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    Die Globe-Treter

    Die Globe-Treter

    Nach dem Fall der Mauer suchten zwei Ostdeutsche die Freiheit auf zwei Rädern. Bis jetzt haben die Weltumradler 200.000 Kilometer in den Beinen.

    In der DDR aufgewachsen, radelten Axel Brümmer und Peter Glöckler nach dem Mauerfall der Enge davon. Seit 27 Jahren sind die beiden unterwegs, in Kirchdorf und Steyr zeigen sie kommende Woche ihren Blick auf Australien.

     

    OÖNachrichten: Wie entstand der Traum, einmal die ganze Welt zu bereisen?

    Axel Brümmer: Wir sind Ostdeutsche und haben schon vor dem Mauerfall Reisen gemacht, die möglich oder unmöglich waren. Mit 15 bin ich mit dem Fahrrad ans Schwarze Meer gefahren, als Ostdeutscher durfte ich nicht weiter als bis nach Bulgarien. Mit einem 24-Stunden-Transitvisum war ich illegal sechs Woche in der Sowjetunion bergsteigen. Als die Mauer fiel, sagten wir uns, das muss ja einen Sinn haben: Wir haben für die Freiheit gekämpft, die wollen wir jetzt auch haben. Und so sind wir 1990 losgefahren, um ein bisschen rumzugucken – daraus ist dann die ganze Welt geworden.

    Unterwegs mussten Sie auch arbeiten. . .

    . . . weil DDR-Mark keiner tauschen wollte. In Venezuela standen wir in einer Gabelstaplerfabrik am Fließband, wir waren Cowboys auf einer Rinderfarm in Australien und Holzfäller in den USA. In Amazonien haben wir auf dem Bananenmarkt als Lastenschlepper gearbeitet. Dadurch kommst du sehr nah an den Alltag der Menschen heran, und der ist spannender und wichtiger als irgendwelche touristischen Höhepunkte.

    Wieso wurde das Fahrrad ihr bevorzugtes Reisemittel?

    Es ist billig und langsam und du kommst sehr nah an Land und Leute heran. Aber wir sind nicht nur auf das Fahrrad fokussiert. Wenn ich alle Reisen zusammennehme, sind wir neun Jahre in Amazonien mit dem Kajak unterwegs gewesen – weil dort eben wenige Straßen sind. Später sind wir Marco Polos Spuren nachgereist, erst mit dem Fahrrad nach China, dann haben wir uns eine verrottete Dschunke besorgt, die mitten im Indischen Ozean in einem Zyklon gesunken ist. Ein Frachter hat uns von der Rettungsinsel geborgen. Aber natürlich ist das Fahrrad primär. Im Vorjahr haben wir die 200.000 Kilometer erreicht, die wir bisher in 163 Ländern gefahren sind.

    Wie hält das Sitzfleisch das aus?

    Gar nicht. Durch die Wüsten Australiens hat uns ein Freund aus Norwegen begleitet, der hatte den besten Sattel, die besten Unterhosen und Cremes – und nach ein paar Tagen hat ihm der Hintern genauso weh getan. Das ist halt so: Beim Segeln wirst du seekrank, beim Paddeln tut dir das Kreuz weh und beim Radeln der Hintern.

    Wie sind Sie zueinander gekommen?

    Das war reiner Zufall. Nachdem die Mauer gefallen war, wollte ich mit dem Fahrrad um die Welt. Damals habe ich sehr intensiv Felsklettern betrieben und über einen Kletterfreund Peter kennengelernt. Dann sind wir zusammen los, haben uns zwei Jahre lang gestritten, und seit 25 Jahren wissen wir, wo man gewinnt und wo nicht.

    Wie geht sich so ein Leben mit Familie aus?

    Es geht jetzt, mit extrem viel Toleranz und Vertrauen ist das möglich. Wir haben auch beschlossen, dass die Frauen und die Kinder in Zukunft mitkommen.

    Sie sind beide mit Brasilianerinnen verheiratet?

    Peters Frau ist eine Indianerin aus dem Amazonasbecken, meine kommt von der Küste.

    Sie gastieren in Oberösterreich mit ihrem Australien-Vortrag. Welche Herausforderungen begegnen einem Down Under?

    Wir haben zum Beispiel 13 Jahre lang gewartet, bis Australien unter Wasser steht, um dann mit dem Paddelboot auf dem sonst ausgetrockneten Cooper Creek quer durch die Wüste zu fahren. Das war eine Wahnsinnstour entlang einer sogenannten Songline der Aborigines, um deren Lebensweise und Mythologie ansatzweise verstehen zu können.

    Welche wesentliche Erkenntnis haben Sie aus Ihren Reisen gezogen?

    Wir bemühen uns, viel über Religionen, Kulturen und Naturvölker zu erfahren. Wir reisen nicht aus Abenteuergründen, sondern wir wollen lernen. Wir sind unterwegs, um Leute zu verstehen, ihren Alltag zu teilen, Geschichten zu hören.

    Sie können nicht ziellos sein. Was kommt als nächstes?

    Wir haben bei unserer Weltumradlung tausende Seiten Tagebuch geschrieben, weil für uns alles neu war. Mit den Tagebüchern in der Hand wollen wir die fünf Jahre in Etappen noch einmal nachreisen und unseren Söhnen dabei vorlesen, wie die Welt vor 30 Jahren aussah, was sich verändert hat, welche Träume sich verwirklicht haben.

    Wie krass war die Veränderung, als Sie fünf Jahre nach dem Mauerfall in ein wiedervereintes Deutschland heimgekehrt sind?

    Es war ein neues, fremdes Land. Wir haben uns wieder damit angefreundet, obwohl es im Moment Spannungen gibt. Wir leisten unseren Beitrag, um den einen oder anderen Blickwinkel wieder zu öffnen.

    Australien – Abenteuer Outback: Live-Reportage von Axel Brümmer & Peter Glöckner in Kirchdorf (28. März, Kino) und Steyr (29. März, City Kino, jeweils 19.30 Uhr)

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    Zur Person

    Name: Axel Brümmer (li., 50, aus Saalfeld bei Jena, verheiratet, 2 Kinder) und Peter Glöckler (49, aus Torgau bei Leipzig, verheiratet, 3 Kinder)

    Beruf: Reisende, Vortragende, Schreibende; Brümmer ließ sich in der DDR zum Lehrer und Erzieher ausbilden, Glöckler zum Schlosser.

    www.weltsichten.de

     

    Bernhard Lichtenberger, 28.03.2017, 07:00 Uhr

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