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    "Ladies first", aber keine Frauenquote

    „Ladies first“, aber keine Frauenquote

    ANDORF. Andorfer Technology School fördert Initiative für mehr Frauen in der Technik – mit Erfolg!

    Richard Lechner, Pädagoge an der Andorfer Technology School, spricht im Interview über Geschlechterrollen, neue Schwerpunkte und Quotenregelung.

     

    OÖN: Warum ist eine Initiative wie „Ladies first“ in der heutigen Zeit überhaupt noch notwendig? Warum „trauen“ sich Ihrer Meinung nach – noch immer - nicht mehr Mädchen in die Technik bzw. besuchen eine HTL?

    Es sind noch immer bestimmte Rollenbilder in unseren Köpfen verankert! Mann macht dies, Frau macht das. Besonders deutlich wird dies bei den Top-Ten-Lehrberufen, wo Bürokauffrau, Friseurin und Einzelhandel trotz schlechter Bezahlung und widrigen Arbeitszeiten noch immer an vorderster Stelle liegen. 

    Deswegen unterstützen wir jede Initiative, die fördert, dass junge Menschen nicht aufgrund ihrer Geschlechterrolle eine Ausbildung wählen bzw. da hineingedrängt werden. Junge Menschen sollen sich aufgrund ihrer Fähigkeiten und Talente für eine Ausbildung entscheiden. „Ladies First“ dient dazu, den Mädchen zu zeigen, dass Technik keine Männerdomäne ist.  Die Initiative dient auch dazu, den Mädchen Mut zu machen, einen anderen Weg zu gehen als die Mutter, die Großmutter, die Freundin, die Schwester. Natürlich zeigen wir ihnen auch die guten Zukunftsperspektiven auf, die eine technische Ausbildung mit sich bringt. Um ererbte Rollenbilder durchbrechen zu können, sollte allerdings auch schon bedeutend früher angesetzt werden. So bemühen wir uns als Andorf Technology School nicht nur mit „Ladies First“ um ein Umdenken, sondern wir versuchen, auch bereits im Kindergarten und in der Volkschule Mädchen für Naturwissenschaften zu begeistern.

    OÖN: Mit einem Mädchenanteil von 15 Prozent ist die Andorf Technology School Spitzenreiter im Innviertel? Wie ist dies gelungen und was wird zukünftig diesbezüglich an Ihrer Schule unternommen?

    Wir haben es bereits in den ersten Jahren geschafft, einen hohen Mädchenanteil an der Andorf Technology School zu etablieren und konnten diesen in den Folgejahren noch ausbauen und auch halten. Hierfür sind die Mädchen, die bei uns ihre Ausbildung bereits absolviert haben oder noch in der Ausbildung stehen, hauptverantwortlich. Sie zeigen ihrer Umwelt, dass Mädchen in einer HTL oder technischen FS ihre Fähigkeiten bestmöglich entwickeln können und in der Berufswelt tolle Chancen haben. Absolventinnen der Andorf Technology School zählen an den oberösterreichischen FHs und Unis auch zu den Vorzeigestudentinnen und das macht den Mädchen auch Mut, eine technische Ausbildung zu beginnen.

    Sicherlich haben uns auch die Fachrichtungen geholfen, die eine gute Mischung von Maschinenbau und Chemie und eine extrem breite Ausbildung bieten. Die HTL für Kunststoff- und Umwelttechnik und die FS für Werkzeug- und Vorrichtungsbau sowie für Kunststoffe sprechen von der Fächerkombination her Mädchen an. Die neue Fachrichtung Produktdesign mit der Kombination von Kreativität und technischem Know-how, die wir ab dem Schuljahr 2018/19 beginnen werden, soll helfen, den Zustrom der Mädchen noch zu vergrößern. Ein weiterer Grund ist sicherlich auch, dass wir seit Bestehen der Schule intensiv daran arbeiten, Mädchen für die Technik zu begeistern. Die Initiative Ladies First gibt es mittlerweile ja schon über zehn Jahre und somit sind bereits über 2000 Mädchen mit Naturwissenschaften und Technik zumindest einen halben Tag lang in Berührung gebracht worden.

    OÖN: Viele Mädchen schreckt ab, dass die naturwissenschaftlichen Fächer an der HTL einen so hohen Stellenwert haben. Muss man wirklich ein Mathe-Genie sein, um die Schule zu bewältigen?

    Es hilft natürlich, wenn man in Mathematik und Physik gute Noten hat, aber man muss kein Mathe-Genie bzw. überhaupt kein Genie sein. Geringeres Talent kann, wie überall, durch vermehrten Fleiß und Interesse ausgeglichen werden. Kein Fußballprofi spielt sensationell, weil er so viel Talent hat. Auch stimmt die landläufige Meinung schon gar nicht, dass Mädchen in den Naturwissenschaften per se schlechter sind als Jungen. Das Interesse an den naturwissenschaftlichen bzw. den MINT-Fächern und der Willen und das Interesse, etwas Neues zu lernen, ist eine gute Basis für eine erfolgreiche HTL-Laufbahn.

