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    Wie erklärt man Kanadiern das Eierpecken?

    ENGELHARTSZELL. Sweet Home Engelhartszell: Seit Anfang April können Touristen aus Amerika und Kanada neben Stift und Mini-Donau auch Privathäuser besuchen. Wir waren am Ostersonntag dabei.
    • Sweet Home Engelhartszell: Seit Anfang April können Touristen aus Amerika und Kanada neben Stift und Mini-Donau auch Privathäuser besuchen.
    • Reportage: Wir waren am Ostersonntag bei der Führung mit dabei.

    Reportage

    Ein Ostersonntag in Engelhartszell unterscheidet sich schätzungsweise nicht wirklich von dem anderer Gemeinden. Mehr oder weniger kleine Kinder – ja ich meine dich, Papa – suchen im Garten nach ihren Osternestern, während Mütter den Osterbrunch vorbereiten und hoffen, dass nicht noch Eier vom Vorjahr auftauchen. Das Ortszentrum selbst ist um 9 Uhr noch genauso verschlafen wie seine Einwohner, einzig das Blöken der grasenden Schafe und das Läuten der aus Rom zurückgekehrten Glocken lassen Leben vermuten. In diesem Jahr mischen sich unter die wenigen wachen Kirchgeher, die die Ostermette aufsuchen, aber auch noch fremde Stimmen: so legt seit Anfang April jeden Freitag und Sonntag das Kreuzfahrtschiff des amerikanischen Reiseveranstalters Tauck in Engelhartszell an – und mit ihm bis zu 130 Gäste aus Übersee, die aufs Land strömen, um an privaten Hausführungen teilzunehmen. 

    Das Juwel des Donautals

    Die Idee dafür kam vom ausländischen Veranstalter selbst, wie die Vorsitzende des Tourismusvereins Engelhartszell Karin Wundsam erklärt: „Im Sommer 2015 hat mich der Produktmanager von Tauck kontaktiert, nachdem er über unsere Homepage gestolpert ist. Er meinte, dass er für seine Gäste einmal etwas Anderes suchen würde, weil diese ohnehin schon alle Kirchen und Dome der Welt gesehen haben und lieber Land und Leute kennenlernen wollen.“

    „Mir hat diese Idee spontan gefallen, ich musste aber natürlich zuerst schauen, ob ich genug Häuser im Ort finde, die bereit sind mitzumachen“, ergänzt Wundsam. Zwölf Hausbesitzer hat sie schließlich dafür begeistern können; sie werden – gegen eine kleine Aufwandsentschädigung –  bis November jedes Wochenende ihre Türen öffnen, um den Touristen, die unter anderem aus Amerika, Kanada und Australien kommen, zu zeigen, wie man in Österreich lebt.

    Hereinspaziert!  

    Ich habe eine der Hausbesitzerinnen, Doris Wundsam-Maislinger, gefragt, ob ich bei ihrer Führung dabei sein darf und geselle mich daher am Ostersonntag in ihr altes Elternhaus, das früher als Hufschmiede, jetzt als Pension betrieben wird. Bei einer kurzen Vorstellgruppe erfahren wir, dass die heutige Reisegruppe großteils aus Kanadiern besteht. So sind sowohl das Ehepaar Dave und Juanita als auch die Freundinnen Margret und Mary aus der Provinz Ontario, nur Verkaufsmanagerin Lora kommt aus Amerika.

    Wundsam-Maislingers 25-jährige Tochter Teresa übernimmt die Hausführung, da sie Englisch studiert hat und mit den Gästen besser kommunizieren kann. Sie erzählt den Gästen von der Geschichte der Hufschmiede, die in das 16. Jahrhundert zurückgeht, und den vielen Familiengenerationen, die hier schon gelebt haben. Dave erklärt uns, dass sie diese Geschichtsträchtigkeit von daheim gar nicht gewöhnt sind, da in Kanada schon alles über 100 Jahre als alt gilt. Bei unserem anschließenden Rundgang durch die Gästezimmer der Pension kommen die Kreuzfahrtbesucher nicht aus dem Staunen heraus und wir hören ein „Oh my God“ nach dem anderen. Besonders die urige Einrichtung und die liebevollen Details begeistern die Touristen. Während Juanita am liebsten hierbleiben möchte, gibt Lora zu, dass es ihr aber doch zu abgeschieden und still hier wäre.

