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    Ihr Herz schlägt auch mit 97 noch für Hinterstoder

    HINTERSTODER. Gertrude Kowar, geborene Wienerin, gründete in Hinterstoder im Alter von 75 Jahren noch den Kirchenchor. Seit zwei Jahren engagiert sich die heute 97-Jährige ehemalige Volksschullehrerin in der Flüchtlingshilfe.

    „Ich hab’ mir gedacht, wenn ich in der Schule in Wien den Buben Deutsch beibringen hab’ können, dann kann das wohl auch bei ein paar Analphabeten, die aus ihrer Heimat flüchten mussten, nicht so schwer sein.“

    Gertrude Kowars Leben ist nicht mehr kompliziert. Die heute 97-jährige pensionierte Volksschullehrerin, die inmitten der Kriegswirren aufgewachsen ist und die der Zufall ins Stodertal verschlagen hat, nimmt die Tage, wie sie sind. Und sie genießt. Ihre Lebensfreude etwa. Und sie macht, wenn sie gebraucht wird. Im Kirchenchor etwa. Oder in der Flüchtlingshilfe.

    Steyrer Zeitung: Frau Kowar, sind Sie mit 97 Jahren nicht schon ein bisschen zu alt, um noch zu unterrichten?

    Gertrude Kowar: Während der Flüchtlingswelle vor eineinhalb Jahren wurde bei einer Veranstaltung im Gemeindesaal gefragt, wer sich als Helfer zur Verfügung stellt. Da hab’ ich mir gedacht: Schwer arbeiten kann ich nicht mehr, aber das sollt’ ich schon noch können.

    Haben Sie es noch gekonnt?

    Ich habe acht Analphabeten erhalten, alle aus Afghanistan. Da hat keiner ein Wort Deutsch gesprochen, das war natürlich schwierig.

    Was haben Sie dann gemacht?

    Man redet natürlich Deutsch, ich kann ja nichts anderes. Und mit den Händen, und mit zeigen. Ich habe ihnen die Blockschrift, die Druckschrift und die lateinische Schrift beigebracht. Jetzt hab’ ich aber nur noch den Assad, der ist über 60, und seine Frau Ratzia.

    Der Rest hat mit dem Unterricht abgebrochen?

    Nein, das Caritas-Flüchtlingshaus in Hinterstoder ist aufgelöst worden. Aber ich bin auch ein bisserl froh, dass es wieder vorbei ist. Es war ja doch sehr anstrengend in meinem Alter. Ich hätte nie gedacht, dass unterrichten so müde machen kann.

    Wenn ich Sie so erzählen höre: Es hat Ihnen Spaß gemacht.

    Ja, natürlich. Die Flüchtlinge sind ja so dankbar. Am Ende des Unterrichts habe ich mit ihnen meist Bilderdomino gespielt, so haben sie viele Ausdrücke gelernt. Und für den Sieger hat es immer einen Preis gegeben. Und dann wollten sie mich immer zum Essen einladen. Das hab’ ich immer abgelehnt. In meinem Alter hab’ ich mich da nicht drüber getraut.

    Wie waren die Reaktionen auf die Flüchtlinge in Hinterstoder?

    Die Leute hier sind ja doch eher sehr reserviert, aber haben ein unheimliches Selbstbewusstsein. Auch ich habe lange gebraucht, bis ich im Tal akzeptiert worden bin. Aber dann kann man von ihnen fast alles haben. Auch die Flüchtlinge haben sie am Ende akzeptiert.

    Was hat Sie überhaupt hierher verschlagen?

    Das war eigentlich ein Zufall. Wir haben etwas geerbt und unsere Tochter hat gemeint: Kauft doch dort ein Haus, wo man Skifahren kann. Das war Hinterstoder. Und jetzt bin ich da. Aber ich fahre immer noch regelmäßig mit dem Auto nach Wien, diese Freiheit nehme ich mir. Nach Linz ist es mir aber zu gefährlich.

    Mein Mann hat immer gesagt: Jeder Tag, den wir nicht in Hinterstoder sind, ist ein verlorener Tag. Er hat recht gehabt.

    Sie haben im Tal auch kulturell einiges bewegt.

    Ja, ich habe den Kirchenchor gegründet, im Alter von 75 Jahren!

    (Gertrude Kowars Augen beginnen spitzbübisch zu funkeln, wenn sie über die Zeit mit dem Chor spricht.)

    Die alte Schulrätin hat mich damals dazu animiert. Ich hab’ ihr zwar gesagt, dass die hier im Tal grad auf mich, eine Zuagroaste warten, aber gemacht hab’ ich es dann trotzdem. Im Frühjahr haben wir den „Singkreis Hinterstoder“ aber nach 23 Jahren aufgelöst.

    Warum?

    Ich bin 97, und es war auch kein Mitglied mehr unter 80 Jahren. Anfangs waren wir 18, am Ende nur noch zehn Mitglieder. Ich hab’ für die Auftritte ja jedes Stück auf unsere Bedürfnisse hin umschreiben müssen. Ich habe sieben Messen komponiert, ein Requiem, neun Weihnachts-, acht Advent- und zwei Volkslieder. Wir haben 868 Chorproben gehabt und 231 Messen gesungen. Und ich habe sogar Hackbrett gelernt und Bach auf einem Hackbrett gespielt.

    Sie sind richtig in Ihrer Aufgabe aufgegangen.

    Ja, es konnte ja keiner eine Note, ich musste ihnen alles von Grund auf beibringen. Irgendwie war das wie beim Flüchtlingsunterricht. Aber Sie werden lachen: Mir wird der Tag auch ohne Chor und ohne Flüchtlinge immer noch zu kurz.

    Sie finden täglich neue Freude in Ihrem Leben.

    Mein Lebensmotto lautet: Nicht nachlassen, nicht aufgeben. Ich tu’ auch jetzt noch so, als ob ich alles könnte. Und ich lebe so, wie es mir eben Spaß macht.


    Gerald Winterleitner, 18.05.2017, 14:34 Uhr

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