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    Der Winter ist heimgekehrt

    Der Winter ist heimgekehrt

    Lech ist ein Sehnsuchtsort. Für Genießer, für Skifahrer und für Nostalgiker. Redakteurin Valentina Dirmaier hat die Arlberg-Gemeinde zum Saisonauftakt besucht.

    Die Zehen sind werden taub. Die Lunge brennt. Die Nasenhöhle schmerzt bei jedem schnellen Atemzug. Minus 15 Grad zeigt das Mobiltelefon kurz an, ehe es den Kältetod stirbt. Der Winter ist da, angekommen auf dem Arlberg, der Wiege des Zweibrettfahrens. Und sie, die verwöhnten Skifahrer, die ihr Sitzfleisch beim Liftfahren mit dem Steinmähder am liebsten medium grillen lassen, müssen oben herum leiden. Doch Ach und Weh weichen, sobald man angekommen ist am Zuger Hochlicht einem Wow – für Wunderschön.

    Über Nacht hat sich ein feiner Glitzerteppich über dem Tal an der Grenze Tirols zu Vorarlberg – vom Valluga, über den Hexenboden, den Knödelkopf und den Hasenfluh ausgebreitet und die Berge üppig mit Weiß überzogen. Es ist angerichtet. Der Skiauftakt passt perfekt. Zehn Zentimeter Neuschnee im Tal, 20 Zentimeter Powder auf den perfekt präparierten Pisten. Der Schnee knarzt und knirscht bei jedem Schritt. Die ersten, noch verhaltenen Schwünge sind schon purer Genuss und lassen die Kältezipperlein in den Extremitäten vergessen.

    "Ich kann mich nicht erinnern, jemals so einen Start in eine Wintersaison erlebt zu haben", sagt Martin Prodinger, Chef des Hotels Sandhof in Lech, selbst passionierter Skitourengeher und Skifahrer, mit einem Lachen. Prodinger erinnert sich 365 Tage zurück, als das Tal grün und die Hänge von weißen Bändern, den Pisten, zerschnitten waren. Skier anschnallen, daran wollten nur wenige denken. Es war ein Graus für den Tourismusort, der mit Schneegarantie, 308 Pistenkilometern und 88 Liften wirbt. Jetzt kaum vorstellbar bei einem Spaziergang durch die Ortsmitte, die mit ihren braunen Holzhäusern und den verschneiten Nadelbäumen einer überdimensionierten Lebkuchenstadt mit Zuckerguss ähnelt. Ein bisschen kitschig und sehr idyllisch.

    Hier schein die Welt noch in Ordnung zu sein. Das Bergbauerndorf-Image ist es , das Lech am Arlberg auszeichnet, vielleicht den einen oder anderen Besucher in die guten alten Zeiten zurückkatapultiert und das Dörfchen zum Sehnsuchtsort macht. Nicht nur für Fremde, auch für Einheimische. "S’isch schon schön, wenn’s klassisch bleibt", sagt Freeride-Weltmeisterin Nadine Wallner. Die 28-Jährige lebt im Tal, hat hier ihre Homebase, trainiert direkt vor der Haustüre für den Weltcup.

    Ursprünglicher Charakter

    Dass sich Lech seinen ursprünglichen Charakter trotz hochmoderner Skiindustrie und hoher Besucherfrequenz behält, hat wesentlich mit politischen Entscheidungen aus den 70er und 80er Jahren zu tun, die großen Einfluss auf die architektonische Gestaltung hatten. Damals wurden sogenannte regelnde Maßnahmen für die Bebauungspläne festgesetzt. Form, Farbe und Gestaltung der Gebäude unterliegen seither bestimmten Normen. Zudem ist das Angebot an Fläche limitiert, was dazu führt, dass Hotels und Betriebe nicht ausbauen können.

