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    Exotisches aus der Sattelsicht

    Exotisches aus der Sattelsicht

    Asienabenteuer für unerschrockene Radfahrer tun sich in und um Myanmars heimliche Hauptstadt Yangon (Rangun) auf. Erstrampelt hat sie Jonathan Ponstingl.

    Jede Kreuzung ist die Bühne eines Hupkonzertes; Ampeln sind eher Vorschläge als Regeln. Yangons Straßenverkehr ist nichts für schwache Nerven. Ko Myo ist das egal, er liebt Fahrrad fahren. Grazil schlängelt er sich durch den Trubel über den Asphalt. Autos, Trishaws, Hunde, Menschen und ramponierte Lastwagen kreuzen seinen Weg. Ko Myo ist Fahrradguide und möchte lieber John genannt werden. Das klingt so schön international. John hebt die Hand und gibt die Richtung vor: westwärts durch Downtown und raus aus der Stadt.

    Yangon ist ein südostasiatischer Moloch aus Fahrzeugwirrwarr und Menschengewusel. Kaum jemand bezeichnet die Hafenmetropole als schön, doch versprüht sie unbestritten ihren ganz eigenen Charme. Von der erhabenen Position eines Fahrradsattels aus eröffnet sich ein völlig neuer Blickwinkel auf die Schaltzentrale Myanmars (ehemals Birma). Zwar haben die Generäle 2005 die Hauptstadt nach Nay Pyi Taw ins Zentrum des Landes verlegt, doch ist Yangon der wirtschaftliche und gesellschaftliche Mittelpunkt des ehemaligen Birma geblieben.

    Thanaka-Paste vom Markt

    Zwanzig Querstraßen weiter bremst John ab und biegt linkerhand in eine Gasse ein. Mitten durch Chinatown schlängelt sich der 18th Street Market. Überall qualmt es, Fett brutzelt in Aluschalen, in Bottichen warten Schildkröten auf den Gnadenstoß, die Verkäufer schreien durch die Gasse, und Hühner gackern um ihr Leben. In großen Körben lagern massenhaft Shrimps in allen Variationen; frisch und glitschig, getrocknet, frittiert, eingelegt und lebendig. Dazwischen schiebt sich ein Auto durch die Menge. John hebt einen kleinen Baumstamm hoch. "Daraus machen wir Thanaka-Paste", sagt er und streicht sich über das Gesicht. Die traditionelle Thanaka- Paste verwenden die Myanmarer als Sonnenschutz, in den Straßen Yangons sieht man sie an jeder Straßenecke. John benutzt lieber Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 50, später wird er sein Gesicht mit einem Tuch verdecken – bloß keine sonnengebräunte Haut möchte er haben. Wir können gerne tauschen.

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    John umkurvt eine Frau, die auf ihrem Kopf alles balanciert, was man aus einem Huhn so herausholen kann, und schwingt sich wieder aufs Fahrrad. Gut sechs Millionen Menschen leben in Yangon. Nach zwei Tagen ist man gefühlt jedem mindestens einmal begegnet. Der nächste Halt: ein Teehaus, es ist Frühstückszeit. In allen Winkeln sitzen schnatternde Einheimische. "Sozialleben findet während des Essens statt", sagt John. Er bestellt Mohinga. Das traditionelle Frühstück ist eine Mischung aus Reisnudeln, Fisch und Ei. Auch John fängt beim Essen mit dem Plaudern an. 30 Jahre ist er alt, geboren in Bagan mitten im Zentrum Myanmars. John liebt Reisen, im eigenen Land ist er weit herumgekommen. Darüber hinaus noch nicht. "Reisen außerhalb von Myanmar ist sehr teuer, ein Visum zu bekommen, nicht einfach. Aber irgendwann möchte ich nach Holland." Dort ist es so schön flach. Im Fernsehen hat er gesehen, dass gesonderte Wege für Fahrräder existieren – undenkbar in Yangon.

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    Kokosnüsse für die Haare

    Nach dem Frühstück geht es endlich raus aus Yangons stressigem Gassenwirrwarr. Eine Schar singender Mönche in purpurnen Gewändern quert die Straße, dahinter wabert der Yangon-Fluss. An dessen Ufer hat sich der Coconut and Banana Market breitgemacht. Überall im Umland ernten die Bauern Kokosnüsse und riesige Bananenstauden. Auf dem Markt verteilen die Großhändler sie weiter, an kleinere Märkte, Restaurantbesitzer und Hotels. Eine vierstöckige Bananenstaude kostet rund vier Euro. Ununterbrochen legen Dampfer an, an Deck sitzen inmitten der Ernte Landwirte, die ihre Kokosnüsse Stück für Stück von Bord werfen. Eine Handvoll Händler fängt sie an Land auf, verlädt einen Teil direkt weiter auf kleine Pick-ups mit offener Ladefläche. Den Rest lagern sie auf dem Markt zwischen oder verarbeiten ihn weiter. Auf den Dächern der Stände liegen geöffnete Kokosnüsse. "Die Sonne fertigt aus dem Fleisch der Kokosnüsse eine Art Öl, das gut für die Haare ist", sagt John. Es schütze vor Haarausfall und vertreibe lästiges Ungeziefer.

    Direkt am Markt lädt John die Fahrräder in ein kleines Holzboot, das Mensch und Ausrüstung an das andere Ufer des Yangon-Flusses befördert. Die Gegend wird ländlicher, die Gebäude sind nicht mehr so hoch wie in Yangon, das Leben erscheint einfacher und langsamer; irgendwie stressärmer. Fahrräder teilen sich die Wege jetzt mit Motorrollern, die in Downtown nicht zu sehen sind. Angeblich krachte einst ein General der Militärjunta mit seinem Auto in einen Roller und war daraufhin dermaßen erbost, dass er die motorisierten Zweiräder in der Innenstadt gänzlich verbot.

