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    Himmel Hölle 

    Himmel & Hölle

    Wo der Schnee die Berge in glitzerndes Weiß kleidet, hat er tiefe Spuren hinterlassen. Gabriel Egger war mit Peter Habeler im Tiroler Jamtal unterwegs.

    Sie waren bereits umgekehrt. Zu heftig war der Schneefall geworden, zu schlecht die Sicht. Nur mehr 200 Meter entfernt von Suppe, Brot und wohliger Wärme. Wenn Gottlieb Lorenz aus den Fenstern der 2165 Meter hohen Gaststube seiner Jamtalhütte blickt, sieht er die Stelle, an der im Dezember 1999 eine Lawine 14 Menschen unter sich begraben hatte. Ein sanfter Hang, kaum steiler als 30 Grad, aber Lawinenwarnstufe 4. Eine sichere Tour auf den Rußkopf, ausgebildete Bergführer aus Deutschland mit großem Know-how und Fingerspitzengefühl. Und trotzdem. Neun Menschen konnten nur mehr tot aus den Schneemassen befreit werden. Für Hüttenwirt Lorenz ein grausames Déjà-vu.

    Im Februar desselben Jahres starben seine Mutter und seine hochschwangere Frau, als sich eine mächtige Lawine vom Grieskogel löste und die Ortschaft Galtür zerstörte. Lorenz hatte seine Familie nur wenige Tage zuvor wegen der akuten Lawinengefahr von der Hütte ins vermeintlich sichere Tal gebracht. Vergessen wird er nie. Doch Gottlieb Lorenz hat seinen Frieden gemacht mit dem lawinösen Tal im Tiroler Paznaun. Seinem Jamtal.

    Sanfte Schale, gefährlicher Kern

    Auch heute, 18 Jahre danach, ist unser Tourenziel der Rußkopf. Passieren wird diesmal nichts. Das können Extrembergsteiger Peter Habeler und Bergführer Christian Eder garantieren. "Und wer stark ist, der kann noch auf die Hintere Jamspitze gehen", sagt Habeler und strahlt wie ein kleiner Bub, als er den fernen Gipfel mustert. Der Zillertaler muss seinen Ausweis zeigen, dass man ihm sein Alter abnimmt. 74 Jahre und kein bisschen alt. Zu aufgeweckt und verspielt wirkt der drahtige Mann mit der blauen Haube und der stilsicheren Sonnenbrille. Der Mann, der mit Reinhold Messner 1978 die Medizin verblüffte. Ohne zusätzlichen Sauerstoff auf den höchsten Berg der Welt. "Bärig war das. Aber eine ordentliche Bucklerei."

    Himmel Hölle 

    Anstrengend wird es heute auch für einige der Teilnehmer. Die Skitour zieht sich. Bereits auf den ersten Metern auf dem Jamtalferner übertönt monotones Schnaufen Habelers wilde Geschichten aus dem Himalaja.

    Die Sonne lässt die weißen Riesen ringsherum glitzern und funkeln. Der Neuschnee hat sich sanft über die kühnen Flanken gelegt. Wie kann etwas so Schönes so gefährlich sein? Sanfte Schale, gefährlicher Kern. Wie eine Insel mitten im Eismeer sieht die Jamtalhütte von hier oben aus. Einsam ist sie nie. Skitourengeher geben sich im Frühjahr die eiserne Klinke in die Hand und müssen nicht einmal schwer tragen. Ski, Schuhe und Lawinenausrüstung gibt es im Keller der Hütte auszuborgen. "Das ist einzigartig in Österreich", sagt Hüttenwirt Lorenz stolz. Auch Albert Einstein und Ernest Hemingway haben sich einst von den umliegenden Dreitausendern inspirieren lassen. Die Bergrettung Tirol probt im Ausbildungszentrum nebenan den Ernstfall und schult ehrenamtliche Mitglieder aus dem ganzen Bundesland.

    Viel Theorie und wenig Praxis

    "Schaut her, das sind Sastrugi." Bitte, was? "Windgangeln, also Rillen im Schnee" versucht sich Bergführer Eder zu erklären. Daran lasse sich Windstärke und -richtung erkennen. Wichtig für die Beurteilung der Lawinengefahr. Ungläubige Blicke treffen den einstigen Hüttenwirt der Dominikushütte. 20 Jahre hat er das Schmuckstück an den Ufern des Schlegeis-Stausees in den Zillertaler Alpen geführt, dann wollte er ausbrechen. Aus dem Gastronomiealltag und der Bewegungslosigkeit. Hinein in die Anarchie der Silvretta. Als Bergführer verbringt er viele Monate im Jahr im Jamtal. Wandert, klettert und muss manchmal auch spazieren gehen.

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    "Die Skitourengeher in Österreich sind spitze. Aber nur, wenn es um die Theorie geht. Da wissen sie alles. Im Ernstfall aber können einige das Suchgerät gar nicht bedienen."

