer belagert wurde, begab man sich auf die Suche nach einer neue Bleibe. Die fand man in einem heruntergekommenen Haus, das mehr hergab als bloß eine Manufaktur.

    "Der totale Starkbierwahnsinn"

    Es endet, wie es enden muss, weil ums Bier in München kein Herumkommen ist. Am Nockherberg am östlichen Isarufer wurde das Starkbier erfunden. Den Paulaner Mönchen verdanken die Münchner das Getränk, das in der Fastenzeit als Mahlzeitersatz diente und auch heute nur von Aschermittwoch bis Ostern gebraut wird. Jedes Starkbier der sechs großen Brauereien hat einen eigenen Namen, alle tragen die Endung -ator. Salvator heißt das Starkbier auf dem Nockherberg seit 1870. Es ist ein Doppelbock mit 18,3 Prozent Stammwürze und 7,9 Prozent Alkohol.

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    Das Rezept mag alt sein, die Brauerei ist es nicht. Sie ist das neue Aushängeschild von Paulaner, eine moderne Bierwelt mit Festsaal, Wirtshaus, Gastgarten und eben Brauerei. Wer sie betritt, steht vor einer imposanten halbrunden Ausschank mit fünf Zapfsäulen, aus der Eigenkreationen in eines der Hunderten dort aufgestellten Biergläser rinnen. Dahinter glänzen zwei riesige Kupfersudkessel in der Braugalerie um die Wette, jeder mit einem Fassungsvermögen von 2000 Liter. Imposanter kann man Bier nicht inszenieren.

    Den Wirt Christian Schottenhamel kennt in München jeder. Mit 26 Jahren wurde er Wiesn-Wirt. Seit 30 Jahren ist er auf dem Oktoberfest vertreten. Die Wiesn ist für ihn Routine. Das Paulaner am Nockherberg seine neue Herausforderung. Zu dieser gehören etwa die 2000 Menschen, die gerade im Festsaal das Starkbierfest zu feiern wissen. Vorwiegend jung ist das Publikum, alle trachtig adjustiert. Wer tanzen möchte, steigt samt Halbe auf die Bierbank und schunkelt zur Musik der Liveband. Gefeiert wird bis 25. März täglich oder wie die Münchner sagen – "der totale Starkbierwahnsinn".

    Tipps

    Übernachten: Mit 411 Hotels und 70.000 Betten hält München für die jährlich 16 Millionen Touristen ein reichhaltiges Angebot an Übernachtungsmöglichkeiten bereit.

    Hoteltipp: Wer auf Design wert legt, ist im „Hotel Louis“ direkt am Viktualienmarkt bestens aufgehoben. Die 72 Zimmer sind großzügig gestaltet, die Holzmöbel handgefertigt und in Naturtönen gehalten. Die Atmosphäre ist modern, edel und dennoch entspannt. Das Frühstücksbuffet, das am Wochenende auch für externe Gäste geöffnet ist, bietet für Weißwurst-Liebhaber ebenso ein Angebot wie für Veganer.
    DZ derzeit ab 200 Euro. www.louis-hotel.com

    Info-Portale:
    www.kunsthalle-muc.de
    www.werksviertel-mitte.de
    www.theresa-restaurant.com
    www.call-soul-restaurant-und-bar-schwabing.de
    www.paulaner-nockherberg.com
    www.einfach-muenchen.de

    Roswitha Fitzinger, 11.03.2018, 00:04 Uhr

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