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    Frankfurt – eine Stadt im Höhenrausch

    Frankfurt – eine Stadt im Höhenrausch

    Die zehn höchsten Hochhäuser Deutschlands stehen in der hessischen Großstadt am Main und sie wächst weiter mit neuen Luxustürmen, eröffnet in diesem Jahr aber auch ein wieder aufgebautes Altstadtquartier.

    Sekundenschnell steigt der gläserne Expresslift senkrecht in den Himmel. Die Aufzuggondel saust vorbei an viergeschoßigen, mit Zypressen und Olivenbäumen bepflanzten Innengärten, hinauf zum Panorama-Konferenzraum im Commerzbank-Tower, dem höchsten Hochhaus Deutschlands. Nach Plänen des Stararchitekten Sir Norman Foster wurde für diesen Büroturm im Frankfurter Bankenviertel 1997 die zweieinhalbfache Stahlmenge des Eiffelturms verbaut. Der Wolkenkratzer zielt auf eine signifikante Fernwirkung schon beim Landeanflug auf den Frankfurter Flughafen.

    "Es muss hoch sein – jeder Zoll an ihm muss hoch sein. Die Kraft und Gewalt der Höhe müssen in ihm sein", drängte bereits 1896 Louis Sullivan, Wolkenkratzer-Architekt der ersten Stunde in Chicago. In Frankfurt wird diese Maxime seit den 1920er Jahren beherzigt, doch lange dominierte noch der 96 Meter hohe Kaiserdom die Silhouette der hessischen Großstadt am Main, bis 1973 die Commerzbank mit einem ersten, 108 Meter messenden Klotz die magische Grenze durchbrach.

    Mainhatten boomt

    Heute bilden hier mehr als 30 über 100 Meter hohe Gebäude, inklusive die zehn höchsten Hochhäuser Deutschlands, eine für diese Breiten einmalige Skyline. "Mainhattan" boomt und zieht Touristen an. "Nach Hochrechnungen für das Jahr 2017 erwarten wir ein Rekordergebnis von erstmalig mehr als neun Millionen Übernachtungen. Das ist das achte Rekordergebnis in Folge", freut sich Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann. Flughafen, Messe und Skyline sind die Pfeiler dieser Entwicklung. Auf dem Boden bietet ein Spaziergang am linken Mainufer den besten Blick auf die Wolkenkratzer. Man kann aber auch nah heran an die oberen Etagen der Giganten und sich per Lift auf die Aussichtsterrasse im 56. Stock des Maintowers begeben. Tief unten liegt dann eine Spielzeuglandschaft, wo blecherne Karawanen und Menschenströme in den Straßenschluchten entlang treiben. Louis Sullivan kannte den Höhentrieb, über der Welt verweilen zu wollen, schwärmte vom Hochhaus, das "die frische, unerwartete, ausdrucksvolle Überwindung der nüchternsten, finstersten, abstoßendsten Verhältnisse darstellt".

    Frankfurt – eine Stadt im Höhenrausch

    Von Höhenrettern und Falken

    Von der Plattform des Maintowers betrachtet, wirkt das meterhohe Eurosymbol vor dem ehemaligen Hauptquartier der Europäischen Zentralbank winzig. Es steht noch immer an seinem Platz, obwohl die Bank längst umgezogen ist, still wie ein Denkmal mitten im Großstadtgewimmel, wird abends erleuchtet, ein tiefblaues "Euro-E", von knallgelben Sternen umtanzt.

    Im Osten der Stadt, abseits vom Bankenviertel, wurde das neue Gebäude der Europäischen Zentralbank errichtet, ein spektakulär ineinander verdrehtes 185-Meter-Doppelhochhaus nach Plänen der Wiener Architekten von Coop Himmelb(l)au. Südlich geht der Blick von der Maintower-Terrasse direkt in die Büros des Commerzbank-Towers. Auf dem Dach des Wolkenkratzers wohnen zwei Falken, während der Brut- und Nistzeit bleibt es für Wartungsarbeiten gesperrt. Wenn dort oben etwas passiert, etwa ein Notfall in einer Wartungsgondel, kommt das Höhenrettungsteam der Frankfurter Feuerwehr, ein 1993 gebildeter Spezialtrupp. Der Commerzbank-Tower ist 259, mit Antenne 300 Meter hoch und stand bis 2003 auf Platz 1 der Liste der höchsten Hochhäuser Europas. Den Rekord hält nun das Lakhta Center in St. Petersburg (462 Meter), freilich im weltweiten Maßstab immer noch ein Zwerg, misst doch der Burj Khalifa in Dubai 830 Meter.

