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    Die Juwelen Rajasthans

    Die Juwelen Rajasthans

    Die größte Armee der Welt und bitterste Armut: Die Kontraste in Indien sind dramatisch, machen aber eine Reise zum Erlebnis. In Rajasthan sind sie am größten.

    Schmutz, Gestank, Armut, Bettelei, Durchfall, Hitze, Lärm, Verkehrschaos, dazu die Schlagzeilen über Gewalt: Warum tun wir uns das an, nach Indien zu reisen? Weil diese neun Ärgernisse nur eine Seite sind und auf der anderen die vielen Edelsteine liegen, auf die wir in diesem Land stoßen.

    Navratan bedeutet "neun Edelsteine" und steht als Navratan Korma für eines der vielen beliebten Gerichte der indischen Küche. Es ist bloß ein Gemüseeintopf, den neben den vielfältigen Feldfrüchten (am besten neun: von Auberginen über allerlei Linsen und Okra bis zu Zucchini) die Gewürze prägen. Zumindest neun sollen es sein, besser zehn, sagt Sultan Singh, der in seinem Haus in Udaipur zusammen mit seiner Frau Kochkurse für Touristen veranstaltet: Anis, Asant (Teufelsdreck), Bockshornkleesamen, Chili, Curcuma, Kardamom, Koriander, Kreuzkümmel, Nelken, Zimt. Alle seien sie auch in medizinischer Hinsicht Juwelen, sagt Singh: "Die indische Küche ist die größte Apotheke der Welt."

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    Die Maharadschas hingegen, die dieses Land südwestlich von Delhi über mehr als tausend Jahre geprägt haben, haben sich mit anderen Edelsteinen beschäftigt. Ob in der Hauptstadt Jaipur oder in Jaisalmer, ob in Jodhpur oder in einer der vielen kleineren Städte: Die rund zwei Dutzend regionalen Fürsten haben sich prächtige Paläste errichten lassen. Sie haben die Wände mit weißem Marmor und Edelsteinen geschmückt, mit bunten Malereien oder Fliesen.

    Palast mit Duschen

    "Sie waren so unvorstellbar reich, dass sie nicht mehr wussten, was sie mit ihrem Reichtum tun sollten", sagt Reiseführer Chaitanja Sanwal: "Sie haben sich Kleider mit goldenen Fäden weben lassen." In ihren Palästen gab es Duschen.

    Einer der Höhepunkte ist das Amber Fort, wo lange die mächtigsten Rajput-Fürsten residierten, ehe sie sich in der Nähe eine repräsentative Residenz anlegen ließen: Jaipur. Die Metropol-Region hat heute sechs Millionen Einwohner.

    Eine Herde von 120 Elefanten trägt den ganzen Tag Touristen den steilen Hang zum Fort hinauf. Es war eigentlich eine prunkvolle Festung. Inmitten liegt der Spiegelpalast mit kunstvoll bearbeitetem weißen Marmor, grellbunten Fensterscheiben und Verzierungen aus Glas und Spiegelscherben an Wänden und Decken. Das hat Farbe ins Leben des Hofstaats gebracht. "In der Sonne hat das Glas die Farben über den weißen Marmorboden wandern lassen. In der Nacht hat das Licht der Öllampen mit den Spiegeln einen Sternenhimmel über die Herrscher gezaubert", sagt der Führer. Sie fühlten sich ohnehin dem Firmament ganz nahe, weil sie sich von der Sonne abstammend wähnten.

    Der 76. große Krieger

    Erst nannten sie sich Radschas – Könige. Dann fügten sie Maha vorne an: groß. Jener von Udaipur, der Gebieter des mächtigen Mewar-Reiches, nennt sich als einziger Maharana – großer Krieger. Die Familie gilt heute als älteste Dynastie der Welt, weil sie seit 1500 Jahren regiert. André Heller und Werner Herzog haben 1991 im Auftrag des aktuellen, 76. Maharanas, Shree Ji Arvind Singh Mewar, mit dem Film "Jag Mandir" ein großartiges Dokument indischer Volkskultur gedreht (zu sehen auf Youtube).

    Die wahren Edelsteine von Rajasthan sind die Menschen. Der Großteil führt einen harten Lebenskampf. Trotzdem lachen sie, strahlen sie. Sie achten auf ein adrettes Äußeres und mühen sich mit unzulänglichen Mitteln ab. Der Glanz ihrer Augen zeigt Kraft und Hoffnung auf ein besseres Leben.

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    Videos: Unterwegs auf Landstraßen in Rajasthan: ein scharfer Kontrast zum Prunk in den Palästen der Maharadschas.

    Tipps

    Das Land: Indien ist beinahe 40 Mal so groß wie Österreich und hat 150 Mal so viele Einwohner, etwa 1,2 Milliarden Menschen. Daher lässt sich nicht von einem Reiseland sprechen, sondern das ist ein Kosmos an Völkern, Sprachen, Landschaften und Kulturen. Am ehesten ist noch der Hinduismus eine gemeinsame Klammer. Rajasthan ist der größte Bundesstaat und das bei Ausländern beliebteste Reiseziel.

    Beste Reisezeit ist von November bis in den April hinein. Es gibt kaum Niederschläge, die Temperaturen sind wie bei uns im Frühling, von zehn Grad nachts bis mehr als 20 am Tag.