    Was ist Eierpecken?

    Zum Programm gehört neben der Hausführung auch eine kleine Stärkung, bestehend aus selbstgemachtem Hollersaft und selbstgefärbten Ostereiern, die im Frühstücksraum bereit steht. Obwohl sowohl die Kanadier als auch die Amerikanerin Ostereierfärben kennen, ist ihnen das Brauch des Eierpecken ganz neu – was für uns wiederum sehr amüsant zu beobachten ist. Teresa und ich zeigen das Prozedere einmal vor, wobei meine Begeisterung über das unversehrte Ei wohl nur von den anwesenden Innviertlern verstanden wurde. Margret und Dave probieren es auch gleich bereitwillig aus, wobei Dave netterweise feststellt, dass das Ei so wenigstens leichter zu schälen wäre. Wir interpretieren das als Kompliment.

    Konfliktthema Trump

    Am Tag des Türkei-Referendums kommt auch eine andere Ja- oder Nein-Frage auf. So ist besonders Lora aus North Carolina sehr daran interessiert, was wir hier in Österreich von Trump halten. Nachdem Politik aber immer eine Gefahr birgt, die gute Stimmung anzukratzen, versuchen wir uns zurückzuhalten und lassen die Touristen miteinander diskutieren. Dave etwa ist ein Befürworter Trumps, da er findet, dass ein Geschäftsmann ein Land regieren sollte. „Ich habe die Politiker schon so satt, sei es in Kanada oder in Amerika. Man sollte Trump eine Chance geben.“ Die vier Frauen widersprechen ihm, sie sehen Trumps Ansichten als zu radikal an. Wir wechseln lieber das Thema zu etwas Unverfänglicherem, dem Wetter. Sie erzählen uns, dass bei ihnen noch alles verschneit ist und von Frühling nicht viel zu merken ist.

    Dann ist die Stunde auch schon wieder vorbei und es heißt „bye“. Der Abschied fällt sehr herzlich aus, alle fünf bedanken sich sehr herzlich bei den Gastgeberinnen, auch ich bekomme eine Umarmung. Juanita und Dave laden uns schließlich sogar ein, bei einem Kanadabesuch unbedingt in Ontario vorbeizukommen. Uns fällt leider erst im Nachhinein ein, dass wir vergessen haben, Adressen auszutauschen. Das bedeutet wohl auf gut Glück an jede Tür klopfen, die Provinz im Südosten Kanadas hat mit ihren 13 Millionen ja nur unwesentlich mehr Einwohner als Engelhartszell…

     

    Nachgefragt

    Bitte, ehrlich: Wie hat Ihnen der Besuch gefallen?

     

    Dave: “Loved it! Danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben, uns alles zu zeigen. Für uns in Kanada ist ein Gebäude, das älter ist als 100 Jahre, schon etwas Besonderes, das hier übertrifft das dann doch noch um einiges.“

    Juanita: “My heart is warmed! Die Atmosphäre in diesem Haus ist wirklich ganz positiv, das kann man fühlen. Sollten Sie jemals in Ontario sein, klopfen Sie einfach an – wir haben dann sicher auch ein Gästebett für Sie.“

    Lora: “Just wonderful, dankeschön! Ich war schon öfter in Österreich und bin immer wieder gerne hier, auch weil ich fünf Jahre Deutsch gelernt habe. Wo bekomme ich so ein Dirndl?“

     

    Umfrage: Warum haben Sie sich dafür entschieden, Ihr Haus herzuzeigen und was sind Ihre ersten Erfahrungen mit den Besuchern?

    Brigitte Hackner:  Ich kenne es von eigenen Reisen, dass man irgendwann keine Kirchen und Museen mehr sehen kann und finde es daher eine schöne Möglichkeit, jemandem am echten Leben teilhaben zu lassen. Außerdem ist es für mich perfekt, um meine Sprachkenntnisse zu erweitern. Mit den Touristen backe ich gemeinsam unter dem Motto „How to make a Flesserl“ und merke, dass sie große Freude dabei haben und diese Authentizität zu schätzen wissen. Umgekehrt schätze ich ihre Offenheit für fremde Menschen und Kulturen sowie ihre Begeisterungsfähigkeit.

