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    Die ägäische Schafsinsel

    Die ägäische Schafsinsel

    Die griechische Insel Kos atmet Geschichte und bietet neben kulinarischen Verlockungen eine natürliche Heißwasser-Quelle am Strand.

    Als die alten Griechen vor Tausenden Jahren die wilden Flüsse unseres Kontinents durchqueren, treffen sie der Überlieferung nach auf ein menschenleeres Land und nennen es deshalb "Europa" – jungfräuliches, weites Land. "Als wir dann 1981 der Europäischen Union beitraten, hieß es plötzlich: ‘Jetzt seid ihr Griechen auch endlich echte Europäer’", sagt Ioannis "Yanis" Papathanasiou mit tiefer Stimme und nicht ohne Spott.

    Der 58-jährige Grieche mit grau meliertem Schnauzbart teilt mit der linken Hand fingerfertig Kopfhörer aus. Unter seiner rechten Hand, einer Prothese aus Plastik mit aufgeklebtem Silber-Armband, hat er seine Reiseführer-Notizen eingeklemmt. "Kos war mit der mächtigen Kreuzfahrer-Festung Neratzia (Bitterorangen, Anm.) ein Bollwerk gegen den expandierenden Islam und bedeutet übersetzt Schaf, weil die Inselform Seefahrer an ein geschlachtetes Opferlamm erinnerte", sagt Yanis in glasklarem Hochdeutsch, das er über Jahrzehnte bei regelmäßigen Arbeitsbesuchen in Aachen perfektionierte.

    Apostel Paulus und Hippokrates

    400 Jahre lang – bis 1912 – war Kos, das an allen Ecken und Enden Geschichte atmet, von den muslimischen Osmanen beherrscht. Einige aufragende Minarette von früheren Moscheen erinnern in Kos-Stadt heute noch an diese Zeit. An einem Marmor-Brunnen steht in arabischer Schrift "Wasser des Hippokrates". Darüber erhebt sich ein riesiger Platanenbaum. Ihn soll der Begründer der modernen Medizin vor 2400 Jahren persönlich gepflanzt haben. Und Apostel Paulus soll unter dem Baum im Jahr 57 das Christentum verbreitet haben. "Hippokrates war seiner Zeit weit voraus", sagt Yanis über den berühmtesten Sohn von Kos, auf den heute noch Mediziner weltweit den hippokratischen Eid schwören. Der berühmteste Arzt der Antike war ein Verfechter der vorbeugenden Medizin durch viel Bewegung und gute Ernährung. "Außerdem war er der erste Zahnarzt, weil er zum Zähneputzen riet. Im 5. Jahrhundert vor Christus führte er die ersten Plomben ein."

    Gesundes Essen und Fitness wird auch in einer der schönsten Unterkünfte von Kos groß geschrieben: dem Neptune Hotel an der Nordküste. Die Allgäuer Familie Paulus baute die riesige Ferien-Anlage, die kaum einen Wunsch offen lässt, Anfang der 2000er-Jahre auf. "Bei Bauarbeiten für ein neues Gebäude stießen wir auf Skelette aus dem ersten Jahrhundert vor Christi. Würden wir dem Staat die Ausgrabungen überlassen, könnten wir zehn Jahre nicht weiterbauen. Also haben wir selbst drei Archäologen auf eigene Kosten beschäftigt. Sie haben mich nun auch schon drei Mal vertröstet und sind immer noch nicht fertig", sagt Hoteldirektor Konstantinos Zarikos.

    Delphine und Schildkröten

    Das Fünf-Sterne-Resort bietet unter anderem ein großzügiges Theater, eine Bar in der Form eines trojanischen Pferdes sowie eine eigene Surf- und Segelschule. Marcel kam schon als Kind regelmäßig mit seinen Eltern in das Neptune Hotel. Heute arbeitet er dort als Segellehrer. "Ich empfinde es als großes Privileg, mein Hobby anderen beibringen zu dürfen. Seit ich auf Kos lebe, ist auch mein Asthma verschwunden", sagt der 30-jährige Kölner. Er hat schon vereinzelt Delphine, regelmäßig Fliegende Fische und Riesenschildkröten im bereits 22 Grad warmen Wasser entdeckt. Ein einstündiger Ausflug auf das ägäische Meer mit Marcel und einem Katamaran-Segelboot kostet 75 Euro. Der auch in Mitteleuropa gültige Segelschein kann bereits nach zwölf Unterrichts- bzw. Praxisstunden erworben werden. Dann steht dem eigenständigen Entdecken von Kos’ bezaubernder Küste vom Wasser aus nichts mehr im Weg.

