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    "Ganz klar, Frauen können sich wehren"

    EGGELSBERG. Selbstverteidigung: Nicht auf den Körperbau, sondern auf die richtige Technik kommt es an – Marina Mayrböck und Alexandra Seidl haben das "Schlag-zu"-Experiment gewagt.

    Wenn Frauen hauen, tut das sch***weh

    von Marina Mayrböck

    Dieses mulmige Gefühl, nachts alleine auf dem Heimweg. Oder nach der Abendveranstaltung auf dem Weg zum Auto, das abseits steht, weil wieder kein freier Parkplatz in der Nähe war. Beim Joggen, wo nach obszönen Anrufen auf einmal die fade Angst mitläuft. Die Schritte werden schneller, die Musik im Ohr leiser, der Puls schlägt höher. Was wenn? Für Josef Lutsch gibt es nur eine Antwort: Nicht fackeln. Wehren, wehren, wehren. 

    "Eure Stirn, Ellbogen und Knie habt ihr immer dabei", sagt Lutsch, der schon tausende Mädchen und Frauen gelehrt hat, wie sie sich wehren können.

    Im Ernstfall möge ich mich bitte an Josefs Worte erinnern: "Dua eam weh!!!" - Marina Mayrböck, Redakteurin

     

    Selbstverteidigung ist watschneinfach, meint Josef Lutsch. Hauen ist vor allem eines: ungewohnt. Der schlimmste Gegner, den es schlagartig auszuknocken gilt, ist der eigene Anstand, der Zuschlagen widerwärtig findet. Entsprechend zaghaft und sanft sind die ersten Attacken. Keine der fürsorglichen Frauenrunde will hier jemandem wehtun. Und sollte der Kick auf Oberschenkel versehentlich nach Frauengeschmack zu hart ausfallen, wird sich umgehend entschuldigt. Wie wir es gelernt haben und wie wir es unsere Kinder lehren. Hauen darf man nicht, dudu...

    Killerinstinkt und Mördertreffer

    Josef Lutsch ist Polizist bei der Stadtpolizei Salzburg. Er hat viel gesehen. Vielleicht sind es seine Erzählungen, die uns allmählich böse werden lassen. Von Mal zu Mal sind wir weniger zimperlich. Spätestens nach der dritten Einheit tut’s richtig weh. "Da kommt er, der Killerinstinkt. Da sind schon Mördertreffer dabei, ohne Polster möchte ich keinen Schlag von euch", lobt der Trainer. Killerinstinkt klingt brutal, aber im Ernstfall muss es kurz und schmerzvoll sein. Denn Selbstverteidigung ist unglaublich anstrengend. Deswegen: nicht überlegen, marschieren, durchziehen, bevor die Puste ausgeht. "Denkt immer daran: IHR wollt gesund nach Haus gehen", ermutigt uns Josef.

    Die Geheimwaffen einer Frau

    Er hat uns Techniken gezeigt, wozu eine Frau nicht mehr als die von Gott gegebenen Muckis braucht. Ich werde diese Geheimwaffen nicht ausplaudern, nur so viel: Der Ellbogen ist ungemein schnell und zieht. Manchmal braucht es sogar nur den Zeigefinger, um das Augenwasserl rauszutreiben. Josef Lutsch hat uns stark gemacht, auch mental – wie Sie vielleicht an meiner Sprache bemerkt haben…

     

    Tatort: die Turnhalle - Opfer: der Fiesling

    Von Alexandra Seidl

    Der Täter: groß, schwarz gekleidet und bis zur Unkenntlichkeit vermummt. Mein mulmiges Gefühl wechselt schlagartig um in Panik, als er auf mich losgeht. "Wehre dich!" befehle ich mir selber – das Gelernte aus sechs Abenden Kurs scheint völlig verschwunden zu sein. Ich trete, schlage, stoße – und habe das Gefühl, die Kontrolle wieder etwas zurück zu gewinnen.

