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    Auf preußischen Wasserstraßen

    Auf preußischen Wasserstraßen

    Wer gerne auf dem Wasser reist, die fünfte Kreuzfahrt und den dritten Segeltörn aber schon zum Abwinken findet, dem sei eine beschauliche Hausboottour entlang der Brandenburger Seenplatte empfohlen.

    Ausgangspunkt ist die Marina Wolfsbruch. In eineinhalb Autostunden vom Berliner Flughafen Tegel zur Basis des Charter-Unternehmens "Le Boat" passieren staunende Neuankömmlinge imposante Alleen mit prächtigem Blätterglanz. Einmal angekommen, empfängt uns ein freundlicher Instruktor, der über die technischen Details jenes Bootes Auskunft gibt, das für mehrere Tage unser neues Zuhause sein wird. Auf gar nicht so engem Raum beherbergt das knapp 15 Meter lange und 4,5 Meter breite Hausboot in vier Kabinen bis zu acht Passagiere.

    Die Crew sind wir

    Für die Crew ist kein Platz, denn die Crew sind wir selbst. Ja, dieses Boot kann ohne Lizenz gesteuert werden. Große Gummibälle, so genannte Fender, schützen die Bordwände vor gröberen Schäden. Eine Vollkasko-Reise ist die Hausboot-Tour mit Le Boat trotzdem nicht. Die Passagiere hinterlegen vor der Abfahrt eine Kaution, die nach starken Schäden einbehalten wird. Schlimme Zwischenfälle sind zum Glück rar. Der klassische Hausboot-Tourist ist kein Hasardeur. Die technischen Einzelheiten sind nicht weiter bedeutend. Denn unser Boot wurde auf zwölf Kilometer pro Stunde gedrosselt und damit entschleunigt. Auf Kanälen darf der gutmütige Kahn mit dem etwas hochtrabenden Namen "Magnifique" nur mit acht km/h bewegt werden. Für Reisende kein Schaden. In der touristischen Binnenschifffahrt erlebt man das Wasser nicht durch Tempo, sondern durch Staunen. Man staunt auf der Fahrt durch nahezu unberührte Landschaften entlang von Behausungen, in denen niedliche Biber wohnen, Kolonien von seltenen Graugänsen und Reiher-Nestern zu sehen sind. Geschwindigkeit ist nur dann gefragt, wenn man nicht rechtzeitig zu den Schleusen findet. Bei uns an Bord wurde für diese gemächliche Fortbewegungsart das Kunstwort Entschleusigung kreiert. Einige der Barrieren werden noch manuell bedient. Da für den Schleusenwärter der Arbeitstag um 17.30 Uhr endet, ist ein Streckenplan von Vorteil. Nicht schaden kann auch ein kleines Trinkgeld, um beim Anlegen die Hilfsbereitschaft des "Schleusers" zu wecken.

    Auf preußischen Wasserstraßen

    Zickzack bei Probefahrt

    Nach einem Tag zu Wasser sind wir mit dem Einmaleins der Binnenschifffahrt vertraut. Es kann freilich nicht schaden, einen Mitreisenden mit Schifffahrtspatent in der Crew zu haben. Denn bei unserer Probefahrt macht die liebe "Magnifique", was sie will. Was wir ihr per Steuerrad befehlen, ignoriert sich hartnäckig. Des Rätsels Lösung: Anfänger neigen dazu, das Boot zu übersteuern. Die Folge ist ein unaufhaltsamer Zickzackkurs, der bei Neulingen Schweißausbrüche verursacht. Doch keine Angst. Das unbekannte Wesen ist nach kurzem Kampf domestiziert. Nun wartet auf uns ein weites Netz an Wasserstraßen, eine schöner als die andere. Die Seen und Flüsse sind in Wald-, Acker- und Moorland eingebettet. An vielen Stellen lässt es sich bei schönem Wetter auch schon im Mai erfrischend baden.

    Am Ende unserer ersten Etappe ankern wir in Rheinsberg. Das barocke Städtchen geht auf Friedrich den Großen zurück, der sich an den Ufern des Rheinsberger Sees den Neubau einer beeindruckenden Schlossanlage bestellte und die Kleinstadt mit entzückenden Fachwerkhäusern nach einem verheerenden Brand wieder aufbauen ließ. Schriftsteller wie Theodor Fontane und Kurt Tucholsky rühmten die Schönheiten der Stadt. Unweit von Rheinsberg liegt der Flecken Zechlin. Mit dem Boot sind wir 90 Minuten unterwegs. Fischwirt Wilhelm Gehrt betreibt am Ufer des Schwarzen Sees eine Gaststätte. Auf einem Unterarm ließ sich der stiernackige Gastronom und Fischer den Namen seiner Tochter "Wilhelmine" tätowieren. Die Preise sind niedrig. Zanderfilet mit Beilagen: 9,50 Euro. "Ein unschlagbarer Preis", findet Wilhelm Gehrt und ärgert sich über die Faulheit junger Leute: "Die haben keine Lust mehr zu arbeiten", meckert der Fischer. Seine Saison ist kurz: "Wir haben nur drei Monate, wo man Geld verdient. Da musst du für zwölf Monate raushauen." Typen wie Gehrt sind in dieser Gegend keine Seltenheit. Preußische Tugenden prägen diesen Menschenschlag. Der verschlafene Osten Deutschlands erwacht auch dank Zuwanderern wie Michael Wittke, der fünf Bootsstunden von Zechlin entfernt in der Kleinstadt Fürstenberg einen Kulturgasthof betreibt. Der Hamburger erwarb vor 13 Jahren das Nebengebäude eines alten Kraftwerks und sanierte es in mehreren Schritten. Heute beherbergt "Die alte Reederei" ein Slow-Food-Restaurant. An den Wochenenden werden Kulturfilme gezeigt. Sein Investment bezeichnet Wittke als eine Mischung aus Herz, Vernunft und bodenständiger Rechenkultur. In der Küche führt Niels Bachmann aus dem Odenwald das Regiment: "Der Himmel schenkte mir einen Koch. Das ist Goldstaub in dieser Gegend", sagt Wittke.

