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    Kulinarik und Kultur per Bahn

    Kulinarik und Kultur per Bahn

    Zugfahren ist in der Schweiz weit mehr als nur von A nach B zu kommen. Mit der Bahn geht es auch bei Vollmond zum abendlichen Käsefondue in die Berghütte, ins städtische Museum, von den Bergen bis zu den Palmen, mit dem Schlitten auf die Anhöhe, als Beifahrer frühmorgens mit der Fräse durch den Neuschnee ...

    Im Stundentakt bewegt sich der Zugverkehr durch die Schweiz, zuverlässig zu jedem Bahnhof und sei er noch so hoch oben auf dem Berg gelegen. Fahrgäste mit Skiern sind keine Seltenheit, in Diavolezza hält der Zug direkt neben der Gondel. Wenn es gar zu steil wird wie auf den Muottas Muragl nahe St. Moritz, bringt stattdessen die Standseilbahn die Fahrgäste nach oben, die mit Schneeschuhen wandern oder mit dem Schlitten hinabfahren wollen. Und wenn es keine passende Bahnverbindung gibt, dann kann’s auch mal ein Schnellbus sein. Wie von Tirano, dem südlichen, schon italienischen Endbahnhof des Bernina-Express, nach Lugano.

    Dort in der Nähe, mit Blick auf Berge und See hat der Literatur-Nobelpreisträger Hermann Hesse gefunden, was er bei seinen Reisen nach Asien und Afrika nicht fand. So beschrieb er es jedenfalls selbst und die Besucher des Museums in Montagnola sind geneigt, ihn zu verstehen, wenn sie den Balkon sehen und den Ausblick von etwas weiter unterhalb genießen. Von Hesses Balkon geht das nicht, denn die Räume, in denen er lebte, sind im Privatbesitz. Das Museum liegt angrenzend. Regina Bucher, eine Berlinerin, führt es seit 20 Jahren. Der Liebe wegen ist sie hierher übersiedelt und hat im Lebendighalten von Hesses literarischem und bildnerischem Werk ihre Bestimmung gefunden. Originalgegenstände und von Hesse gemalte Bilder sind im Museum zu sehen. Mit Audioguides ausgestattet folgen Besucher dem Hesse-Weg, der sich entlang seiner Lieblingsstätten durch den Ort schlängelt. Die vielen Palmen fallen auf, wo doch die Gletscher so nahe sind. Egal, ob auf dem selben Weg zurück oder in Form einer Rundreise. "Von Lugano mit dem Gotthard-Panorama-Express und dann mit dem Glacier-Express wieder nach Chur", beschreibt Christoph Leu von Swiss-Travel-System einen eindrucksvollen Rückweg zum Ausgangspunkt. Die Begeisterung für das Schweizer Bahnwesen ist dem Deutschen anzumerken und doch betont er: "Es geht nicht nur um die Eisenbahn, die Kombination mit beeindruckender Landschaft und imposanten Bauwerken macht die Faszination aus."

    Fotografieren ohne Spiegelungen

    Dass das Umsetzen von Normal- auf Schmalspur während der Fahrt machbar ist und der gesamte Waggon auf ein anderes Bahnsteigniveau gehoben oder gesenkt werden kann, weist laut Leu auf den Erfindergeist von Schweizer Konstrukteuren hin. Er präsentiert auch eine Lösung für ein häufiges Fotografen-Problem – einen Waggon, bei dem sich die Fenster einzeln mittels elektrischer Heber öffnen lassen. Ganz ohne Spiegelungen können die Landschaft, der in den Tunnel fahrende Zug und die hohen Viadukte fotografiert werden.

    "Eine Cabrio-Bahn gibt es auch, sie fährt im Sommer von Davos nach Filisur", macht Dieter Dubkowitsch Gusto auf die warme Jahreszeit. Der Wiener ist für die Rhätische Bahn tätig. Noch ist Winter. Tiefer Winter. "Wir haben entlang der Bahnstrecke durchschnittlich 15 bis 18 Meter Neuschnee", beschreibt er die Menge, die von den Gleisen gebracht werden musste. Und es wäre nicht die Schweiz, wenn sie nicht auch diese notwendige Arbeit mit Bahnkunden teilen würde: "Bei den sogenannten Dampfschleuderfahrten können einige wenige Besucher um vier Uhr früh mitfahren und erleben, wie die Schneemassen weggefräst werden."

