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    Auf die Plätze, fertig, Velos

    Auf die Plätze, fertig, Velos

    Stellen Sie sich ein Panorama-Gemälde der Alpen vor, in den kräftigsten Farben, Berge mit Schneehaube, 30 Grad. Und dann schwingen Sie sich auf Ihr Velo und strampeln los. Eine Radfahrt mit sensationellen Eindrücken und Lernerfolg für Manfred Wolf.

    Radfahren verlernt man nicht. Auch nicht, wenn man, wie der Autor, seit zehn Jahren nicht mehr auf einem Velo gesessen ist, wie der geübte Schweizer zum Drahtesel sagt. Allerdings kann man viel dazulernen. "Hast du keine gepolsterte Radhose?", fragt die Kollegin beispielsweise, als sie mich am zweiten Tag mit schmerzverzerrtem Gesicht auf den Sattel aufschwingen sieht. "Wie bitte, was?", frage ich und beantworte so ihre Frage. Doch der Schmerz weicht sogleich, als ich die ersten Meter durch diese Landschaft der Superlative strample.

    Wir sind im schweizerischen Engadin, dem Garten des Inns, so der romanische Ursprung des Wortes. Der Fluss hat hier über Jahrtausende eine tiefe Schlucht gegraben. Die Kraft des milchig-türkisen Inns wird hier augenscheinlich. Links und rechts schießen Berge Hunderte Meter in die Höhe und bieten ein Paradies für Wanderer und Biker. Ein Trumpf, dessen sich die Tourismusverantwortlichen hier bewusst sind. "Es ist uns klar, dass niemand zu uns kommt, weil es so günstig ist", sagt Niculin Meyer. "Wir schnitzen mit dem Holz, das wir haben, mit dem, was es andernorts nicht gibt und das ist unsere Natur und Kultur."

    Und die Natur ist tatsächlich atemberaubend – im wahrsten Sinn des Wortes. Am Vortag sind wir mit der Rhätischen Bahn bis ins pittoreske Scoul gefahren, alleine diese Fahrt ist die Reise wert. Kurz vor der Endstation passierten wir rechter Hand Schloss Tarasp, das auf einem hochgeschossenen Hügel thront. Einst war es im Besitz der k.u.k.-Monarchie, die Region rundherum war eine Enklave des katholischen Österreich-Ungarns. Auch wenn es längst wieder im Besitz der Schweiz ist, grüßen sich die Jugendlichen im Umkreis dort heute immer noch mit – nicht ganz ernst gemeint – „Bleib katholisch!“

    Im 1287 Meter hoch gelegenen Scoul, das von wunderschönen Sgraffito-Fassaden und natürlichen Mineralquellen geprägt ist, heben wir die Räder in eine Gondel und lassen uns knapp 900 Höhenmeter nach oben „chauffieren“. Von hier geht es dann anfangs bei leichtem Regen und Nebel weitere 400 Höhenmeter stetig bergauf. Mit jedem Höhenmeter, den wir nach oben radeln, reißt die Sonne immer größere Löcher ins Grau und das Panoramagemälde wird zusehends erkennbarer. Als wäre es für uns so inszeniert worden. Das Wort kitschig ist zu gering, um zu beschreiben, welche Pracht sich plötzlich vor uns auftut.

    Radfahren in einem Blumenladen

    Im tiefsten Gang strampeln wir gemütlich hinauf. Wir sind nicht viel schneller, als wenn wir die Räder schieben würden. Dafür können wir die kräftigen Farben der Alpenwiesen umso mehr genießen. Und den Duft. Das Gewöhnliche Kohlröschen beispielsweise, das hier in Mengen wächst, weckt olfaktorische Erinnerungen an einen ganzen Blumenladen.

    Nach zwei Stunden geht es dann endlich bergab. Zum Teil wäre auch hier Schieben die vernünftigere Variante. Aber wie gesagt, wääääääääre ...