    An Land lässt sich die 290 Quadratkilometer große Insel am besten mit einem gemieteten Moped für 20 Euro am Tag erkunden. Ein Erlebnis ist die Gebirgsstraße zwischen der geschäftigen Hafenstadt Kardamena mit ihrem Palmenstrand und dem Bergdorf Pyli. Der "Ritt" durch das Gebirge wird belohnt durch spektakuläre Weitblicke auf das fruchtbare Land mit gelben Getreidefeldern und grünen Pinienwäldern bis hin zu den sich gebirgigen Nachbarinseln Kalimnos und Pserimos.

    Am Wegrand tauchen plötzlich zehn griechisch-orthodoxe Priester mit schwarzen Kutten und langen Bärten auf. Vor einem Steinhaufen gleich unterhalb der Landstraße sitzen 30 ältere Griechen, darunter fast nur Frauen, auf einfachen Holzsesseln in einem noch zart sprießenden Getreidefeld. "An dieser Stelle stand das Kloster San Klaudia aus dem 16. Jahrhundert", sagt ein Mann. Es dürfte von den ankommenden Osmanen, die vier Jahrhunderte über Kos herrschten, zerstört worden sein. Riesige Brote warten darauf, bei der heiligen Messe gebrochen zu werden.

    Kneippen im Meer

    Zum Verweilen laden im Bergdorf Zia zahlreiche Restaurants und Cafés in verwinkelten Kopfsteinpflaster-Gassen ein. Beliebt bei Einheimische wie Touristen sind die romantischen Sonnenuntergänge. Auch die Halbinsel Kefalos im Süden von Kos ist mit seinen Getreidemühlen und Burgruinen einen Abstecher wert.

    Höhepunkt einer jeden Moped-Tour ist jedoch die Fahrt auf der atemberaubenden Küstenstraße zur Embros Therme auf der Südseite der schroffen Dikaios-Gebirgskette. Eine Schotterpiste mit beträchtlicher Ziegenpopulation führt etwa einen Kilometer hinunter zum Meer, wo steile Klippen aufsteigen. Dort entspringt aus eine Felsspalte 49 Grad heißes Schwefelwasser, das sich mit dem erfrischenden Salzwasser im Meer vermischt. Je nachdem, wie man sich beim Baden dreht und wendet, fließt abwechselnd heißes und kaltes Wasser – eine Abfolge, an der Sebastian Kneipp bestimmt seine Freude gehabt hätte. Findige Geschäftsleute haben beim Eingang zur "Felsentherme" ein provisorisches Massage-Studio aufgestellt. "Wir finden, eine Massage ergänzt hervorragend das heiße Thermalwasser, das 30 Prozent Kalzium enthält und damit gut für die Knochen ist", sagt Evridiki Kavartziki in überzeugendem Hochdeutsch. Die Griechin wurde in Deutschland geboren und ging wieder zurück in die Heimat ihrer Eltern.

    Zurück im Neptune Hotel gewährt der Chef über 14 Tellerwäscher und 70 Köche, Galenos Vagelis, Hotelgästen mit einem kostenlos angebotenen Kochkurs Einblicke hinter die Kulissen der Großküche. "Der typische Kos-Salat muss mit den Händen durchgemischt werden, man muss ihn fühlen", sagt Vagelis. Er legt großen Wert darauf, dass heimische Lebensmittel eingekauft werden, um lokale Bauern zu unterstützen und damit zum Schutz der kulinarischen Tradition auf Kos beizutragen. "90 Prozent unserer Lebensmittel stammen aus Kos."

    Süße Tomaten im Dessert

    Eines seiner Leibgerichte heißt "Gemista" und ist vergleichbar mit gefüllten Paprika. "Für uns ist das ein sehr emotionales Essen, mit dem wir viele Erinnerungen aus unserer Kindheit verbinden", sagt Vagelis. Echte Griechen könnten sich nicht vorstellen, Gemista ohne Fetakäse zu essen. "Das wäre wie ein Kaffee ohne Zigarette danach."

    Als Dessert lernen die Gäste Joghurt mit süßen Tomaten, frischem Basilikum und Pistazien zu- zubereiten. Süße Tomaten? Sie sind eines der traditionsreichsten Produkte der Gastronomiekultur auf Kos, sagt Vagelis, "Kirschtomaten werden in Sirup mit Nelken und Zucker gekocht, bis sie süßlich schmecken". Bleibt nur noch eines: Kali Orexi, Mahlzeit!

     

    René Laglstorfer, 02.06.2018, 00:04 Uhr

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