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    Alpbach

    Das Dorf, das jedes Jahr zur Stadt wird

    Nach Alpbach verschlägt es normalerweise nur Touristen. Einmal im Jahr ist das Tiroler Bergdorf jedoch im Ausnahmezustand – dann steigt das Forum Alpbach. Martin Roithner hat sich umgesehen.

    An Ban Ki-moon hat Johannes Duftner keine guten Erinnerungen. Zwei Mal war der ehemalige UNO-Generalsekretär zu Gast bei ihm. "Er hat immer eine Horde an Sekretären und Sicherheitsleuten im Schlepptau gehabt. Man hat ihn nie verstanden, weil er so schlecht Englisch gesprochen hat."

    Johannes Duftner ist Chef des Böglerhofs. Das Hotel steht im Zentrum der Tiroler Gemeinde Alpbach. Den Böglerhof gibt es seit dem 17. Jahrhundert. Er hat 300 Tage im Jahr offen, bietet 140 Gästen Platz und beschäftigt je nach Saison 50 bis 60 Bedienstete. Normalerweise verbringen Touristen hier ihren Urlaub.

    Einmal im Jahr wird die Ordnung am Böglerhof auf den Kopf gestellt. Von Mitte August bis Anfang September findet das Forum Alpbach statt. Wenige Tage vor Beginn herrscht Ruhe vor dem Sturm. Arbeiter stellen Klapptische im Kongresszentrum auf, Touristen knipsen Urlaubsmotive. Das wird sich ab 16. August ändern. Dann werden Hunderte Teilnehmer aus der ganzen Welt in das Tiroler Bergdorf strömen. Viele von ihnen nächtigen im Böglerhof.

    Schüssel und der Fencheltee

    "Helmut Kohl war schon da, Henry Kissinger auch, ebenso Indira Gandhi", sagt Duftner. Auch österreichische Politiker kamen – von Heinz Fischer über Wolfgang Schüssel bis zu Sebastian Kurz und Matthias Strolz. "Der Fischer war immer locker drauf", erinnert sich Duftner. Ex-Kanzler Schüssel sei ein angenehmer Gast gewesen. "Er hat immer Fencheltee getrunken."

    Anekdoten gibt es auch zu Kurz und Strolz. "Kurz ist schon als Student da gewesen. Er hat für die Alpbach News Zeitungsartikel geschrieben." Strolz kenne er schon lange: "Mit ihm habe ich in der Sandkiste gespielt." So pflegeleicht wie die beiden seien nicht alle Gäste, sagt Duftner. Kopfzerbrechen bereitete ihm eine US-Botschafterin. "Die hat niemand gekannt, aber sie hat ihre eigenen Sicherheitsleute mitgebracht – zusätzlich zur Cobra, die ohnehin da ist."

    Wen Duftner in seinem Böglerhof aufnimmt, kann er nicht selbst bestimmen. Das entscheidet der Tourismusverband. Dieser teilt die Besucher auf die Hotels in Alpbach und Umgebung auf. Michael Mairhofer arbeitet als Marketingleiter für den Alpbachtal Seenland Tourismus. "Es ist eine Herausforderung. Alpbach hat 2600 Einwohner und 3000 Gästebetten." Größtes Problem sei die jährlich steigende Zahl der Teilnehmer beim Forum. "Viele müssen auf umliegende Gemeinden ausweichen", sagt Mairhofer. Duftner formuliert es so: "Das Forum ist fast schon zu groß geworden. Du siehst drei Wochen lang keine Einheimischen, sondern nur Anzug- und Handyträger. Es ist fast wie in einer Kleinstadt."

    Apropos Einheimische: Nicht alle haben mit dem Forum eine Freude. Vor allem ältere Alpbacher versuchen, sich dem Trubel zu entziehen. Grundsätzlich sei das Forum aber ein "positiver Faktor" für die Gemeinde, sagt Duftner. "Es ist neben Sommer und Winter das dritte touristische Standbein."

    Das schönste Dorf Österreichs

    Der Tourismus bestimmt die Wirtschaft in Alpbach. Das Dorfbild prägen Hotels – und mehr als 100 bewirtschaftete Bauernhöfe. Viele sind seit 200 Jahren in Familienhand. Die meisten Bauern beliefern mit Milch die Käserei im Nachbardorf Reith im Alpbachtal.

    Was alle Häuser in Alpbach eint, ist ihr Erscheinungsbild. Der markante Holzbaustil fällt ins Auge. Grund ist eine Verordnung, die Bürgermeister Alfons Moser 1953 erlassen hat. Demnach dürfen die Häuser maximal drei Stockwerke hoch sein und müssen ab dem ersten Stock eine Holzvertäfelung sowie einen Balkon haben. Nur wenige Bauten sind davon ausgenommen. Dazu zählen ein Spar-Markt und das Kongresszentrum. Die Verordnung ist bis heute gültig. Einst hat sie dem Dorf zu Ruhm verholfen: 1983 wurde Alpbach zum schönsten Dorf Österreichs gewählt, auch den Titel als schönstes Blumendorf Österreichs trug man einmal.