    „Die Schweizer pflegen einen recht entspannten Umgang in den Bergen mit den Velofahrern“, sagt Niculin Meyer, stellvertretender Direktor vom Tourismusverband Engadin. Und als hätte es dafür einen Beweis gebraucht, halten uns Wanderer freundlich grüßend die Zäune auf. „Allerdings setzt das auch den Respekt der Radfahrer gegenüber den Wanderern voraus.“

    Im gesamten Engadin gibt es 1030 markierte Kilometer für Biker auf einer Fläche von fast tausend Quadratkilometern. Postbusse und die Rhätische Bahn sind ebenfalls für diese Klientel gerüstet.

    Gut durchgerüttlit ähm -gerüttelt machen wir Mittag auf der Alp Laret, auf knapp 2200 Metern, die mittlerweile in der prallen Sonne steht. Nach einer ausgiebigen Pause verlassen wir das Gelände, es geht weiter auf einem Schotterweg, 600 Höhenmeter hinab durch den Ort Fetan, weiter auf der vor knapp 1000 Jahren bedeutenden Route Mailand – München bis nach Guarda. Hier ließe sich ohne jede weitere Vorbereitungen jederzeit ein Heidi-Film drehen. Wir füllen nur kurz die Trinkflaschen an einem der Holzbrunnen auf und rollen zu unserer letzten Tagesetappe nach Lavin, wo wir die Räder wieder in die Rhätische Bahn verfrachten. Tag zwei endet entspannt in der Sauna im Spa des Hotels Belvedere.

    900 Höhenmeter rauf, 1800 runter

    Tag drei beginnt mit Schmerzen. Der Sattel ist immer noch nicht weicher geworden, ganz im Gegenteil. Zum Glück steigen wir aber gleich in die Rhätische Bahn ein und fahren danach mit dem Postbus bis zur Passhöhe Süsom Givè, am Rande des Nationalparks. Im Park ist Biken zwar verboten, aber rund um den Park gibt es eine einmalige Route, die sich in vier Tagen bewältigen lässt. Wir picken uns ein 30 Kilometer langes Teilstück heraus mit 900 Höhenmetern Anstieg und 1800 Metern Abfahrt.

    Alles, was an Schmerzen jetzt noch da ist, verschwindet im Rausch der Endorphine, die angesichts der wunderschönen Landschaft und der sensationellen Abfahrten, entlang deren sich die Flora rapide verändert, ausgeschüttet werden. Die stoisch weidenden Kühe und die umtriebigen Murmeltiere erinnern einen aber stets daran, abzusteigen und am Wegesrand die Ruhe zu genießen, die nur vom Bimmeln der Kuhglocken gebrochen wird.

    Schaltet man einen Gang zurück, ist Biken in den Alpen ähnlich wie Wandern. Mit dem Vorteil, dass man längere Passagen planen kann. Man muss sich nur genügend Pausen gönnen. Weniger um zu verschnaufen, als vielmehr um das wunderbare Alpen-Panoramagemälde wirken lassen zu können. Am besten mit einer gepolsterten Radhose. Tja, Radfahren verlernt man eben nicht nur nicht, man lernt auch viel dabei ...

    Info

    Kontakt: Für nähere Informationen und Beratungen können Sie sich an den Schweiz-Tourismus wenden: 00800 100 200 30 (kostenlos); info@myswitzerland.com
    myswitzerland.com
     

    Fünf Tipps

    1. Laufgewand ist zwar ebenfalls zweckdienlich, kommt aber an die Qualitäten einer gepolsterten Radhose nicht heran! Darauf lässt sich der Allerwerteste verwetten!
    2. In Scoul gibt es sowohl einen schönen Campingplatz als auch eine Jugendherberge. Bikes können im Ort ausgeliehen werden (Reservierung empfohlen!)
    3. Lieber öfter im tiefsten Gang treten, als weniger, dafür intensiver in einem etwas höheren Gang – das ist weniger kräfteraubend.
    4. Sollte das Rad keinen Schnellverschluss haben, packen Sie einen Inbusschlüssel ein, damit Sie beim Bergabfahren den Sattel tiefer stellen können – für mehr Bewegungsfreiheit.
    5. Die Sonne meint es gut und erinnert einen daran, dass auch Sonnencreme ein guter Tipp ist!

    Manfred Wolf, 29.07.2017, 00:04 Uhr

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