    Lawinenkunde, das sei ein Geduldsspiel und brauche viel Zeit. Selbst Experten können einen Hang nur zu 70 Prozent einschätzen. Der Rest bleibt ein gefährliches Risiko.

    Drei Länder, 44 hohe Gipfel

    "Quert den Hang lieber mit Abstand", ruft Habeler über den Gletscher. Der aufgefrischte Wind trägt seine Worte auch bis zu den Nachzüglern. Ab jetzt trennen sich die Wege. Habeler wendet sich mit seinen Schützlingen dem Rußkopf zu. Ohne Wehmut, denn "der Gipfel ist das Ziel". Welcher, ist Habeler heute nicht mehr so wichtig. Zuviel hat er gesehen, zuviel er- und überlebt.

    Eder führt den Rest der Gruppe über die Dreitausend-Meter-Marke. Dann stehen sie wie aufgefädelt da, die 44 Zwei- und Dreitausender der Silvretta. Einer in der Schweiz, der andere in Tirol und ein weiterer in Vorarlberg. Inmitten thront die Dreiländerspitze. Nomen est omen. Ihr scharfer Grat bleibt heute unberührt.

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    Der Gipfelhang ist hartgefroren, lieber raus aus der Bindung. Behutsam geht es über nackten Fels zum Höhepunkt der Tour. Auf der Hinteren Jamspitze steht man 3165 Meter über den Dingen. Über Galtür, über dem Montafon, über allen Zwängen. Obwohl das Panorama bis zum Piz Bernina, dem einzigen Viertausender der Ostalpen reicht, bleibt der Blick beim silbernen Kreuz hängen. Es ist dem Himmel am nächsten und erinnert doch an die Hölle. An den Tag, der Galtür für immer veränderte. Als Hildegard und Edith Lorenz das Jamtal für immer verließen. "In lieber Erinnerung", steht auf dem schwarzen Metallschild geschrieben, das das Gipfelzeichen ziert. Ehrfürchtige Stille.

    Die Abfahrt über die unverspurten Hänge ist das Gastgeschenk. Jeder Schwung ein Gemälde im frischgefallenen Schnee. Ein Traum aus Pulver. Nur kurz wachen wir daraus auf, als wir den Hang erreichen, der sich vor 18 Jahren löste. Bei der Jamtalhütte sitzt Peter Habeler auf der Sonnenterrasse. Er lächelt freundlich. "Ich glaub, der junge Mann ist noch nicht ausgelastet." Wir dürfen uns unter seinen erfahrenen Augen noch im Eisklettern üben. Langsam färbt sich der Himmel rot und das letzte Licht fällt auf die Gipfel der Silvretta. Mehr Himmel als Hölle.

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    Peter Habeler und OÖN-Mitarbeiter Gabriel Egger auf Tour im Jamtal.

     

    Mit 74 durch die Eiger-Nordwand

    Peter Habeler kletterte durch steile Wände, stand auf hohen Gipfeln und blieb dennoch auf dem Boden.

    Wenn Peter Habeler einen Witz erzählt, freut er sich selbst am meisten darüber. Sein Lachen ist ansteckend, seine Lebensfreude motivierend. Der Extrembergsteiger feiert heuer seinen 75. Geburtstag. Von Altersmüdigkeit keine Spur.

    OÖN: Im 75. Lebensjahr könnte man es doch auch einfach ruhig angehen, oder?

    Peter Habeler: Ich bin wirklich dankbar, dass ich noch machen kann, was mir Spaß macht. Ganz ohne kaputte Knie oder künstliche Hüfte. Ich habe noch große Freude am Trainieren. Alles schaffe ich natürlich nicht mehr. Den achten Schwierigkeitsgrad beim Klettern zum Beispiel. Da bin ich froh, wenn mich wer mitnimmt.

    Bald klettern Sie mit David Lama durch die Eiger-Nordwand. Wer nimmt da wen mit?

    Den David kenne ich, da war er noch ein kleiner Bub. Da ist er schon mitgeklettert. Es ist ein Wunsch von mir, dass wir das heuer wiederholen. Wenn die Verhältnisse passen, schon im März.

    Sie wären der älteste Kletterer, der diese mächtige Wand jemals durchstiegen hat.

    Das ist mir wurscht. Mir geht es um eine gute Zeit.

    Wie feiert Peter Habeler seinen 75. Geburtstag? Auf einem Berg?

    Da ist noch nichts Konkretes geplant. Zu meinem 60er bin ich mit einer großen Feier überrascht worden. 150 Leute, und ich habe nichts davon gewusst. Das war einer meiner schönsten Geburtstage.

    Wie bewerten Sie die aktuelle Entwicklung des Bergsports?

    Ich habe das Gefühl, dass schwere hochalpine Touren kaum noch gemacht werden. Der Alpinismus selbst liegt nicht im Trend, der Bergsport schon.

     

    19.03.2017, 00:04 Uhr

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