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    Magisches Ravello

    Magisches Ravello

    Die Zaubergärten über der Costa Amalfitana inspirierten bereits Richard Wagner und machten Greta Garbo glücklich.

    Im Innern Verliese eines nach oben offenen Turmes. Steinstufen führen nach dem Zinnenrande der Turmmauer; Finsternis in der Tiefe." So lautet Richard Wagners Szenenanweisung im Parsifal. In Ravello, hoch über der Amalfiküste, kann sich der Besucher damit immer noch gut zurechtfinden. Denn Wagner, der 1880 dort Teile der Oper schrieb, hielt sich genau an das, was er vor sich sah. Und anders als in den schicken Küstendörfern Positano und Amalfi unten an der schönsten Küstenstraße Italiens blieb in dem hoch darüber schwebenden Bergdorf viel von der Aura des 19. Jahrhunderts erhalten.

    Daran ändern auch die nagelneue Treppe im Turm und die beiden modernen Designerhotels nichts, die mittlerweile in historischen Palästen eingezogen sind. Und selbst das große schwarze Auge, das seit einigen Jahren aus einem schneeweißen Betonblock übers Meer blickt, fügt sich erstaunlich harmonisch ein. Die supermoderne Konzerthalle des brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer hatte bei der Eröffnung Anfang des Jahrzehnts kräftig Wellen geschlagen. Mittlerweile hat sich aber die Einsicht durchgesetzt, dass das zierliche Auditorium des im Juli wieder beginnenden "Ravello Festivals" eher ein Meisterwerk als einen Betonfrevel darstellt.

    Die Landschaft ist sowieso über jeden Zweifel erhaben. Im Park der Villa Rufolo glaubte Wagner, Klingsors lang gesuchten Zaubergarten gefunden zu haben. Seit 1953 ist der Originalgarten jeden Sommer Festivalbühne und Pilgerstätte für Wagnerianer mit Sehnsucht nach dem Süden. Dabei ist es vor allem die terrassenförmige Anlage, die heute Besucher in den Bann zieht. Die kunstvoll angeordneten Blumenrabatten, die stilsicher dazwischen gesetzten Palmen und Teiche, die Rosenkaskaden: Das alles bildet nur den Rahmen für die beklemmend schöne Aussicht über die geschwungene Küste tief unten und den silbern glänzenden Golf von Salerno.

    Wer weiter vorstoßen will in die Altstadt, der ist auf gutes Schuhwerk angewiesen. Eine umsichtige Verwaltung hat das Zentrum Ravellos vor Jahren für Autos gesperrt. Den Transport von Gepäck und Lebensmitteln übernehmen Handkarren – zu den Geschäften ebenso wie zu den Villen aus dem 19. Jahrhundert, in denen heute oft Hotels untergebracht sind.

    Die meisten Gäste interessieren sich aber weder für die bildhübsche Dorfkirche noch für den pittoresken Dienstagsmarkt. Sie steuern direkt zum zweiten Höhepunkt Ravellos, der Villa Cimbrone: 1904 von einem Engländer gebaut, ist das Haus ein bisschen Gralsburg, ein bisschen Neuschwanstein, ein bisschen Entführung aus dem Serail. Greta Garbo, so weiß es eine Gedenkplatte, genoss dort "Stunden geheimen Glücks" mit dem Dirigenten Leopold Stokowski. Die Besucher lassen die gnädig mit wildem Wein bewachsene Scheußlichkeit links liegen und wandern in den Park. Zwischen Hortensien und Drachenbäumen tauchen Figuren, Grotten und Tempelchen auf. Akkurat zu Pyramiden getrimmt, markieren Buchsbäume gekieste Wege. Rechts erscheint der Teegarten mit dem Tempel der Eva, an dem sich traditionell die Verliebten küssen. Und dann öffnet sich der Weg, der Gast tritt aus dem schützenden Grün hinaus zum großen Finale auf die blendend weiße Aussichtsterrasse.

    Für Leute mit Höhenangst ist der "Belvedere del Infinito" definitiv nichts – immerhin bricht der Höhenzug dort mehr als 100 Meter senkrecht zum Meer hin ab. Wer sich daran nicht stört, findet wohl keinen romantischeren Punkt an Italiens Küsten als diesen unvergleichlichen Zusammenklang von Meer, Gebirge und Licht.

    Hans-Werner Rodrian, 13.03.2017, 00:04 Uhr

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