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    Hip-Hopper in der Oper

    Hip-Hopper in der Oper

    Lyon steht bei französischen Reisezielen völlig zu Unrecht im Schatten von Paris und Marseille. Der zwischen Rhone und Saone eingebetteten Stadt ist gelungen, Vergangenheit und Gegenwart mit verführerischem Charme zu vereinen. Glücklicherweise ist das Linzer Musiktheater nun ihr Partner.

    So wie die Bühnenkonzeption hier steht, bringen wir sie in Linz nicht ins Musiktheater – man höre und staune, dafür ist unsere Seitenbühne um zwei Meter zu niedrig", sagt Philipp Olbeter. Der 62-Jährige ist seit 1995 technischer Leiter der Linzer Häuser an der Promenade und am Volksgarten. Um ihn zu treffen, hätte niemand nach Lyon reisen müssen. Aber hier, in der mit knapp 600.000 Einwohnern nach Paris und Marseille drittgrößten Stadt Frankreichs, arbeitete er eben dieser Tage, weil sich das Linzer Musiktheater mit der Opéra de Lyon künstlerisch und wirtschaftlich verpartnert hat.

    Liebe auf den ersten Blick

    Es bedarf nur einiger Schritte durch die Traboules der Stadt, dann ist im Handumdrehen klar: Für die Chefs des Linzer Landestheaters muss es Liebe auf den ersten Blick gewesen sein. Das Wort Traboule stammt vom lateinischen "transambulare", es bedeutet hindurchspazieren. Die Verbform "trabouler" besteht im lokalen Sprachgebrauch weiter und heißt abkürzen, für die Lyoner eine alltägliche Art der Fortbewegung zu Fuß.

    Hip-Hopper in der Oper

    Als sei jeder Flaneur Teilnehmer an einem pompös inszenierten Versteckspiel, sind die drei historischen Viertel im Zentrum auf verwinkelten Wegen von Innenhof zu Innenhof, vorbei an mittelalterlichen Rundtürmen und gotischen Loggien, Heiligenstatuen und hängenden Gärten auszukundschaften. Und niemals besteht in diesen Gässchen die Gefahr, von Autos über den Haufen gefahren zu werden. Über dieser vor Pracht strotzenden Altstadt wacht der auf dem Rücken liegende Elefant. So nennen die Lyoner ihre auf dem Fourvière-Hügel thronende Muttergottesbasilika. Warum ein Elefant? "Ja sehen Sie das Tier nicht? Die Kirche ist ein klobiger Stilmix aus allen möglichen Epochen – und die vier dicken Ecktürme sind die Beine, die in den Himmel ragen", sagt Louis, der Kellner im Café "Le Rocambole", der wie auffallend viele in Lyon ausgezeichnet Englisch spricht.

    In der Oper fehlt nur die Discokugel

    Am Place Tolozan bäumt sich ein gewaltiger klassizistischer Bau von 1831 mit gläsernem Runddach auf. Es ist die Opéra National de Lyon, der man außen bloß Bombast ansieht. Ihre architektonischen Raffinessen eröffnen sich erst im Inneren. Architekt Jean Nouvel hat sie im Zuge eines kompletten Umbaus von 1986 bis 1993 implantiert. Kaum hat der Besucher das schwarze Steinportal hinter sich, wird er vom Schwarz völlig verschluckt. Auf dem Weg zum Theatersaal geht’s mit Rolltreppen in den zweiten Stock, dort weiter über Lochbleche, die bei jedem Schritt bedrohlich nachgeben. In so einer Umgebung haben wir in den 80er-Jahren ausgelassen getanzt, in der Oper von Lyon fehlt nur die Discokugel. Über leuchtend rote Gänge ist das Foyer mit dem erneut ausschließlich schwarzen Zuschauerraum und den sechs Rängen verbunden. Es sieht aus wie in einem Maschinenraum, der in die Mitte des Palastes gehängt wurde. Hier werden nun große Gefühle in Bewegung gesetzt.

    Hip-Hopper in der Oper

    An diesem Tag übernimmt Richard Wagners "Tristan und Isolde" die emotionale Befeuerung. Es ist die Inszenierung des deutschen Theater-Haudegens Heiner Müller (1929-1995), mit der er 1993 in Bayreuth debütierte. Lyon-Intendant Serge Dorny hat sich nun in den Kopf gesetzt, das Theater als Erinnerungsmedium zu betonen, deshalb gründete er das Festival "Mémoires" (Erinnerungen), das drei Aufführungen zu neuem Leben erweckt, deren Schöpfer bereits tot sind: Richard Strauss’ "Elektra" in der Inszenierung von Ruth Berghaus (1986), Claudio Monteverdis "L’incoronazione di Poppea" von Klaus Michael Grüber (2000) und Müllers "Tristan".

