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    Marx als Touristenattraktion

    Marx als Touristenattraktion

    Ein Besuch der letzten Ruhestätte von Karl Marx – und seiner vorletzten. Jochen Wittmann unterwegs auf Londons berühmtestem Friedhof.

    Es ist gar nicht zu übersehen, allein weil es so viel größer ist als die anderen Grabmäler. Ein übermannshoher, grauer Granitquader, darauf die dunkle Bronzebüste eines massigen Schädels: Karl Marx grüßt die Besucher seiner letzten Ruhestätte schon von weitem. Das Grab des wirkungsmächtigsten Denkers, den Deutschland je hervorgebracht hat, ist keine elegante Angelegenheit. Laurence Bradshaw ist der Künstler, der die Grabanlage 1955 entworfen hat, und Understatement war seine Absicht nicht. Als er den Auftrag zur Gestaltung erhielt, erklärte Bradshaw, dass die Herausforderung darin liegen würde, "ein Monument nicht nur für einen Mann, sondern für eine Geistesgröße und einen großen Philosophen zu schaffen".

    Hat er deswegen Marxens Haupt so überdimensional gestaltet? Ein gewaltiger Kopf ist das, um nicht zu sagen, kolossal. Die hohe Stirn, die buschigen Augenbrauen, das wallende Haar, der mächtige Bart. Es ist eine Büste, die dominieren soll. "Big Brother in drei Dimensionen", kommentierte der linksliberale "Guardian", als das Monument 1956 enthüllt wurde, "das Gesicht eines Vaters, der seine Kinder züchtigt, aber stets in Kummer."

    Aufmarschplatz für Genossen...

    Bradshaw hat das gesamte Tableau geschaffen: die Büste, den drei Meter hohen Grabsockel, das Design der vergoldeten Inschriften. Oben steht in Englisch der Aufruf aus dem Kommunistischen Manifest: "Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!". Am Fuß des Sockels mahnt die letzte seiner "Thesen über Feuerbach": "Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern." Eine in den Sockel eingelassene Marmortafel bezeugt, dass hier neben Karl Marx weitere Mitglieder der Familie bestattet sind, darunter seine Frau Jenny von Westphalen und seine Tochter Eleanor.

    Doch hierher kommt jeder nur wegen Karl. Der Ort ist ein Aufmarschplatz für die Genossen. Jedes Jahr zum Todestag am 14. März versammeln sich britische Sozialisten, europäische Revolutionäre und die Botschafter von kommunistischen Staaten wie Kuba, Vietnam oder China, um Kränze zu legen, weiß Neil Hollows, der ehrenamtlich am Friedhof aushilft. "Beim letzten Mal kamen gut 150 Leute zusammen", sagt Neil. "Zum Schluss sangen sie alle die Internationale." In diesem Jahr wird ein weit größerer Aufmarsch für den 200. Geburtstag am 5. Mai erwartet.

    ... und Touristen

    Im Rest des Jahres kommen hauptsächlich Touristen, die gerne Selfies vor dem Grab machen. Es gibt aber auch Verehrer, die des Philosophen gedenken wollen. Die Grabkerzen zeugen davon, der Strauß roter Nelken, schon arg verwelkt, die weiße und die rote Rose, die auf der Grabplatte liegen. Rings um die letzte Ruhestätte von Marx haben sich Kommunisten bestatten lassen, die ihrem Cheftheoretiker auch im Tode nahe sein wollten. Billig ist das nicht, weil kaum mehr Platz da ist. Selbst für eine schlichte Urnenbestattung liegen die Preise mittlerweile bei rund 4000 Pfund und steigen jährlich. Es hat seine eigene Ironie, dass ausgerechnet an dieser Stelle die sozialistische Nachfrage zu kapitalistischem Mehrwert führt.

