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    Glasplatten-Unfall: "Die Konstruktion war wie eine tickende Zeitbombe"

    Glasplatten-Unfall: "Die Konstruktion war wie eine tickende Zeitbombe"

    LINZ. Sachverständiger belastete den angeklagten Firmenchef schwer – Der Prozess wurde vertagt.

    Adalbert F. (54) geht alles sichtlich nahe. "Ich möchte den Betroffenen mein tiefstes Bedauern ausdrücken", sagte er gestern im Landesgericht Linz, wo er sich wegen grob fahrlässiger Körperverletzung verantworten musste. Zwei Frauen waren im Februar 2016 in der PlusCity Pasching bei einem Unfall mit Glastüren schwer verletzt worden (die OÖN haben mehrfach berichtet). Der Angeklagte ist Geschäftsführer der niederösterreichischen Firma, die die Türen eingebaut hatte.

    Nach fünf Stunden vertagte Richterin Andrea Haidvogl den Prozess auf 6. Februar. Dann wird der Statik-Experte einvernommen, der dem Beschuldigten nach eigenen Angaben das "Okay" für den Einbau des Portals gegeben haben soll. Mit dem Argument, dass ein vorher bestehendes ähnliches Portal "schon funktioniert" habe. Deshalb könne das neue wieder so gebaut werden – obwohl es deutlich größere Dimensionen aufwies.

    Bis zum kritischen Punkt

    Doch laut dem Gerichtssachverständigen Wolfgang Stundner war die aus Sonderglas gefertigte neue Konstruktion eine "tickende Zeitbombe". Unter Missachtung der Ö-Norm seien an den Rändern der Oberkante der tonnenschweren Glasplatte Lochungen gefräst worden. Offenbar hoffte man, so das enorme Gewicht besser ableiten zu können. Doch das Gegenteil war der Fall: "Durch die Lochbohrungen wurde die Glaskonstruktion massiv geschwächt", führte der Sachverständige aus.

    Eingebaut im Februar 2012, hielt sie dem enormen Druck vier Jahre stand – bis der kritische Punkt erreicht war. Als die stellvertretende Filialleiterin Aldina Z. am 16. Februar 2016 gemeinsam mit der Reinigungskraft Dorica P. das Portal der Firma "Interio" öffnen wollte, genügte ein "hartes Plastikteil", um die Führungsschiene knapp über dem Boden zu blockieren. Was dann geschah, schilderte Dorica P. mit Hilfe des Gerichtsdolmetschers: "Wir haben an der Tür geschoben, auf einmal gab’s ein knirschendes Geräusch." Das Glas habe sich grau verfärbt, eine Wolke aus Splittern sei heruntergekommen. "Wir haben uns noch angeschaut, dann ist Aldina ins Innere geflüchtet, ich auf den Flur." Während sie selbst von Splittern am Arm verletzt wurde, löste sich ein 1,2 Tonnen schwerer Seitenflügel von dem Stahlband, mit dem er am Hauptportal befestigt war, und begrub Aldina Z. unter sich. Die schwangere Frau schwebte in Lebensgefahr. Ende Mai brachte sie aber ein gesundes Mädchen zur Welt. Nach wie vor leidet sie an den Spätfolgen des Unfalls: einer Sehschwäche und unerträglichen Kopfschmerzen.

    Auf der Anklagebank fährt sich Adalbert F. immer wieder mit den Händen über das Gesicht, spricht davon, dass ihm "noch nie vorher" ein Unfall passiert sei und wie froh er gewesen sei, "dass das Kind gesund zur Welt kam". Vor allem eines steht für ihn fest: "Ich würde im Nachhinein ablehnen, so eine Anlage wieder zu errichten." Schuldig sei er aber nicht.

    Alfons Krieglsteiner, 13.01.2018, 00:04 Uhr

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