    Ein glücklicher Zufall für Oberösterreich ist es, dass Stephan Suschke, der seit September 2016 werkende Schauspielchef des Linzer Landestheaters, in den 80er- und 90er-Jahren Heiner Müllers engster beruflicher Vertrauter war. Er richtete "Tristan und Isolde" in Lyon nun ein, am 15. September 2018 wird exakt diese Inszenierung unter der Leitung des neuen Opernchefs Markus Poschner die Musiktheater-Spielzeit am Volksgarten eröffnen.

    Vier Sattelschlepper werden das Bühnenbild im Sommer 2018 nach Linz transportieren. Bis dahin lagert alles in Lyon. "Die originalen Kostümentwürfe des japanischen Designers Yohji Yamamoto wurden in den Werkstätten der Bayreuther Festspiele nachgeschneidert. "Vermutlich von jenen Leuten, die das vor 25 Jahren auch schon gemacht haben", sagt Olbeter.

    Hip-Hopper in der Oper

    Sich mit dieser französischen Stadt zu verbandeln, war bisher einer der klügsten Schachzüge von Landestheater-Intendant Hermann Schneider – zumal bereits am 3. Februar 2018 Héctor Berlioz’ "La Damnation de Faust" von der jüngsten Oper Europas nach Linz übersiedelt.

    Breakdance-Weltmeister

    Aber wie hat es Dorny geschafft, den Altersdurchschnitt seines Publikums auf sagenhafte 47 Jahre zu reduzieren und dabei die Besucherauslastung auf 95 Prozent zu schrauben? Damit die Oper im 21. Jahrhundert weiterlebt, sollten möglichst viele Menschen etwas von ihr haben – so seine Grundidee. Kurz nach Dornys Amtsantritt 2003 nahm er Kontakt zu den Hip-Hoppern der Stadt auf, er organisierte ihnen Proberäume und trieb Geld für eine Breakdance-Gruppe auf, die inzwischen den WM-Titel gewonnen hat. Unter anderem hat hier auch der Ex-Freund von Popstar Madonna, Brahim Zaibat, einst mit seiner Gruppe geübt.

    Hip-Hopper in der Oper

    Die Verbindung der Pop- zur Klassik-Kulturwelt ist heute so innig, dass täglich rund 50 Jugendliche vor dem Eingang der Oper ihre Moves trainieren. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie lange entfesselte Hip-Hopper – vielleicht gar aus sozialen Brennpunkten – auf dem Vorplatz des Linzer Musiktheaters herumtollen dürften, ehe ihnen von hauptberuflichen Grantlern die Musik abgedreht werden würde. In Lyon geht so etwas, vielmehr noch: Es ist erwünscht. Dorny hat nichts Geringeres getan, als die durch die Architektur seines Hauses angestoßenen Impulse auf das Wesen der Oper zu übertragen. Die junge Truppe des Intendanten versteht sich als aktive Gestalterin der Gesellschaft, die Künstler aus dem hauseigenen Ballett-Ensemble und dem Orchester kommen in Parks, Schulen, Jugendzentren, ja sogar in Krankenhäusern ihrem Publikum mit kostenlosen Gastspielen entgegen.

    Und wer einander mag, der besucht sich gegenseitig.

     

    Der Opernmacher

    Serge Dorny wurde 1962 in Wevelgem in Belgien geboren. Er studierte Architektur, Archäologie, Kunstgeschichte, Komposition und Musikanalyse. Im Team von Gerard Mortier begann er seine Theaterkarriere 1983 als Dramaturg an der Oper La Monnaie in Brüssel. Vier Jahre später wurde er künstlerischer Leiter des Flandern-Festivals, 1996 wechselte er als Generaldirektor zum London Philharmonic Orchestra. Seit 2003 steht er der Opéra National de Lyon vor.

    Der Opernmacher

    2013 war Serge Dorny bereits zum Chef der Semperoper in Dresden bestellt worden, aber sein Vertrag wurde sieben Monate vor Amtsantritt auf Bestreben von Chefdirigent Christian Thielemann von Sachsens Kunstminsterin gekündigt.

    Dorny blieb somit in Lyon, und das Landgericht Dresden entschied im Dezember 2015, dass die Kündigung zu Unrecht erfolgte. Damit hatte Dorny Anspruch auf Schadenersatz von 1,5 Millionen Euro.

    Von Peter Grubmüller, 01.04.2017, 02:17 Uhr

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