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    "Neue Nervenzellen halten unser Gehirn bis ins Alter jung und frisch"

    "Neue Nervenzellen halten unser Gehirn bis ins Alter jung und frisch"

    ASPACH. Forscherin Elisabeth Uttenthaler erklärt, warum die Nervenneubildung so wichtig ist.

    Geistige Aktivität, soziale Kontakte und körperliche Bewegung lassen Nervenzellen sprießen – dadurch bleibt man fit bis ins hohe Alter. Die Aspacherin Elisabeth Uttenthaler spricht im Interview über ihre Doktorarbeit zum Thema "Adulte Neurogenese". Am Dienstag hielt sie dazu einen Vortrag im KiK Ried.

     

    Ihre Arbeit handelt von "adulter Neurogenese". Wie würden Sie das einem Zehnjährigen erklären?

    Im Gehirn gibt es zwei Regionen, wo sich ein Leben lang Stammzellen befinden. Aus diesen Stammzellen werden täglich neue Nervenzellen gebildet, das nennt man Neurogenese. Neue Nervenzellen benötigen wir, damit wir etwas Neues lernen können.

    Anfangs glaubten Forscher, das Gehirn könne keine neuen Nervenzellen bilden. Nun ist das anders...

    Früher war man dieser Überzeugung. Seit den 90er-Jahren ist aber bewiesen, dass es Stammzellen in zwei Regionen des Gehirns gibt: im Vorderhirn und im Hippocampus.

    Was erhoffen Sie sich von den Forschungen?

    Zum einen möchte man neue Anwendungen in der Therapie von Erkrankungen erforschen. Zum anderen wissen wir, dass die Neubildung von Nervenzellen im Hippocampus fürs Lernen und das Gedächtnis essenziell ist. Ohne neue Nervenzellen können wir uns zum Beispiel nicht an Details erinnern oder sehr ähnliche Situationen voneinander unterscheiden.

    Heißt: Je mehr Stammzellen, desto gescheiter der Mensch?

    Es gibt tatsächlich einen Zusammenhang zwischen der Lernleistung und der Neurogenese. Bei einer anspruchsvollen, geistigen Tätigkeit werden mehr Nervenzellen ins Netzwerk eingebaut, man lernt besser und kann sich besser erinnern. Fürs Lernen spielt auch die synaptische Plastizität eine Rolle. Das bedeutet, dass die Verbindungen zwischen Nervenzellen ständig auf-, ab- oder umgebaut werden. Je robuster das Netzwerk, desto besser und kreativer können wir Aufgaben lösen.

    Haben die Forschungen einen Einfluss auf die Bekämpfung von Demenz?

    Ja, das ist unsere große Hoffnung. Viele Labore arbeiten bereits daran, Moleküle zu identifizieren, die Neurogenese fördern. Zudem ist es wichtig jene Moleküle zu hemmen, die für die Neurodegeneration verantwortlich sind. Eine Früherkennung der Erkrankung ist notwendig, um dem Zellverlust entgegenwirken zu können.

    Wie ist das bei anderen Krankheiten?

    Zukünftige Anwendungen sehen wir etwa bei Alzheimer und Parkinson, bei Schlaganfällen, aber auch in der Behandlung psychiatrischer Erkrankungen wie Depression oder Schizophrenie.

    Wie lässt sich die Neurogenese verstärken?

    Unsere Gene stellen sicher, dass täglich genügend Nervenzellen gebildet werden. Ob diese jedoch genutzt und ins Netzwerk eingebaut werden, hängt ganz stark von unserer Lebensweise ab.

    Und von welcher Lebensweise sprechen wir hier?

    Sowohl geistige Aktivität als auch körperliche Bewegung sind förderlich. Stress hat einen negativen Einfluss auf den Hippocampus. Bei depressiven Kindern beispielsweise ist der Hippocampus verkleinert. Interessant ist aber, dass eine gute Beziehung zu den Eltern diesem Schwund zum Teil entgegenwirken kann. Das bedeutet, dass eine positive zwischenmenschliche Beziehung sich positiv auf die Regeneration des Gehirns auswirkt.

    Wie ist das im Alter?

    Im Alter nimmt die Fähigkeit zur Bildung neuer Nervenzellen ab. Dieser Rückgang geht mit einem funktionellen Gedächtnisverlust bei älteren Menschen einher. Es ist daher ratsam, auf körperliche und geistige Fitness zu achten und gute soziale Kontakte zu pflegen, damit die Bildung neuer Nervenzellen auch im Alter erhalten bleibt. Denn je stabiler und vernetzter das Netzwerk im Gehirn ist, desto besser kann man den Verlust von Zellen durch Krankheit und Alter verkraften. Es ist daher wichtig, die Selbstheilungskräfte des Gehirns rechtzeitig zu aktivieren, damit der Geist bis ins hohe Alter flexibel bleibt.

     

    Beschäftigung & Ausbildung: Alles zur Person

    Die 35-jährige Aspacherin wird ab Sommer ihre Forschung auf dem Gebiet der adulten Neurogenese in Salzburg fortsetzen.

    Darüber hinaus engagiert sie sich für die Initiativen „Lernwelt“ und „Akademie für Potentialentfaltung“.

    Studiert hat sie Biologie und Psychologie in Salzburg. Ihre Doktorarbeit hat Uttenthaler am Helmholtz Zentrum München/TU München geschrieben und 2016 abgeschlossen.

    Lisa Penz, 17.05.2018, 12:04 Uhr

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