    Kaum jemand geht zur vorletzten Ruhestätte von Karl Marx. Denn ursprünglich lag er rund zweihundert Meter weiter südlich in einer engen Grabzeile. Zu wenig Raum sei dort, hatte sich die Partei der britischen Kommunisten beklagt, auch sei es für Besucher schwierig, das Grab zu finden. Die Sowjetunion fragte bei der britischen Regierung an, ob man Marxens sterbliche Überreste ausgraben, nach Moskau überführen und dort an der Seite von Lenin bestatten dürfe. London lehnte dankend ab. 1954 beantragte dann die "Marx Memorial Library", der die Verwaltung des Grabes oblag, die Umbettung an einen für Versammlungen geeigneteren Ort. Dem wurde stattgegeben. Marx wurde exhumiert und kam 73 Jahre nach seiner Beerdigung zu einem deutlich repräsentativeren Grabmal.

    Zwölf Trauergäste

    Dabei ist die vorletzte Ruhestätte viel atmosphärischer. Am Monument vorbei geht es den Weg hinunter und beim Grab von Arthur Joseph Lockett rechts rein. Der Pfad ist schmal, die meisten Gräber sind von Brombeergestrüpp überwachsen, die Grabsteine verwittert, die Inschriften kaum zu entziffern. Ein Specht trommelt. Hummeln bummeln. Rechts ist es dann, ein Doppelgrab, von der Familie erworben für damals drei Guineas, was in heutigen Preisen rund 250 Pfund ausmacht.

    Als Marx 1883 hier zur Ruhe gelegt wurde, kamen lediglich zwölf Trauergäste. Sein Freund Friedrich Engels hielt die Grabrede. "Am 14. März, nachmittags ein Viertel vor drei", sagte Engels, "hat der größte lebende Denker aufgehört zu denken. Kaum zwei Minuten allein gelassen, fanden wir ihn beim Eintreten in seinem Sessel ruhig entschlummert – aber für immer." Der 63-Jährige sei wegen seiner revolutionären Philosophie, so Engels, "der bestgehasste und bestverleumdete Mann seiner Zeit" gewesen. Ja, bestätigte der aus Deutschland herangeeilte Gründervater der SPD, Wilhelm Liebknecht: "Er war der bestgehasste, er ist aber auch der bestgeliebte gewesen."

     

    Anderswo – Auf den Spuren von Karl Marx

    Trier: Karl Marx‘ Geburtsstadt weiß die Berühmtheit ihres Sohnes zu vermarkten und hat ihn unter anderem zum Ampelmännchen gemacht. An seinem 200. Geburtstag am 5. Mai wird zudem eine mehr als sechs Meter hohe Statue enthüllt. Nach langer Debatte entschied der Stadtrat das Geschenk aus China anzunehmen und aufzustellen.

    Das Geburtshaus von Karl Marx ist heute ein Museum, in dem ebenfalls ab Samstag eine neue Dauerausstellung mit neuen Originalobjekten zu sehen sein wird.

    Chemnitz: Längst zur Touristenattraktion geworden ist das 40 Tonnen schwere Karl-Marx-Monument in Chemnitz. 1952 war die Stadt in Karl-Marx-Stadt unbenannt worden. Ihr Symbol gilt als zweitgrößte Porträtbüste der Welt und ist heute das bekannteste Wahrzeichen der Stadt.

    Berlin: Ein echtes Relikt aus DDR-Zeiten ist das Marx-Engels-Forum in Berlin-Mitte, das die beiden Urväter des wissenschaftlichen Kommunismus in Übergröße zeigt. 1986 aufgestellt, sollte es kurz vor Ende der Diktatur die Stärke des Landes symbolisieren.

    Auf Marx´ Spuren wandeln kann man seit Februar auch im „Museum des Kapitalismus“ in Kreuzberg. In der interaktiven Schau können Besucher ausprobieren, wie Wirtschaft und Gesellschaft im Kapitalismus funktionieren.

    Brüssel: Wer heute auf dem prächtigen Grand Place im Schwanenhaus „La Maison de Cygne“ einkehrt, der lässt sich quasi in Marx‘ Stammkneipe nieder. In einem Hinterzimmer des heutigen Restaurants traf er sich während seines dreijährigen Exils mit Gesinnungsgenossen. Eine Gedenktafel erinnert daran. Dass er hier jedoch Teile des Kommunistischen Manifests geschrieben haben soll, gilt allerdings als Legende. (rofi)

    05.05.2018, 11:00 Uhr

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