    "Wer sich nicht wehrt, ist automatisch ein Opfer!" Die Kurs-Abende vorher: Josef erklärt Handgelenksbefreiungen, er zeigt uns Schlagtechniken, wir lernen, wie man Würgeangriffe abwehrt und "wo’s wirklich weh tut". Ein Abend Theorie gehört auch dazu, es geht um die rechtlichen Situation, was ist Notwehr, welche Täter gibt es und wie gehen diese vor, wie geht es weiter nach einem Übergriff bei der Polizei und bei Gericht.

    Wehren ist erlaubt

    Dazwischen erzählt er uns immer wieder von Situationen aus seinem Alltag als Polizist. Sein wichtigster Punkt: "Sich wehren ist erlaubt!" Und das ist tatsächlich das Schwierigste: absichtlich zuzuschlagen. Seit meiner Kindheit wurde ich erfolgreich darauf trainiert, ja niemanden weh zu tun. Josefs Aufforderung "schlag zu" kostet Überwindung. Aber jedes Mal geht es leichter. Mit seinem unnachahmlichen Grinsen fordert er uns an unsere Grenzen und zwingt uns, diese zu überschreiten. Sich wehren – mit Händen, Füßen, Worten, laut und deutlich. Sich wehren – gegen Belästigungen, Demütigungen, Ungerechtigkeiten, Beleidigungen. Sich wehren – gegen Unbekannte und Bekannte, Nachbarn, Kollegen, Vorgesetzte. "Hätte ich doch …!" Wer sich wehrt und verliert, weiß, dass er alles getan hat und muss sich keine Vorwürfe machen.

    "Erschreckend ist, dass ich fähig bin, einen Menschen zu verprügeln." - Alexandra Seidl, freie Mitarbeiterin der Braunauer Warte

    Nicht ruhm-, aber erfolgreich

    Am letzten Kursabend stellt sich Josef zum Abschluss als "Täter" zur Verfügung, gegen den wir echt kämpfen müssen – und beweist dabei wahre Nehmerqualitäten! Nach ein paar Minuten ist mein Abschlusskampf vorbei – der "Angreifer" liegt am Boden. Ich stehe schweißgebadet daneben. Ruhmreich war er nicht, mein Kampf, aber wirkungsvoll. Erschreckend war das Gefühl, angegriffen zu werden. Für mich aber war die Erkenntnis, dass ich fähig bin, einen Menschen zu verprügeln, fast noch erschreckender.

     

    Der Mann, der Frauen das Hauen lehrt

    Josef Lutsch (54) aus Eggelsberg ist seit 34 Jahren Polizist, mit 25 begann er mit Taekwondo. Seit Jahren ist er hauptsächlich in Schulen unterwegs, um den Mädchen zu zeigen, wie sie sich in einer Notsituation wehren können.

    Warum lässt du dich in deiner Freizeit verhauen?

    Diese Frage habe ich mir auch schon oft gestellt (lacht). Ich sehe den Sinn dahinter. Ob Sexualdelikt oder etwas anderes: Frauen sollen sich unbedingt wehren. Wenn nicht, sind sie Opfer. Unweigerlich. Manche meinen, sie seien schon zu alt für den Kurs – unter den Opfern gibt es keine Altersgrenze.

    Viele fragen sich, ob eine Frau gegen einen Mann überhaupt eine Chance hat.

    Auf alle Fälle! Man muss es sich nur zutrauen und die richtigen Techniken kennen. Die könnte man sich auch selber beibringen, im Prinzip ist das alles nur nur Biologie und Physik. Also definitiv ja, Frauen können sich wehren.

    Du hast viele trainiert. Gab es schon positive Rückmeldungen?

    Mein Team von der Polizei und ich bekommen laufend Rückmeldungen von Kursteilnehmerinnen. Dass sie sich wehren konnten, oder dass sie von vornherein schon gar kein Opfer gewesen sind, weil sie sich schon ganz anders, nämlich selbstbewusster, verhalten haben.

    Marina Mayrböck und Alexandra Seidl, 19.05.2017, 18:19 Uhr

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