    Die Gegenwart heißt Forum Alpbach. In wenigen Tagen ist es vorbei mit der Ruhe. Duftner hat einen Wunsch: "Mehr Junge sollen kommen." Auf einen Gast könnte er verzichten. "Wenn einmal der Trump auftaucht, sperre ich zu."

    Die Geschichte des „Europäischen Forums Alpbach“ reicht bis ins Jahr 1945 zurück. Otto Molden, Student in Wien, und Simon Moser, Dozent der Philosophie in Innsbruck, gründeten damals die „Internationalen Hochschulwochen“. Intellektuelle, die nicht im Krieg gefallen waren oder erschossen worden waren, sollten sich einmal im Jahr treffen, um über aktuelle Fragen der Zeit zu diskutieren und interdisziplinäre Lösungsansätze zu finden.

    Beim ersten Mal gab es 80 Teilnehmer. Dozenten aus Österreich, Frankreich, Deutschland, der Schweiz und den USA waren eingeladen. Bei der Premiere stand das Thema „Wissenschaft und Gegenwart“ im Mittelpunkt. Zu den Teilnehmern zählten vor allem junge Widerstandskämpfer, die sich gegen den Nationalsozialismus zur Wehr gesetzt hatten.

    Mit Essen geködert

    Es hängt mit dem Zweiten Weltkrieg zusammen, warum das Treffen in Alpbach stattfindet. Der Bürgermeister Alfons Moser – Bruder von Simon Moser – versprach allen Teilnehmern, dass sie in Alpbach etwas zu essen bekommen. „Das war unmittelbar nach dem Krieg keine Selbstverständlichkeit“, sagt Böglerhof-Chef Duftner, der Enkel von Alfons Moser.

    Im Alpbachtal erzählt man sich diese Geschichte: Gemeinsam mit seinem Bruder Fritz klapperte Otto Molden die Bauernhöfe in der Region ab, um nach Essbarem zu suchen. Die beiden Brüder hatten Zigaretten mit. Diese tauschten sie etwa gegen Schweinefleisch ein. „Sie haben die Bauern mit Tschick bestochen – und so ist das Europäische Forum Alpbach entstanden“, erzählt Duftner. Seit 1945 kommen Hunderte Politiker, Manager, Wissenschaftler, Experten und Studenten für Vorträge, Seminare und Reden aus der ganzen Welt ins Tiroler Alpbachtal. Am Forum nehmen jährlich mehr als 4000 Menschen aus 70 Staaten teil. Jedem Interessierten steht die Teilnahme offen. Die Veranstaltungen finden auf Deutsch oder Englisch statt. Heuriges Motto ist „Konflikt und Kooperation“. Das Europäische Forum organisiert der gleichnamige Verein, dessen Büro in Wien angesiedelt ist. Präsident ist Franz Fischler, früher Landwirtschaftsminister und EU-Kommissar.

    Die Liste der prominenten Forumsgäste ist lang: Catherine Ashton, Friedrich Dürrenmatt, José Manuel Barroso, Indira Gandhi, Gottfried von Einem, Friedrich von Hayek, Ban Ki-moon, Helmut Kohl, Konrad Lorenz, Karl Popper, Peter Sloterdijk, Anton Zeilinger und Erwin Schrödinger. Dem Nobelpreisträger Schrödinger gefiel es so gut, dass er seinen Lebensabend in Alpbach verbrachte. Er ist Ehrenbürger des Dorfs. Das Grab des Physikers ist das einzige auf dem Friedhof, das nie aufgelassen werden wird.

    Das Kongresshaus wird übrigens das ganze Jahr genutzt – etwa für Seminare. Das fünf Millionen Euro teure Gebäude hat eine Fläche von 3000 Quadratmetern und ist in den Berg eingebettet.

     

     

    Das schönste Dorf

    Lage: Alpbach liegt in den Kitzbüheler Alpen im inneren Alpbachtal am Fuß des 1898 Meter hohen Gratlspitz, 50 Kilometer von Innsbruck, 30 Kilometer von Kufstein entfernt. In dem kleinen Tiroler Bergdorf leben 2558 Menschen. Aufgrund seines Blumenschmuckes und des einheitlichen traditionellen Baustils in Holz erhielt das Dorf in den 80er- bzw. 90er-Jahren die Auszeichnungen „Schönstes Dorf Österreichs“ und „schönstes Blumendorf Europas“.

    Tourismus: Alpbach liegt auf knapp 1000 Meter Seehöhe. Haupteinnahmequelle ist der Tourismus: Urlaubern stehen im Winter etwa 140 Pistenkilometer, im Sommer ein 900 Kilometer langes Wegenetz sowie 3000 Gästebetten zur Verfügung.

    Infos: www.alpbach.at

    Martin Roithner, 12.08.2017, 00:04 Uhr

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