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    Brünn – Prags moderner Gegenpol

    Brünn – Prags moderner Gegenpol

    Es ist nicht immer ein Nachteil der/die Zweite zu sein. In Tschechiens zweitgrößter Stadt Brünn finden sich die Spuren der Habsburger ebenso wie die moderner Architektur. Weniger überlaufen als Prag ist Brno außerdem

    Das Wohnzimmer in Brünns berühmtestem Privathaus, der Villa Tugendhat, ist riesig, 200 Quadratmeter groß, eine freistehende Wand aus kostbarem Onyxmarmor trennt den Wohn- vom Arbeitsbereich. Die bodenlangen Fenster eröffnen einen Panoramablick auf die Stadt. Mies von der Rohe, wichtigster deutscher Bauhaus-Architekt, hat das Haus 1930 für das Unternehmerpaar Fritz und Grete Tugendhat entworfen. Es gilt als berühmteste Vertreterin des Funktionalismus in Brünn, hat Maßstäbe für das moderne Wohnen gesetzt. Als einziges Bauwerk moderner Architektur in Tschechien genießt es den Status eines UNESCO-Weltkulturerbes. Seit 2012 ist die Villa ein Museum, doch zuvor wurde hier auch Politik gemacht. Der minimalistisch gestaltete Schreibtisch aus edlem Palisanderholz ist ein historisches Möbelstück, auf dem 1993 die Abspaltung der Slowakei besiegelt wurde. Für einen Besuch empfiehlt sich eine Reservierung, da die Zahl der Besucher pro Tag limitiert ist.

    Zentrum des Funktionalismus

    Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Brünn eines der führenden Zentren des Funktionalismus in Mitteleuropa. Zu dieser Zeit entstand auch das Messegelände, ein weiteres Schmuckstück dieser Architektur-Strömung, bei der die Funktion und nicht das Design die Form bestimmt und deren Vertreter jegliche Buntheit, Ornamentik und Dekor ablehnten.

    Der funktionalistische Gebäudekomplex wird von einem kantigen, gläsernen Messeturm, einer runden Messehalle und den einzelnen Pavillions beherrscht. Letztere sind das Werk von mehr als 30 Architekten. 1928 mit der "Messe der zeitgenössischen Kultur in der Tschechoslowakei" eröffnet, war das Gelände nach dem Krieg Schauplatz für Maschinenbaumessen, die bis heute veranstaltet werden, außerdem internationale Ausstellungen, aber auch Konzerte, Shows und Kongresse.

    Seit vier Jahren ist neben der Villa Tugendhat eine weitere, funktionalistische Stadtvilla als Museum der Öffentlichkeit zugänglich: Die Villa Stiassni war einst das Domizil von Alfred und Hermine Stiassni, errichtet nach den Entwürfen von Ernst Wiesner 1929. Auch sie war einst Politik-Schauplatz, diente in Zeiten des Kommunismus Repräsentationszwecken. Viele Persönlichkeiten wurden hier empfangen, weshalb sie noch heute den Beinamen "Regierungsvilla" trägt.

    Das schmalste Hotel Europas

    Bei einem Spaziergang durch das funktionalistische Brünn darf ein Besuch im Café Era nicht fehlen. In den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts erbaut, traf sich hier die Brünner Oberschicht. Im zweistöckigen Café mit Vorgarten fanden ursprünglich 240 Gäste Platz, und das Café diente bis zum Jahr 1978 seinem Zweck. Nach vielen Jahrzehnten, in denen das Gebäude verfiel, wurde es nun renoviert, und heute kann man hier wieder gemütlich verweilen und sich auf einen Kaffeeplausch treffen. Das Innere wird von einer Wendeltreppe dominiert, die die beiden Stockwerke miteinander verbindet.

    Ein ebenso wichtiges Werk der tschechischen funktionalistischen Architektur der 20er-Jahre ist das erste Hotel der Zwischenkriegszeit in Brünn. Das Avion wurde 1928 auf einem Grundstück mit nur acht Metern Breite erbaut. In den zwei unteren Etagen befand sich ein Café, in den anderen sieben Etagen 50 Hotelzimmer. Die Fassade des Hotels beeindruckt durch ihre großen Fenster, von denen sich in den höheren Etagen ein wundervoller Ausblick auf die Burg Spilberk und die Kathedrale St. Peter und Paul bietet.

    Das "Manchester Österrreichs"

    Doch die Stadt, die auf Tschechisch Brno heißt und anderthalb Stunden von Wien entfernt liegt, kann auch seine habsburgische Vergangenheit nicht leugnen. Brünn war einst das Industriezentrum der Monarchie, galt als "Manchester Österreichs", mit einem 60-prozentigen Anteil Deutschsprachiger aus Ober- und Mittelschicht. Die wollten unterhalten werden, von dem beachtlichen Angebot an Kulturstätten zehrt die Stadt noch heute. Das Nationaltheater umfasst drei Häuser, von denen das kleinste, das Reduta-Theater, sich damit rühmt, einst in einem Vorgängerbau die Auftrittsstätte des elfjährigen Mozart gewesen zu sein.

    Heute gilt die Stadt, in der knapp 380.000 Menschen leben, als moderner Gegenpol zu Prag, bekannt für seine vielen Studenten, sein lebendiges Nachtleben. Hier stehen nicht nur knapp hundert Bauten der klassischen Moderne, sondern auch das höchste Wohnhaus Tschechiens, die größte Oper Osteuropas, die erste Moschee des Landes, das weltweit einzige Museum für Kultur und Lebensweise der Roma, und den besten Wein Osteuropas soll es hier ebenfalls geben. Der heißt Palawa, ein Cuvée aus Müller-Thurgau und Gewürztraminer. (rofi)

    Festival: Das Jahr 2018 steht ganz im Fokus der Gründung der Ersten Republik vor 100 Jahren. Dies ist auch das Thema des Festivals RE:PUBLIKA, das bis 17. Juni auf dem Brünner Ausstellungsgelände zu sehen ist. Infos: www.tugendhat.eu www.vila-stiassni.cz/en www.czechtourism.com www.gotobrno.cz/misto/hotel- avion/

    Roswitha Fi, 02.06.2018, 00:04 Uhr

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