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    Mittelalterliche "Barbies" und altes Kultspielzeug im Donautal entdeckt

    Mittelalterliche "Barbies" und altes Kultspielzeug im Donautal entdeckt

    ASCHACH/HOFKIRCHEN. Ein halbes Dutzend Kruseler-Puppen wurden von Erwin Lindorfer im Donautal gefunden.

    Aus Ton modellierte, wenige Zentimeter große Püppchen und Pferdchen zählen zu den bekanntesten Kinderspielzeugen des späten Mittelalters – ob der Serienproduktion sind diese Kruseler-Puppen auch als "Barbies" des Mittelalters bekannt. Durch archäologische Funde kann nun eine ungewöhnlich hohe Anzahl dieser Zeugnisse mittelalterlicher Spielzeugkultur dokumentiert werden. "Es fanden sich im Laufe der letzten Jahre ein halbes Dutzend solcher Keramikfiguren entlang des oberösterreichischen Donautals rund um Aschach und Hofkirchen", bestätigt Gernot Krondorfer, Archäologiebeauftragter des Kulturvereins Landschaftsschule Donauschlinge.

    Entdeckt wurden sie durch vom geschichtsinteressierten Mühlviertler Erwin Lindorfer. Frei liegend auf landwirtschaftlichen Ackerflächen aufgefunden sind sie durch den Traktorpflug an die Oberfläche gekommen und dann durch den Regen gänzlich freigespült worden.

    Seltene Fundstücke

    Die seltenen und besonderen Fundstücke wurden nun durch die Archäologin Christina Schmid vom Oberösterreichischen Landesmuseum mit Vergleichsstücken des süddeutschen Raumes aus dem 14. und 15. Jahrhundert in Verbindung gebracht. Besonders beachtenswert ist jedoch auch: Dieses Figurenensemble erweist sich mit einem Schlag als eine annähernde Verdoppelung alles bisher dokumentierten dieser Art in Oberösterreich.

    "Neben einem wunderbar erhaltenen fünf Zentimeter großen Keramikpferdchen fanden sich Figurenköpfe von sogenannten Kruseler-Puppen, benannt nach ihrer voluminösen Kopfbedeckung. Der Kruseler, ein mit unzähligen Rüschen besetzter Schleier, war seit dem 14. Jahrhundert bei bürgerlichen und adeligen Damen in Mode und gilt als direktes Vorbild für diese Puppen. "Die Figuren wurden in Modeln gepresst und in großer Zahl hergestellt, sie werden daher gerne als erste in Serie hergestellte Modepuppe bezeichnet", erklärt Krondorfer. Auch ein religiöser Bezug wird in Betracht gezogen, etwa als Gabengeschenk bei einer Taufe.

    Ritterturniere nachgespielt

    Ein Kultspielzeug im heutigen Sinn waren auch die kleinen Keramikpferdchen. Sie wurden auf ein Holzstäbchen gesteckt und damit herumbewegt. So konnten mit ihnen Ritterturniere nachgespielt werden. Die Keramikspielzeuge wurden von "Bilderbäckern" aus Pfeifenton gefertigt. Die Figuren aus dem Donautal wurden wahrscheinlich in Deutschland erzeugt, der Nürnberger Raum gilt als eines der damaligen Zentren dieser Handwerkskunst. "Sie wurden auf Märkten feilgeboten und fanden so vermutlich ihren Weg nach Österreich, wo sie uns jetzt als seltene Funde große Freude bereiten", freut sich Krondorfer. Die Fundhäufung an der Donau zeige die große Bedeutung des Flusses als Handelsstraße des Mittelalters sowie den damit verbundenen Kulturtransfer von Sitten und Werten.

    Keine Hobby-Archäologen, sondern „Citizen Scientists“

    „Unsere Funde sind im Normalfall Oberflächenfunde, eigenständig archäologisch graben tun wir nicht und dürfen wir per Gesetz auch nicht“, erklärt Gernot Krondorfer. Die Grabungsfotos sind übrigens alle bei wissenschaftlichen Grabungen einer vom Kulturverein Landschaftsschule Donauschlinge beauftragten Grabungsfirma mit akademischen Archäologen von der Firma Archenova entstanden.

    Gernot Krondorfer ist der Archäologiebeauftragte der Landschaftsschule Donauschlinge und organisiert die Rahmenbedingungen. Ihm ist wichtig, dass nicht der Eindruck entsteht, dass Privatpersonen eigenmächtig graben. In einschlägigen Kreisen führt der Ausdruck „Hobbyarchäologe“ unweigerlich zu Diskussionen über die Rechtmäßigkeit. Ein weit verbreiteter Begriff für forschende Laien in unterschiedlichen wissenschaftlichen Sparten ist der des „Citizen Scientist“. Diese sehen sich etwas breiter angelegt als Heimatforscher und gehen ihrer Passion deswegen nicht mit weniger Hingabe nach. Gernot Krondorfer hat viele seiner Fundstücke aus dem Mühlviertel bereits in Ausstellungen präsentiert.

     

     

    17.05.2017, 00:04 Uhr

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