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    Auf den Spuren Martin Luthers in Thüringen

    Auf den Spuren Martin Luthers in Thüringen

    Die wichtigsten Stationen aus dem Leben des großen Reformators sind untrennbar mit den Orten Möhra, Eisenach, Erfurt und der Wartburg verbunden. Astrid Dipes hat sie besucht.

    500 Jahre Reformation: Zeit, um Thüringens Lutherstätten kennenzulernen. Kein Wunder, dass Luthers Schicksal die Menschen bis heute fasziniert: So erwartet Mandy Neumann von der Thüringer Tourismus GmbH zum 500-jährigen Reformationsjubiläum bis zu 500.000 zusätzliche Tagesgäste. Sie berichtet im Café "Willy B.", in jenem Gebäude, in dem Willy Brandt 1970 von begeisterten DDR-Bürgern ans Fenster gerufen wurde, dass sich nicht nur Deutsche auf den Weg machen, um das geschichtsträchtige Thüringen kennenzulernen. Allein 100.000 Menschen aus den USA kommen, um die authentischen Lutherstätten zu besuchen.

    Die wichtigsten Stationen aus dem Leben des großen Reformators sind untrennbar mit Orten wie Möhra, Eisenach, Erfurt und der Wartburg verknüpft. Auch wenn nur 21,2 Prozent der Bevölkerung der evangelischen Kirche angehören, ist Luther für die Thüringer wichtig. "Zum Beispiel wird der Martini in Erfurt traditionell zum Luthergeburtstag auf dem Domplatz sehr schön mit Eltern, mit Kindern und mit vielen Laternen gefeiert", schwärmt Neumann. Luthers wechselvolles Leben spielt sich wie ein faszinierender Film vor dem inneren Auge interessierter Lutherstätten-Besucher ab.

    Möhra – die Heimat der Familie

    Das 568-Seelen-Dorf Möhra ist die Heimat der Familie. Damals hießen sie noch Luder; erst Martin änderte den Namen. Sein Vater Hans wurde in Möhra geboren und lebte hier mit Ehefrau Margarethe. Als sie 1483 mit Martin schwanger war, entschieden sie sich, in die Grafschaft Mansfeld umzuziehen. Sehr wahrscheinlich ist Martin in Möhra, wo noch heute ein Nachbau des Stammhauses steht, gezeugt worden.

    Auf den Spuren Martin Luthers in Thüringen

    Vor der Dorfkirche zieht eine imposante Statue des Reformators die Blicke auf sich. Schwarze Dohlen fliegen um den Kirchturm und ihre Schreie lassen eine unheimliche Stimmung entstehen. Möhra ist stolz auf sein historisches Erbe. Ähnlich einem Adventkalender werden hier bis zum Reformationstag am 31. Oktober nach und nach Teile eines Bildes aufgedeckt, auf dem die Dorfbewohner eine Szene mit dem berühmtesten Sohn des Ortes nachstellen. Heute befinden sich im Lutherhaus Ferienwohnungen. Auch im denkmalgeschützten Fachwerkhaus "Spinnstube" – erbaut 1626 – kann man in historischem Ambiente nächtigen. Die Bauernkammer "conclave rusticus" ist mit viel Liebe zum Detail geschmackvoll eingerichtet. Auch wenn sie erst knapp 150 Jahre nach Luthers Geburt entstanden ist, fühlt man sich wie ein Zeitreisender.

    Eisenach – Luthers Kindheit

    Seine Knabenjahre verbrachte Martin Luther in Eisenach am Fuße der Wartburg. Mit 15 Jahren kam er hierher. Von 1498 bis 1501 besuchte er auf Wunsch seines Vaters die Pfarrschule zu St. Georgen und büffelte Latein. Während der Schulzeit lebte er bei der Ehefrau des Bürgermeisters, Ursula Cotta. Das Lutherhaus ist heute ein Museum. Ab 13. April lädt es mit der Sonderausstellung "Ketzer, Spalter, Glaubenslehrer – Luther aus katholischer Sicht" dazu ein, mehr über das Verhältnis des Reformators zum damaligen Papst und zur katholischen Kirche zu erfahren.

    Ina Conrad vom Verein Eisenacher Gästeführer weist bei der Führung durch die Dauerausstellung auch auf Luthers Schwächen hin: Er hetzte so intensiv gegen Juden, dass die Nationalsozialisten seine Schriften zu Propagandazwecken nutzten. Conrad bietet Stadtführungen zu den berühmten Namen der Stadt an: Johann Sebastian Bach wurde in Eisenach geboren. Richard Wagner wurde vom Sängerkrieg auf der Wartburg zu seiner Oper "Tannhäuser" inspiriert, die heilige Elisabeth lebte auf der Wartburg; Johann Wolfgang von Goethe setzte sich für deren Erhalt ein.