    OÖN: Wie ist die Idee entstanden, ab dem Schuljahr 2018/19 den Schwerpunkt Produktdesign in Andorf anzubieten?

    In technischen Ausbildungen haben die Richtigkeit der Konstruktion und die Dimensionierung von Bauteilen logischerweise einen hohen Stellenwert und ist wichtiger als das gestalterische Element. Gerade bei Kunststoffbauteilen, die eine eher freie Formgebung ermöglichen, werden aber häufig in der Gestaltung Fehler gemacht, die in der Produktion dann auch Probleme bereiten. Hier ist die Idee entstanden eine Ausbildung anzubieten, die eben Design und Technik verbindet und vermeiden hilft, dass nicht fertigungsgerechtes Design entsteht. So bietet gerade diese Ausbildung eine Möglichkeit, eben Kreativität mit Technik zu verbinden, ohne dabei aber auf die technische Grundausbildung, die für Betriebe und die Berufsausbildung wichtig ist, verzichten zu müssen.

    OÖN: Wie hoch ist die „Ausfallquote“ an Ihrer Schule bzw. wie viele Schüler, beenden vor dem Abschluss ihre HTL-Laufbahn vorzeitig?

    Die Ausfallquote an der Andorf Technology School liegt zwischen 15 bis 17 Prozent, wobei wir hier unter Dropout jene Schüler verstehen, die die Schule verlassen. Jene Schüler, die eine HTL-Ausbildung abbrechen, sind allerdings aufgrund ihrer technischen Vorbildung begehrte Arbeitskräfte und machen nicht selten in Betrieben eine erfolgreiche und auch verkürzte, technische Lehrausbildung und gehen somit dem Technikbereich Gott sei Dank nicht verloren. Als positiv hat sich auch herausgestellt, dass ein Übertritt zwischen Fachschule und HTL innerhalb des ersten Semesters möglich ist. Somit können Schüler entsprechend ihrem Vorwissen starten und dann gegebenenfalls leistungsentsprechend umsteigen.

     OÖN: Werden Mädchen bei der Bewerbung für einen HTL-Schulplatz in Andorf bevorzugt, um den Mädchenanteil zu erhöhen oder kommt es rein auf die Noten im Abschlusszeugnis an?

    Anders als bei politischen Ämtern gibt es bei der Schulaufnahme keine „Quote“ und die Andorf Technology School kann Mädchen in der Zuteilung eines Schulplatzes nicht bevorzugen. Eine „Quote“ ist auch nicht in unserem Sinn. Wir stehen für Chancengleichheit bei Mädchen und Burschen. Und sollten die Plätze eng werden, dann muss jener Jugendliche zum Zug kommen, der mit den besseren Noten zu uns kommt. In der Reihung der Anmeldungen wird allerdings die mathematische Vorbildung schon hinterfragt und der oberösterreichweite HTL-Beurteilungsschlüssel Mathematik-Note x 2 plus Englisch- plus Deutsch-Note angelegt. Das heißt, ein gutes Semesterzeugnis, das in erster Linie für die Anmeldung und die vorläufige Zuteilung eines Schulplatzes relevant ist, ist hier von Vorteil.

    OÖN: In welchen Branchen sind die Andorfer HTL-Schüler zurzeit besonders gefragt?

    Abgänger der Andorf Technology School finden sich aufgrund der breiten Ausbildung in allen Bereichen: Maschinenbau, Chemie, Kunststofftechnik und Umwelttechnik. Das ist auch das grundlegend Positive einer breiten Grundlagenausbildung, dass sich die Schüler erst nach der HTL für eine vertiefende Spezialisierung entscheiden müssen. So können sich unsere Absolventen nach Abschluss der HTL entsprechend ihren Interessen entscheiden und finden im konstruktiven Bereich genauso Aufgabenbereiche wie im Labor. Und das Aufgabengebiet ist auch nicht auf die Kunststoffbranche eingegrenzt, da ein Kunststofftechniker in der Ausbildung alle Werkstoffe, wie Holz, Metall, Keramik und natürlich Kunststoffe, theoretisch wie praktisch in Verwendung hat. So zählen Schwarzmüller, die Zahnradfabrik Passau und Pöttinger genauso zu den Arbeitgebern wie etwa FACC, PC Electric oder Peak Techology.

    Die FS-Absolventen haben in der Produktion und in der Arbeitsvorbereitung genauso Aufgabenbereiche wie in der Qualitätssicherung. Und auch hier finden wir die Abgänger von der Kunststoffbranche bis hin zur metallverarbeitenden Industrie.

    Bianka Eichinger, 11.01.2018, 12:06 Uhr

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