    Rundreisen: Viele europäische Reiseveranstalter bieten für Einsteiger die klassische Rundreise „Goldenes Dreieck“ mit Delhi, Agra (Taj Mahal), Fatehpur Sikri (Palastanlage) und Jaipur, der Hauptstadt Rajasthans an: z. B. Hofer-Reisen von Februar bis April, in Kombination mit Dubai-Aufenthalt, ab 1499 Euro. Agra liegt übrigens im Nachbarbundesstaat Uttar Pradesh. Eine richtige Rajasthan-Rundreise sollte neben Jaipur zumindest Jodhpur und Udaipur umfassen, am besten auch die Wüstenstädte Jaisalmer und Bikaner. Studiosus bietet z.B. 16 Tage ab 2700 Euro, Raiffeisen Reisen Wien elf Tage ab 1200 Euro (ohne Jaisalmer).

    Nebenkosten: Indien ist ein preiswertes Reiseziel. Der Eintritt in Paläste und Museen ist teuer und sollte bei einer Pauschalreise inkludiert sein, womöglich auch Touren mit Elefanten, Kamelen oder Jeeps, weil das ins Geld gehen kann. Wer selbst Preise verhandeln muss, ist auf der Verliererstraße. Beim Besuch von Betrieben für Kunsthandwerk oder Textilien fließt natürlich Provision. Bei guten Reiseveranstaltern können sie trotzdem auf ein attraktives Preis-Leistungs-Verhältnis vertrauen.

    Unterkunft: Touristenhotels sind passabel. Ein besonderes Erlebnis bieten die vielen Heritage-Hotels in alten Palästen. Essen ist in Indien sehr gut.

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    Alle Inder müssen Händler sein

    Touristen fühlen sich von einigen Berufsgruppen genervt

    Händler: Es muss fast so viele Händler wie Inder geben, denn von frühmorgens bis nachts wird der Gast von Menschen bedrängt, die ihm irgendetwas andrehen wollen. Grundsätze für Touristen: Ja nicht in die Augen sehen, nicht antworten, sondern unbeirrt weitergehen, sei es im Geschäft oder auf der Straße. Wenn sich ein Verkäufer einmal an deine Fersen geheftet hat, wirst du ihn nicht mehr los. Ähnliches ist mit Bettlern zu erleben. Die heimische Bevölkerung versorgen Händler von ihren unzähligen Ständen aus, die entlang der Straßen liegen: Obst, Gemüse, Mehl, Reis, Süßigkeiten, Snacks, Textilien, kleine Geräte.

    Kontrolleure: Die Löhne für einfache Arbeiten liegen bei rund einem Zehntel der europäischen. Deshalb wimmelt es überall von Personal, besonders bei Eintrittskontrollen. Vor den Palästen, Schlössern und Tempeln wartet meist ein halbes Dutzend grimmig dreinsehender Männer, die nacheinander die Eintrittskarten mit Zangen lochen oder mit Stempeln bedrucken. Bei Flügen braucht eine Einsteigekarte trotz Passkontrolle mindestens drei weitere Stempel, ehe der Gast den Jet betreten darf.

    Fahrer: Die Inder sind mit allem unterwegs, was mindestens zwei Räder hat, ganz gleich, in welchem technischen Zustand das Fahrzeug ist. Wer sich schon einmal in den Straßenverkehr in New York, Hongkong oder Palermo gestürzt hat, sollte bedenken: Indien ist noch viel schlimmer. Die Kfz-Lenker fahren unbeirrt, nur vor den vielen Kühen auf den Straßen haben sie Respekt. Auch Hunde genießen mehr Rücksicht als Fußgänger. Der Zustand der meisten Fahrzeuge ist angsteinflößend. Deshalb gibt es...

    Mechaniker: An den Stadt- und Überlandstraßen kauern Horden von Männern vor ihren Verschlägen und versuchen, irgendetwas, das vor ihnen auf dem Boden liegt, zu reparieren. Reparatur ist alles in einem Land, in dem 350 Millionen Menschen weniger als einen US-Dollar am Tag verdienen. Vor vielen Werkstätten liegen Haufen von Reifen vieler Dimensionen, denn beim Zustand der Pneus hapert es besonders. Warnung: Wenn Sie ängstlich sind, prüfen Sie nie die Reifenprofile parkender Fahrzeuge.

    Auf zwei wichtige, angenehme Gruppen sei noch verwiesen:
    Köche:
    Von den Teigtaschen und anderem Frittiertem, das an kleinen Ständen am Straßenrand gebacken wird, bis zur feinen Restaurantküche – Indien serviert eine beeindruckende Vielfalt kulinarischer Köstlichkeiten. Vegetarisches, meist mit gehöriger Schärfe, hat Vorrang vor Fleisch.

    Frauen: Der Tourist kommt kaum mit ihnen in Kontakt, weil alle relevanten Berufe von Männern ausgeübt werden. Die indische Frau trägt im Alltag ihren bunten Sari, Mann fast ausschließlich westliche Kleidung. Sie soll in gutem, sauberem Zustand sein. Kurze Hosen sind verpönt. Nur wenige Inder tragen noch Dhoti, das weiße Baumwoll-Wickelkleid.

    Josef Lehner, 23.12.2017, 00:04 Uhr

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