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    Die Reifen der Fahrräder sind gut sechs Zentimeter breit, und das ist auch bitter nötig. Nach ein paar Minuten querfeldein spürt man dennoch die Handgelenke. Kühe blockieren den Weg, einmal auch ein Schwein. Immer wieder liegen Straßenhunde vor den Reifen, die sich lieber überfahren lassen, als ihre Siesta für klingelnde Fahrradfahrer zu unterbrechen.

    Eine notdürftig zusammengezimmerte Brücke aus Baumstämmen führt schließlich in das Dorf Gyaung Wing Gyi. Im örtlichen Kloster sitzt ein kahlgeschorener Mönch mit Salamandertattoo und raucht eine handgerollte Zigarette. Wie viel eine Packung in Deutschland kostet, möchte er wissen. 700 Kyatt hat er bezahlt – nicht einmal 50 Cent. Er ist der Abt des Klosters, lebt schon sein ganzes Leben hier und hat seine Heimat nie verlassen. Eine Frau mit tiefen Furchen im Gesicht serviert Bananen und grünen Tee. "Aus Regenwasser gebraut", übersetzt John. Einen Frischwasserzugang haben sie hier nicht. Das Wasser fangen sie in großflächigen Brunnen auf, insbesondere in der Regenzeit funktioniert das gut. Der Abt ist Uhrenliebhaber, rund drei Dutzend alte, vorwiegend britische Modelle hängen im Kloster, die meisten mit Pendel. Keine von ihnen zeigt die richtige Zeit an. Ein Sammelsurium wie aus einem Harry-Potter-Film.

    Nach dem Imbiss verbeugt sich John und wirft sich vor dem Abt auf den Boden. Aus Dankbarkeit und aus Respekt, Mönche genießen in Myanmar einen hohen Stellenwert. Offiziell folgen fast 90 Prozent der Bevölkerung den buddhistischen Lehren, viele von ihnen haben für mehrere Jahre ein Kloster besucht. Der Gründungsmythos der gewaltigen, vergoldeten Shwedagon-Pagode im Herzen Yangons geht auf drei aus Indien importierte Haare von Buddha zurück.

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    30 Grad im Winter

    Wie viele Jahreszeiten es denn in Deutschland gebe, fragt der Abt. Vier, tatsächlich? In Myanmar existieren grob gesagt zwei: Regenzeit und keine Regenzeit. Es ist November, gerade zieht der Winter herauf. Das bedeutet Temperaturen von 30 Grad und eine Luftfeuchtigkeit wie in einem Gewächshaus. Schweiß steht auf der Tagesordnung, auf dem Fahrrad allemal. John trägt ein gummiertes Radoutfit mit langer Hose; Erschöpfung ist nicht zu sehen. Als John vor zwei Jahren in Yangon ankam, hat er selbst in einem Tempel gelebt. "Mit meiner Frau musste ich mir dann aber ein Apartment mieten."

    Zurück im Zentrum, ist auch Yangons Verkehr wieder zur Stelle. Aus drei Spuren machen Taxifahrer gerne mal fünf, Vorfahrtsregeln gibt es nicht. Wer schneller reagiert, gewinnt. Es ist Mittag und die Hitze nähert sich ihrem Höhepunkt. Nach fünf Stunden und 32 Kilometern sind alle Ausländer erschöpft, John hingegen quicklebendig. Der Fahrradguide kümmert sich um die Räder, als wären sie sein größter Schatz, macht sie sauber, sucht nach Beschädigungen. Die Räder müssen in Schuss bleiben. Am nächsten Tag wird John die Ganztagestour machen, zum legendären Python-Tempel und noch weiter hinaus. Er freut sich darauf.

     

    Die beste Reisezeit für Myanmar ist früh im Jahr

    Airlines: Ab Wien geht es derzeit am günstigsten mit der renommierten Thai Airways und einem Zwischenstopp in Bangkok nach Yangon. Hin-und Rückflug ab 639 Euro. www.thaiairways.com

    Unterkünfte: Als Individualtourist übernachtet man günstig im Scott ab 7 Euro pro Bett. Ein DZ der Mittelklasse im Hotel Bond ab 21 Euro. Besonders schön und etwas ruhiger am Inya-See gelegen ist das Inya Lake Hotel; DZ ab 60 Euro. www.scotthostelyangon.com; www.thehotelbond.com; www.inyalakehotel.com

    Sicherheitslage: Trotz negativer Schlagzeilen ist Myanmar ein sicheres Reiseland. Die Flüchtlingskrise der Rohingya spielt sich im Westen des Landes ab. In Yangon ist von den Unruhen nichts zu spüren, ebenso wie in den weiteren touristischen Höhepunkten des Landes. Wie in allen Großstädten dieser Erde sollte man den gesunden Menschenverstand walten lassen. Dennoch ist es ratsam, sich vor der Abreise über die aktuelle Sicherheitslage zu informieren. www.bmeia.gv.at

    Reisezeit: Die Hauptsaison reicht von November bis Februar. Von März bis April muss mit Temperaturen um die 40 Grad Celsius gerechnet werden. In der Regenzeit von Mai bis Oktober sind Unterkünfte deutlich günstiger zu haben, allerdings werden viele Straßen unpassierbar.

    Weitere Infos: www.myanmar.travel 

    Für Fahrradtouren in Yangon: www.uncharted-horizons-myanmar.com

     

    Jonathan Ponstingl, 25.03.2018, 00:04 Uhr

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