    "Lech ist in vielerlei Hinsicht konservativ", sagt Hotelier Prodinger. Nachsatz: "Aber das ist auch unser Erfolgsrezept, sehr viele Gäste schätzen das und kommen immer wieder gerne." Viele von ihnen werden durch die gastronomische Superlative angezogen: Nirgends in Österreich gibt es so viele Hauben-Restaurants wie in der 1500-Einwohner-Gemeinde. Das zum Welt-Gourmet-Dorf geadelte Lech beheimatet nicht weniger als 18 Spitzenrestaurants, die vom Gault-Millau getestet und bewertet werden – darunter die drei Hauben-Restaurants Griggeler Stuba in Oberlech, Schualhus Chefs Table in Zug und Aurelio’s in Tannberg.

    Die Extravaganz ist hoch. Sehr hoch. Um den wachsenden Ansprüchen gerecht zu werden, ruhen die Arlberger nicht, sich immer wieder neu zu präsentieren. Etwa mit dem "Run of Fame", einer 65 Kilometer lange Rundfahrt mit 18.000 Höhenmetern, die von St. Anton über Zürs, Lech bis nach Warth und wieder zurück führt. Dabei muss auch eine Gondelfahrt mit der neuen Flexenbahn absolviert werden. Mit ihr wurde ein wesentliches Bindeglied geschaffen, die das Skigebiet Arlberg zum größten Österreichs und einem der fünf größten weltweit macht.

    "Wenn sie das gesamte Gebiet abfahren und tatsächlich jeden Lift nützen wollen, müssen S’ mindestens zehn Tage Urlaub bei uns einplanen", sagt Oberkellner Horst Litzer, der seit 30 Jahren in Lech arbeitet. Die Sehnsucht nach diesem beschaulichen aber so reizvollen Ort ist es, die den Steirer immer wieder zu Beginn der Wintersaison ans andere Ende von Österreich zieht. Und die tollen Pisten. "Glauben S’ mir, ich bin schon viel herumgekommen und schon überall in Europa Skigefahren. Ich trau’ mir sagen, dass Lech am schönsten von allen ist."

    Die Worte von Horst wirken nach bei der letzten Abfahrt über den Petersboden nach Lech. Während die Sonne hinter den Gipfeln in Zug verschwindet, die Oberschenkel schön langsam ziehen und die Finger immer klammer werden, beginnt das Herz zu schmerzen. Der Abschied ist kein leichter. Die Sehnsucht nach Lech ist schon vor der Abreise enorm.

    Schneesurfen auf dem Mehlsack

    Segeln die ersten Schneekristalle zu Boden, wachsen die Tourengeher am Arlberg ihre Bretter. Sie wollen möglichst schnell hinaufziehen auf Mehlsack, Mohnenfluh und Mahdloch – um als erste in die weiße Pulverdecke zu schneiden, im Schnee ihre Schwünge zu ziehen und dem Geist der Freiheit zu folgen. Wie Nadine Wallner. Die gebürtige Bludenzerin hat das Schneesurfen zu ihrem Beruf gemacht und als Freeriderin zwei Weltmeistertitel errungen. Am liebsten macht die 28-Jährige, die sich in Klösterle niedergelassen und den Arlberg zu ihrem Spielplatz gemacht hat, aber Meter in ihrer Heimat. Ihr Liebling? Die Albona. „Wenn’s frisch gschneit hat, isch dea Berg supa. Nua muasch’ schnell si, de Firstline gibt’s nit lang“, schwärmt Wallner im putzigen Vorarlberger Dialekt und zeigt von der Rüfikopf-Bahn in Lech in Richtung des 2400 Meter hohen mächtigen Gipfels in der kleinsten Arlberg-Gemeinde Stuben. Ein Berg, der auch die Einheimischen in den Bann zieht.

    Schneesurfen auf dem Mehlsack

    Freireiter, die lieber bequem zum Ziel gebracht werden wollen, statt die gefellten Bretter unter den Füßen hinaufzuziehen, können auch einen Flug zum Schnee buchen. Einmalig in Österreich, aber nicht umstritten ist es: das Heliskiing auf den Mehlsack oder den Schneetäli, wo Freerider mit Guide abgesetzt werden und ins Tal brettern. “S’isch nett mit de Gäst’, aber privat tua i so was nit. Des was ma fahren will, muss ma si verdeana“, sagt Nadine Wallner, stapft mit Schwung in die Tourenbindung und schwingt hinab Richtung Schüttboden.

     

    10.12.2017, 09:04 Uhr

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