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    Flämische Leckerbissen

    Flandern bietet seinen Besuchern gleichermaßen Kunstgenüsse wie auch kulinarische Erlebnisse.

    Saftige Wiesen prägen die Landschaft des Westhoek, Flanderns (nord)westlichster Ecke, hart an der Grenze zu Frankreich. Und zum satten Grün des Grases kontrastiert das warme Rostbraun friedlich weidender Kühe. Dabei war dieses „Rote Westflämische Rind“ schon vom Aussterben bedroht. Doch vor gut einem Jahrzehnt engagierten sich ausgerechnet einige Metzger für den Erhalt dieser alten Rinderrasse. Natürlich taten sie es nicht nur aus Tierliebe, sondern weil „het West-Vlaams rood rund“ schmackhaftes Fleisch liefert.

    Einer dieser Männer ist Hendrik Dierendonck. Mit britisch anmutendem Understatement sagt er bei einer Führung durch seinen Betrieb immer wieder: „Ik ben een slager – ich bin ein Metzger“. Tatsächlich aber haben sein Vater und er hier in Koksijde ein kleines Fleischimperium aufgebaut. Aber nicht industrielle Tierhaltung, schnelles Mästen der Rinder und hurtiges Vermarkten ist Hendriks Konzept. Er lässt seine Kühe in Ruhe wachsen, und sie dürfen zwei- bis dreimal kalben, ehe er sie mit sechs, sieben Jahren schlachtet. Bei Dierendonck beginnt Slowfood auf der Wiese.

    Auch mit dem Verarbeiten des Fleisches lässt sich der Metzger Zeit. Zwar hat er die Reifemethode „dry aging“ nicht erfunden, aber verfeinert: Nach einem ausgeklügelten dreistufigen Plan liegt sein Fleisch in Kühlkammern bei wechselnder Temperatur und Feuchtigkeit über mehrere Wochen ab. Es verliert dabei Flüssigkeit und Volumen, gewinnt aber intensiveren Geschmack – wovon man sich in Dierendoncks Restaurant „Carcasse“ in Koksijde selbst überzeugen kann. Auch Sterne- und Haubenköche etlicher belgischer Gourmettempel wissen Hendriks Produkte zu schätzen.

    Das westflämische Nordseebad Koksijde bietet außerdem einen folkloristischen Leckerbissen, hat sich doch im Ortsteil Oostduinkerke der Brauch des „Pferdefischens“ erhalten. Früher an den Stränden Hollands, Nordfrankreichs und Südenglands gleichfalls geübt, ist er heute so einmalig, dass die UNESCO ihn als immaterielles Kulturerbe listet.

    Zwischen April und September wird an bestimmten Tagen vom Sattel aus nach Garnelen gefischt. Allerdings sieht die Aktion inzwischen eher nach einer Show für Touristen aus als nach Broterwerb. Etwa 20 Pferdefischer gibt es noch. Lange vor der angegebenen Uhrzeit wartet eine große Menge „Sehleute“. Ordner müssen eine Gasse schaffen, damit die stämmigen Brabanterpferde, ein belgisches Kaltblut, mit ihren Wagen durchkommen. Auf ein Signal ziehen die Gespanne zum Strand, wo die Karren ab- und Schleppnetze angehängt werden. Beiderseits des Sattels kommen Körbe, dann schwingen sich die Fischer in ihren knallgelben „Friesennerzen“ auf die Gäule und stapfen parallel zum Ufer im seichten Wasser auf und ab.

    Ein Biobauer und 1000 Farben

    Dries Delanote ist Hendrik Dierendoncks vegetarisches Gegenstück, auch er beliefert flämische Spitzenköche, dazu Chefs aus dem nahen Frankreich. „Monde des Mille Couleurs“, Tausendfarbenwelt, nennt der Biobauer seine Landwirtschaft in Dikkebus. Auf den Äckern scheinen Kraut und Rüben durcheinander zu wachsen. Tatsächlich bezeichnet Dries sein Metier als „Wildfarming“, und ein bisschen schaut auch er selber so aus. Gerne lässt Dries die Besucher seine nachhaltig kultivierten Feldfrüchte kosten. Unglaublich, wie aromatisch Tomaten, Gurken und selbst rohe „aardappelen“ schmecken können. Aber wieso „Tausendfarbenwelt“? Weil Dries neben „vergessenen“ Gemüsesorten und historischen Gewürzpflanzen in seinem „Unkräutergarten“ auch bunte Blumen zum Garnieren von Speisen zieht.

    Das nahe Ypern – flämisch Ieper – begeht derzeit ein makabres Jubiläum: Vor einem Jahrhundert, im Ersten Weltkrieg, wurde es total zerstört; in fünf blutigen Schlachten kamen nicht weniger als eine halbe Million Soldaten um, darunter Deutsche, Briten, Franzosen, Belgier, Kanadier, Australier, Inder und Afrikaner. Hier drangen erstmals in großem Stil Chlor- und Senfgas in Schützengräben. Rund um die Stadt erstreckt sich eine einzige Nekropole. Längst aber sind die prominenten Gebäude im alten Stil wieder aufgebaut, und der Stadtturm „Belfried“ – Symbol eines stolzen Bürgerturms – überragt „Lakenhal“ (Tuchhalle) und Martinskirche.