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    Zu welcher Jahreszeit das Bahnfahren in den Bergen am schönsten ist? Da mag Dubkowitsch sich nicht festlegen. Schlitteln, wie die Schweizer zum Schlittenfahren sagen, ist im Winter ein Hit. Der grünende Frühling sowieso. Im Sommer das Mountainbiken, auch mal mit dem Zug hinauf und per Rad hinunter. Im Herbst das Wandern: "Es gibt viele Wanderwege, man kann bei der einen Station aussteigen und bei der nächsten wieder einsteigen." Für einige Urlauber ist die Bahn aber nicht in erster Linie Transportmittel, sondern Mittelpunkt des Interesses. "Für Eisenbahnfreunde, Nostalgiezug-Liebhaber und Modelleisenbahnbauer", zählt Leu auf und begründet so, warum bei den Hotels an den Bahnhöfen meist die gleisseitigen Zimmer schneller ausgebucht sind als die mit Berg- oder Seeblick. Alt aussehende Waggons werden immer wieder einmal dazwischengekuppelt. "Sie haben die neueste Technik, aber das Aussehen von früher", erklärt Leu. Dass es Eisenbahnmuseen gibt, wie jenes in Albula an der Rhätischen Bahn, ist selbstverständlich. Es verwundert gar nicht mehr, dass auch Baustellen besichtigt werden können, gleich hinter dem Bahnsteig mit den vielen Schlittenfahrern ist der Eingang.

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    Und dann gibt es da noch Alp Grüm, eine gar nicht so kleine Berghütte, die nur mit dem Zug erreichbar ist. Keine Straße, keine Piste, kein Lift. Nur der Bahnhof der Rhätischen Bahn. Bei Vollmond fährt um 18.15 Uhr ein Zug von St. Moritz hinauf. Zur Einstimmung wird Sekt serviert, oben am Bahnsteig gibt es Häppchen, in der Hütte Käsefondue für alle, um 22.25 Uhr geht es wieder zurück. Licht aus im Zug, Musik an, vollmondbeschienene Landschaft genießen. Der Zug ist voll, auch für Schweizer ein beliebter Ausflug.

    Mit Glocken und Stimme

    Die Wintertage sind gezählt. In Pontresino gibt es zwar noch Skifahrer, Steinböcke im Tiefschnee und eisbedeckte Straßen, aber die glockenschwingenden und rätoromanisch singenden Buben des Dorfs lassen keinen Zweifel daran, dass der Frühling naht. Sie treiben den Winter aus, lautstark und traditionell. "Chalandamarz" heißt das Spektakel. Einheimische und Touristen säumen die Straße. Die einen gehen danach heim, die anderen zurück in ihre Hotels, einige fahren mit der Bahn bis zur nächsten Station, St. Moritz, in dem laut großflächiger Werbung von 150 Jahren der Wintertourismus erfunden wurde. Es gibt noch typische St. Moritzer Nusstorte, dann geht es nach Chur.

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    Sgraffito ist hier das sichtbare Zeichen von Reichtum auf den Außenwänden der alten Häuser im dicht bebauten Stadtkern – der gleich neben dem Bahnhof beginnt. Zwei Kirchen prägen die Stadt: die katholische Kathedrale St. Mariä Himmelfahrt mit dem renovierten Bischofsschloss mächtig auf einer Anhöhe, die evangelische Martinskirche mit den Giacometti-Fenstern, ihrer besonderen Akustik und Zweitfunktion als Konzertsaal weiter unten. Bauliche Besonderheiten haben beide. Der Turm des unteren Gotteshauses musste extra hoch werden, das Kirchenschiff der oberen ist schräg.

    In Chur sind außerdem römische Ausgrabungen zu sehen, Kunstführungen werden angeboten, am mittelalterlichen Platz Arcas finden oft Konzerte statt. Im Geburtshaus der Malerin Angelika Kauffmann ist heute ein Café eingerichtet. Einige ihrer Werke, wie auch Arbeiten von anderen Schweizer Künstlern, sind im Bündner Kunstmuseum ausgestellt. Der quaderförmige, moderne Bau liegt – und das überrascht nun niemanden mehr – nahe beim Bahnhof.

     

    Per Bahn

     

    Rhätische Bahn im Kanton Graubünden: UNESCO-Welterbe-Strecke Bernina-Express von Thusis über die Passhöhe auf 2253 Metern bis Tirano, dann Busverbindung nach Lugano. rhb.ch, berninaexpress.ch.

    ÖBB-Packages für Schweiz-Reisen: Sparschiene ab Linz ab 35 Euro (mit Aufpreis auch für die 1. Klasse erhältlich)
    Nightjet ab Linz ab 25 Euro (Sitzplatz, Liegeplatz im Vierer- oder Sechserabteil, Schlafwagenabteil für ein bis drei Personen oder Familienabteil). railtours.oebb.at, oebb.at

    Swiss-Travel-Pass: Bahn (inklusive Panoramastrecken), Bus und Schiff, Eintritt in 500 Museen, Ermäßigung für viele Bergbahnen und Familien, ab 205 Euro für drei Tage. MySwitzerland.com

     

    Monika Raschhofer, 17.03.2018, 00:04 Uhr

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