    Waren es jahrzehntelang Banken, die sich in Frankfurt mit der Höhe neuer Bauten einen regelrechten Wettkampf lieferten, entstehen mittlerweile immer mehr Wohntürme und zwar überwiegend solche der Luxusklasse – mit Eingangshallen, die wie die Lobby eines Hotels aussehen und Penthouse-Wohnungen zu Spitzenpreisen. Interessant beispielsweise für Banker, Spekulanten, Käufer aus dem Ausland und reiche Bewohner aus dem nahen Taunus, die sich in der Stadt eine Zweitwohnung leisten können.

    Frankfurt – eine Stadt im Höhenrausch

    Auf dem Baufeld 29 des einstigen Güterbahnhofs im Europaviertel beim Stadtteil Gallus ist ein Porsche Design Tower in Planung, ausgestattet mit voll möblierten "Boutique-Apartments" und "Porsche Design Suiten", aus der Fassade sollen einzelne Wohnmodule wie aufgezogene Schubladen ragen. In Miami steht schon ein Hochhaus der Luxusmarke direkt am Atlantischen Ozean. Dort können die Bewohner in ihrem Auto sitzen bleiben, wenn sie auf dem Weg zu ihrem Appartement sind, selbst wenn es die Suite im obersten Stockwerk ist – ein großer Fahrstuhl bringt sie samt Fahrzeug aufwärts und sie können direkt im Hausflur vorm Wohnzimmer parken.

    Der Frankfurter Stadtteil Gallus war ein sozialer Brennpunkt und entwickelt sich immer mehr zum hippen Heim für Besserverdienende und Kreative, Bewohner befürchten eine "Aufwertungsverdrängung", Gentrifizierung. Ähnlich wie im verruchten Bahnhofsviertel, wo momentan sehr unterschiedliche Wesen und Welten eine bemerkenswerte Koexistenz führen: gut verdienende Manager und Hipster entdecken ihre Vorliebe für Gründerzeithäuser zwischen Imbissbuden, Drogenhandel, Fixerszene und Rotlichtbars. Die Mieten steigen und Bewohner demonstrieren gegen Gentrifizierung. Als der Betreiber des beliebten Künstler- und Studententreffpunkts "Terminus-Klause" den Mietvertrag gekündigt bekam, malten die Stammgäste Plakate mit Parolen wie "Je suis Terminus-Klause" und "Bier trinkt das Volk".

    Vom Hauptbahnhof zur Paulskirche und weiteren Sehenswürdigkeiten verkehrt samstags und sonntags nachmittags der Ebbelwei-Express, eine alte, bunt bemalte Straßenbahn. Im Fahrpreis von acht Euro je Erwachsener sind eine Tüte Brezeln und eine Flasche des Frankfurter Nationalgetränks Apfelwein (Ebbelwei) enthalten. Die Paulskirche wurde 1848 zum Sitz der ersten deutschen Nationalversammlung, auf deren Entwürfen das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland fußt. 300 Meter weiter westlich, am Großen Hirschgraben 23, steht Goethes Elternhaus, heute Museum, wo Johann Wolfgang am 28. August 1749 "mit dem Glockenschlage zwölf" geboren wurde.

    Ende September 2018 erwacht Frankfurts neue Altstadt zum Leben. Dann feiert die Stadt ein großes Fest zur Eröffnung von 15 rekonstruierten historischen Häusern zwischen dem Rathaus "Römer" und dem Dom ("Dom-Römer-Quartier"). Anfang 2019 soll dort noch das Struwwelpeter-Museum einziehen. Der Frankfurter Psychiater und Autor Heinrich Hoffmann schrieb und zeichnete den "Schlingel, der sich die Welt erobert hat" 1844 als Weihnachtsgeschenk für seinen dreijährigen Sohn. In seiner Heimatstadt ist der Name des Frechdachses beliebt, "Struwwelpeter" gibt es als Café, Apfelweinkneipe, Apotheke und Friseur.

     

    Infos

    Main-Tower-Aussichtsplattform: So.–Do. u. Feiertage 10–21; Fr., Sa., 10–23 Uhr,
    Eintritt 7,50 Euro, Sicherheitskontrolle ähnlich wie am Flughafen. Restaurant und Lounge im 53. Stock: Di.–Sa., www.maintower.de / www.maintower-restaurant.de

    Commerzbank-Tower-Führung durch Innengärten und auf der 35. Etage, Organisator: Frankfurter Stadtevents, Anmeldung und Lichtbildausweis erforderlich. www.frankfurter-stadtevents.de

    Führungen: Für Einzelreisende: z. B. Klassischer Stadtrundgang „Frankfurter Highlights“ (ab 10,90 Euro) oder ab Juni Führung durch das wieder aufgebaute Altstadtquartier.
    Für Gruppen zu Themen wie „Architektur in Frankfurt“, „Frankfurt als Bankenmetropole“. Infos bei Frankfurt Tourismus, www.frankfurt-tourismus.de

    Dietmar Scherf, 14.04.2018, 00:04 Uhr

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