    Am anderen Seeufer werden schematisch die Umrisse des Konzentrationslagers Ravensbrück sichtbar. Das Frauen-KZ hatte bis 1945 rund 80 Außenstellen. Heute ist es Gedenkort und Zentrum einer Sommerakademie mit bis zu 100.000 Besuchern im Jahr. Das Erbe der Geschichte wiegt schwer. Eher lenkt man auf die schönen Seiten der Kleinstadt. Ein baufälliges Schloss und der Nachbau eines so genannten Kaffenkahns zählen zu Fürstenbergs Attraktionen. Mit Booten wie diesem wurden bis hinauf in die 1950er Jahre Bauholz und Ziegel nach Berlin befördert.

    Außergewöhnliche Charaktere

    Bevor die "Magnifique" ihre Heimreise in die Marina antritt, wird noch das beschauliche Lychen bestaunt. Auf dem Weg dorthin liegt das Örtchen Himmelpfort, in dem die deutsche Post AG den Weihnachtsmann wohnen lässt. Jedes Jahr sind deutschlandweit mehr als 300.000 Wunschbriefe an das Postamt adressiert. Im Gemeindezentrum hängt ein Foto von Christkindl bei Steyr, das den Himmelpfortern in der Vermarktung als Vorbild dient.

    In der 3600-Seelen-Gemeinde Lychen begegnen wir außergewöhnlichen Charakteren. Marcus Thum betreibt einen Kanu- und Flößerverleih. In den Sommermonaten veranstaltet der gebürtige Leipziger eine Konzertreihe auf Floßen, die in eine stille Bucht gezogen werden. Jörg Hartsch ist Musikschullehrer und Betreiber des Café Kunstpause am Ortseingang. Seine Passion gehört einem Instrument, das man in diesen Breiten nicht erwartet. Es ist ein Alphorn, das er vor Publikum auf Thums Bootssteg erprobt. Nur ein Standbein reicht nicht, um in dieser Abgeschiedenheit sein Auskommen zu finden. Darum ist Hartsch auch als Koch und Caterer zu Werke. Carla Kniestedt vom Mühlencafé, das wir mit dem Kanu erreichen, arbeitet in Berlin beim Fernsehen. Sie hat die alte Mühle am Seeufer vor dem Verfall gerettet. Heute findet sich dort ein geschmackvolles Restaurant, das sie selbst betreibt.

    Durch Seen, Flüsse und Kanäle steuert die "Magnifique" nach Hause. Dieses Wasserparadies hinterlässt viele schöne Eindrücke.
     

    In der Uckermark auf Merkels Spuren

    Seit der Kanzlerschaft von Angela Merkel ist die Uckermark im Norden Brandenburgs ein Begriff. Merkel wuchs in Templin heran. Die größte Stadt des Landkreises glänzt durch schöne Fachwerkhäuser, ein barockes Rathaus und eine aus Feldspat errichtete Stadtmauer aus dem Mittelalter. Wer die Heimatstadt der deutschen Bundeskanzlerin mit dem Hausboot besuchen will, erreicht diese über den Templiner Kanal.

    Stadtführer Werner Foth ist ein diskreter Nachbar von Merkels 90-jähriger Mutter. Über die „Muddi“ der „Muddi“ will er nicht viel verraten. Nur soviel: Die alte Dame, die früher als Englischlehrerin arbeitete, belegt wissbegierig Volkshochschulkurse und wird alle vier Wochen von ihrer Tochter besucht. An die Visiten der Kanzlerin haben sich die Templiner längst gewöhnt: „Wenn sie da ist, stehen immer auch zwei dunkle Limousinen mit Leibwächtern vor der Tür.“ Als Zugeständnis für deren Neugier führt Foth Templin-Touristen vor das Geschäft von Friseurmeister Sydow, der noch zu DDR-Zeiten für die Topffrisur der jungen Angela verantwortlich zeichnete.

    Mutige Frauen

    Templins wichtigste Frauengestalt sei auch nicht Merkel, sondern eine gewisse Friederike Krüger, betont Foth mit einem Augenzwinkern. Diese „Jeanne d’Arc der Uckermark“ habe sich als Junge verkleidet vor rund 200 Jahren in die preußische Armee geschwindelt und im Kampf gegen Napoleon große Tapferkeit bewiesen. Als die junge Dame verwundet wurde, flog auch ihre Identität auf. Von König Friedrich Wilhelm III. wurde sie daraufhin hoch dekoriert.

    Internet-Adressen: www.reiseland-brandenburg.de; www.templin.de; www.altereederei.de; www.kunstpause-lychen.de; www.treibholzcom; www. muehlen-mahlzeit.de; www.leboat.at

     

     

    26.05.2018, 00:04 Uhr

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