    Wartburg – Luthers Versteck

    Die Wartburg ist die Lutherstätte, die auch weltweit Bekanntheit erlangte. Hier war der Geächtete ab Mai 1521 bis zum März des Folgejahres versteckt. Hier übersetzte er das Neue Testament aus dem griechischem Urtext in ein im ganzen Land verständliches Deutsch. Mit dem damals revolutionären Buchdruck verbreitete sich so die Heilige Schrift im Volk.

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    Vom 4. Mai an wird hier die Sonderausstellung "Luther und die Deutschen" stattfinden. Vor den Butzenscheiben der Lutherstube mit dem Holzschreibtisch und dem grünen Kachelofen, wo Martin an seiner Übersetzung arbeitete, pfeift der Wind laut hörbar. Draußen gurren Tauben. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie Luther sich hier an stürmischen Herbst- und Wintertagen fühlte, während er nachhaltig unsere Sprache prägte. Als "Junker Jörg" fielen ihm Wortschöpfungen wie "Bluthund" und "Judaslohn" ein. Doch auch Begriffe wie "Machtwort" und "Morgenland" oder Redewendungen wie "ein Herz und eine Seele" und "für immer und ewig" wurden hier Teil unserer Sprache. Vom Burgcafé mit dem typischen dunkelblauen Bürgeler Geschirr mit weißen Punkten sieht man auf die dunklen Tannen des Thüringer Waldes. Der Himmel färbt sich dunkel, Windböen fegen welke Blätter durch die Luft. So oder so ähnlich muss es gewesen sein, als Student Martin am 2. Juli 1505 von einem Gewitter bei Stotternheim überrascht wurde. Das Erlebnis prägte ihn. Er befand sich auf dem Rückweg von seinen Eltern in Mansfeld nach Erfurt, als grelle Blitze und grollender Donner ihn in Todesangst flehen ließen: "Hilf du, heilige Anna, ich will ein Mönch werden!"

    Erfurt – Wendejahre

    Von früher Kindheit an hatte Martin Luthers Vater eine weltliche Karriere für ihn geplant. Ab Frühling 1501 studierte der Sohn in Erfurt die Sieben Freien Künste, die er als Magister Artium abschloss. Er nannte die Universität Erfurt "meine Mutter, der ich alles verdanke". Im Anschluss folgte ab dem Sommersemester 1505 ein Jurastudium. Bei einem Besuch bei den Eltern hatte Martin Luther schließlich das bereits erwähnte lebensverändernde Gewittererlebnis. Stadtführerin und Historikerin Sabine Hahnel vermutet, dass das Unwetter das bereits volle Fass nur zum Überlaufen brachte. Martin war melancholisch und wollte in seinem Leben etwas verändern. Der vom Vater vorgeschriebene Weg als Jurist erschien ihm wohl schon länger nicht mehr als der richtige. Jedenfalls trat er am 17. Juli 1505 in das Kloster der Augustiner-Eremiten ein. Noch heute kann man seine Arbeitsstätte, die Lutherzelle, besichtigen. Zum Kirchentag unter dem Motto "Licht auf Luther" werden zahlreiche Gäste erwartet.

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    Die Georgenburse, die Martin als 17-jähriger Student bezog, dient heute als Pilgerunterkunft. Wer dort nächtigen möchte, sollte schnell sein, im Lutherjahr ist sie laut Katharina Udhardt vom Tourismus Marketing Erfurt sehr gut gebucht.

     

    Wie alles begann

    Der beim Papst und beim Kaiser durch seine Kritik in Ungnade gefallene 37-jährige promovierte Theologe Luther wurde durch den Reichstag zu Worms 1521 als vogelfrei erklärt.
    Zum Glück ist der sächsische Kurfürst Friedrich der Weise auf seiner Seite: An einem Maitag lässt er Luther in einem Buchenwald beim thüringischen Bad Liebenstein entführen. Man bringt ihn auf die Wartburg, die seit 1067 über Eisenach und dem Thüringer Wald thront. Erst gegen Mitternacht kommt die Gruppe nach langer Verfolgungsjagd in dem Gemäuer an. Hier ist der Reformator sicher, auch wenn er in der zehn Monate andauernden Isolation oft mit seinem Schicksal hadert. Unter dem Decknamen „Junker Jörg“ übersetzt er auf der hohen Wartburg das Neue Testament in eine allgemeinverständliche Sprache.

     

    Astrid Diepes, 11.03.2017, 00:04 Uhr

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