    Zum Abschluss geht es von West- nach Oost-Vlaanderen in dessen Hauptstadt Gent. Das dort präsentierte „Lamm Gottes“ ist freilich kein kulinarischer, sondern ein künstlerischer Leckerbissen: der weltberühmte Flügelaltar, den die Brüder Hubert und Jan van Eyck um 1432 schufen. Leider ist er in der recht engen Taufkapelle der Kathedrale St. Bavo aufgestellt, wo stickige Luft und das Geschwätz einiger Banausen den Kunst-Genuss beeinträchtigen. Andrerseits helfen Audioguides dem Besucher, sich in der Fülle der dargestellten Bibelfiguren zurechtzufinden.

    Generell aber scheint (nicht nur) in Gent heutzutage mehr Bedarf an Leib- denn an Seelsorge zu bestehen. So wurden in der frühbarocken Baudelo-Kapelle an der Ottogracht unter dem fast blasphemisch klingenden Namen „Holy Food Market“ Imbissstände eingerichtet, die durchaus Diesseitiges anbieten. Dass den Gentern aber auch in den vergangenen Jahrhunderten Essen „heilig“ war, beweist die riesige mittelalterliche Fleischhalle, die sich malerisch in der Leie spiegelt. Und für Naschkatzen ist die Stadt überhaupt ein Eldorado, werden doch hier Belgiens beste Pralinen erzeugt – sagen zumindest die Einheimischen.

    Kulinarische Bootsfahrt

    Am romantischsten ist ein Spaziergang durch die Genter Altstadt am Abend, wenn die Giebelhäuser im warmen Lampenlicht strahlen. Kenner freilich absolvieren die Runde nicht per pedes, sondern lassen sich in einem Elektrokahn durch die malerischen Wasserläufe schippern, vielleicht gar mit Speis und Trank an Bord. Dabei gibt der Bootsführer allerlei Schnurren und Kalauer zum Besten, frei nach dem Motto „Wenn es schon nicht stimmt, ist es gut erfunden“. Etwa: Die flämische Küche sei gleich wie die französische, nur mit deutschen Portionsgrößen. . .

     

    Gut zu wissen

    Flandern ist der nördliche Teil Belgiens, in dem flämisch gesprochen wird (südlich liegt die frankophone Wallonie und mittendrin das gemischtsprachige Brüssel). Flandern ist gut zehn Prozent größer als Oberösterreich, hat aber mehr als viermal so viele Einwohner.

    Partnerschaft: „Ah, Sie kommen aus Oostenrijk“, freut sich beim Einchecken der Chef des Hotels Apostroff in Koksijde. „Wissen Sie, dass unser Seebad seit Jahrzehnten mit Bad Schallerbach verpartnert ist? Ganz in der Nähe haben wir sogar einen Bad-Schallerbach-Platz, der mit Steinen aus dem oberösterreichischen Kurort gestaltet und 2001 eingeweiht wurde“. Die Beziehung besteht seit 1955 und ist die älteste Gemeindepartnerschaft Österreichs.

    500.000 Soldaten fielen im Ersten Weltkrieg allein in den blutigen Schlachten rund um Ypern.

    Info-Portale:

    www.visitflanders.com, www.dierendonck.be/en, millecouleurs.be, visitkoksijde.be/de, www.toerisme-ieper.be/de, visit.gent.be/de, holyfoodmarket.be

     

    Kunstsinnige Reise

    2019 jährt sich der Todestag des Malers Pieter Bruegel des Älteren zum 450. Mal. Im Gedenkjahr führt eine kunstreiche sabtours-OÖN-Leserreise nach Flandern.

    Programm: Besuch diverser Ausstellungen wie „Narrenfest: Bruegel wiederentdeckt“ auf Schloss Gaasbeck, die zweitgrößte Bruegel-Sammlung sowie die größte Sammlung seiner grafischen Werke in Brüssel. Besichtigung zweier Originalobjekte in Dilbeek, die der Maler in berühmten Bildern verewigt hat. Außerdem ein Spaziergang durch Brüssel auf den Spuren des Malers, sowie der Besuch von Sehenswürdigkeiten.

    Termin: 16. bis 20. Juni 2019 (So–Do, Fronleichnam)

    Preis/Leistungen
    Im Preis von 998 Euro (EZ-Zuschlag: 285 Euro) sind Reiseleitung, An- und Abreise mit Luxusbus, vier Nächtigungen inkl. Frühstück, ein flämisches Abendessen, zwei regionale Mittagessen, Führungen und Eintritte enthalten.

    Kontakt: sabtours Touristik, Anmeldung ab sofort möglich: Telefon: 0800/800 635, kunst@sabtours.at

    Gerhard H. Oberzill, 18.03.2018, 00:04 Uhr

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