     

    Susanne Haderer: Mein Mann und ich haben ein sehr altes Haus, in das wir viel Liebe gesteckt haben, darum zeigen wir es gerne her. Bis jetzt war die Reaktion der Amerikaner nur positiv! Ihnen hat vor allem die Stille gefallen, die wir am Land haben, da viele von ihnen doch aus Großstädten wie New York oder Boston kommen. Sie sind außerdem sehr offen, unkompliziert und leicht zu begeistern. Wir haben mit ihnen typische Sachen gemacht, wie am Nagelstock genagelt oder Ostereierpecken. Das war ganz neu für sie und amüsant zu beobachten.

     

    Doris Wundsam-Maislinger: Wenn ich selber auf Urlaub bin, würde ich am liebsten auch immer in jedes Haus schauen, weil ich so neugierig bin. Darum lasse ich die Touristen gerne herein – viele läuten sowieso einfach, weil ihnen die Hufschmiede von außen schon so gefällt. Die Kanadier waren sehr freundlich und offen, nur am Anfang vielleicht noch etwas schüchtern. Sie haben sich auch über alles begeistern können, von der Inneneinrichtung über das Eierpecken bis hin zu mir und meinem Dirndl.

     

    3 Fragen an

    3 Fragen an… Karin Wundsam

    Zwei Jahre hat die Vorsitzende des Tourismusverbands Engelhartszell in die Planung des Besuchs aus Übersee gesteckt. Ihr Ziel: Ein Gefühl für Land und Leute zu vermitteln.
     

    1. Wie schaut die Planung für ein solches Projekt aus und was waren die größten Herausforderungen, mit denen Sie konfrontiert waren?

      Die größte Herausforderung war, überhaupt Häuser zu finden, die mitmachen. Da habe ich einfach überlegt, wer offen ist und den Umgang mit Touristen schon gewohnt, wie etwa Privatvermieter. Eine zweite Baustelle war die logistische Abwicklung: wie teile ich die Gruppen ein, wie viele Busse brauche ich dafür, was mache ich mit älteren Personen, die nicht mehr so weit gehen können, etc. Und dann habe ich natürlich noch professionelle Guides für die Führungen in der Mini-Donau und das Stift Engelszell gebraucht, die im Anschluss stattfinden.
    2. Wie läuft eine solche private Hausführung schließlich ab und was dürfen die Kreuzfahrtbesucher erwarten?

      Die Tour beginnt immer um kurz nach 9 und dauert etwa eine Stunde. Die Schiffsgäste werden direkt bei der Anlegestelle von österreichischen Guides abgeholt und gemeinsam mit einem Verantwortlichen des Reiseveranstalters zu den Privathäusern gebracht. Das passiert entweder per Bus oder sie gehen zu Fuß, wenn es in der Nähe ist. Und dann entscheiden eigentlich die Hausbesitzer selbst, was sie herzeigen und erzählen wollen: den Garten, Haustiere, bestimmte Bräuche, etc. Das Wichtigste ist, dass man sich gemütlich mit ihnen hinsetzt und redet. Sie sind ohnehin sehr interessiert und stellen viele Fragen. Im Anschluss werden sie wieder von einem Guide abgeholt und in das Stift und die Mini-Donau geführt.
    3. Inwiefern profitieren der Tourismus und die Wirtschaft in Engelhartszell von diesem neuen Angebot?

      Man kann grundsätzlich sagen, dass das Geschäft mit den Kreuzfahrtschiffen für Engelhartszell profitabel geworden ist. So legen auch Schiffe anderer Anbieter bei uns an. Mittlerweile sind die Anfragen so viel geworden, dass wir kürzlich unsere Anlagestellen aufstocken mussten und jetzt vier haben. Das sind nach Linz die meisten in Oberösterreich. Und natürlich merkt das auch der Handel, vom Lebensmittelgeschäft über das Kaffeehaus bis hin zur Trafik. Selbst beim Friseur rufen die Mitarbeiter an und machen sich Termine aus. Im Rahmen der geführten Touren kommen die Besucher außerdem ins Stift oder in die Mini-Donau, wo Eintrittsgelder kassiert werden. 

    Diana Weidlinger, 19.04.2017, 19:01 Uhr

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