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    Fake News: Angriff auf die Wahrheit

    „Fake News“ verbreiten sich im Internet wie ein Lauffeuer. Sie sind kaum einzudämmen und nur sehr schwer wieder richtigzustellen. Was sind Fake News und wie kann man die Verbreitung beeinflussen?

    Fake News...

    ...als Begriff zur Diskreditierung von Journalisten

    Der Begriff Fake News scheint „sauberer“ und weniger ideologisch behaftet zu sein als die Bezeichnung „Lügenpresse“. Er wird unter anderem von Politikern verwendet, die bei unliebsamer Berichterstattung der Glaubwürdigkeit von klassischen Medien schaden wollen.

    Beispiele: US-Präsident Donald Trump auf Twitter: „The FAKE NEWS media (failing @nytimes, @NBCNews, @ABC, @CBS, @CNN) is not my enemy, it is the enemy of the American People.”

    ÖVP-Innenminister Wolfgang Sobotka über die Berichterstattung des „Falter“ zur „Pröll-Stiftung“: „Es ist nichts anderes als Fake News vom ,Falter‘“, welcher seit 2009 versuche, „in Form von Dirty Campaigning anzupatzen“. Bei der Pröll-Stiftung – deren Auflösung in der Zwischenzeit beschlossen wurde – handle es sich um eine gemeinnützige Stiftung. Jede Förderung werde überprüft.

    ... als gewinnbringendes Mittel, Verbreitung aus ökonomischen Gründen

    Viele Unternehmen und Onlinekollektive versuchen aus Fake News Gewinne zu erzielen. Sie wollen möglichst viele Klicks ergattern, Daten sammeln oder User in eine Abofalle treiben. Sie suchen nach Trends, um schnelles Geld zu verdienen. Menschen werden mit attraktiven Themen auf Webseiten gezogen, was wiederum Klicks und mehr Einnahmen bringt.

    Beispiele: Stefan Raab hat Selbstmord begangen. Diese Fake-Meldung stammte nur scheinbar von Prosieben. Darauf hat Mimikama aufmerksam gemacht. Klicke ein User den Link mit der Nachricht über Raab an, werde er in eine Falle geführt. Der Beitrag sei nur Aufhänger, um an private Nutzerdaten zu kommen, die in Folge vermutlich für Spam-Nachrichten verkauft würden. Prosieben hatte nichts damit zu tun.

    ... als Instrument zur politischen Einflussnahme

    Fake News werden eingesetzt, um die Stimmung in einem Land zu beeinflussen. Sie können dafür genutzt werden, die Bevölkerung zu verunsichern (Kriminalität, Migration, etc.), politische Mitbewerber zu diskreditieren, Wahlen zu beeinflussen oder politische Entscheidungen zu legitimieren.

    Beispiele: Die russische Webseite Sputnik hat vor der französischen Präsidentschaftswahl berichtet, dass der damalige Kandidat und heutige Staatschef Emmanuel Macron heimlich schwul sein soll. Die innenpolitische Debatte hat sich einige Tage um diese Frage gedreht. Auch unterstellte Sputnik Macron, ein US-Spion zu sein. Auf den Seiten Reddit und 4chan wurde die Fake-Nachricht verbreitet, wonach die damalige US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton in einen Kinderpornoring verwickelt sei, der in einem Pizzeriakeller agiere.

    ... als reine Gerüchteküche

    Fake News treten zwar auch am Stammtisch auf, verschoben aber ihren Erscheinungsschwerpunkt auf die sozialen Medien: Gerüchte verbreiten sich über digitale Mundpropaganda. Die „Filterblase“, die das Universum des Users bestätigt, begünstigt den Erfolg von Gerüchten.

    Beispiele: Das Gerücht, dass Asylsuchende Handys geschenkt bekommen, hielt sich sehr lange und war auch noch 2016 im Bundespräsidentschaftswahlkampf präsent. Eine Facebook-Gruppe warf der Caritas vor, teure Handys für Asylwerber zu kaufen, ähnliche Beschuldigungen trafen auch die Firma Hartlauer. Beide widerlegten.

    Ein Facebook-User berichtete von Flüchtlingen, die in Wien Billa- und Hofer-Filialen gestürmt haben sollen. FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache teilte diese Meldung, Hofer und Billa dementierten, Strache löschte den Post, der – laut Screenshot des „Standard“ – bereits über 5000 Mal geteilt und über 6000 Mal gelikt wurde.

    Auch Satire kann falsch verstanden werden

    Die selbsternannte Fantasie- und Satire-Seite namens WTOE 5 News hat die Nachricht zuerst veröffentlicht: „Papst Franziskus schockt die Welt. Er unterstützt Donald Trump als Präsident.“ Die Meldung wurde von der umstrittenen Fake-News-Seite „Ending the Fed“ übernommen und laut Buzzfeed zu einer der erfolgreichsten Fake-Nachrichten im Jahr 2016.

    Die britische Zeitung „The Guardian“ fiel auf eine Meldung der Satire-Seite „Die Tagespresse“ herein. In einer Geschichte über die von Sebastian Kurz angekündigte politische Bewegung berichtete das Blatt von einem Brief, welchen die „Tagespresse“-Autoren natürlich frei erfunden hatten. Sie schrieben, dass der designierte ÖVP-Chef in einem Brief an Google um „das Recht auf Vergessen“ gebeten habe. „Er wollte alle Spuren, die ihn mit dem Geil-o-Mobil aus dem Wien-Wahlkampf 2010 in Verbindung bringen, löschen lassen“, heißt es in dem Satire-Artikel. Der Antrag von Kurz sei mit „xxx hugs & kisses Outside minister Sebi“ unterzeichnet worden. Auch diesen Teil des Textes hat der „Guardian“ übernommen.
     

    Fake News - Fragen und Antworten

    • Was sind Fake News?

      Fake News sind bewusst gefälschte Nachrichten. Dabei handelt es sich nicht um Recherchefehler, sondern um gesteuerte Fehlinformation. Hintergrund können politische Interessen (etwa, um Wahlen zu beeinflussen) oder auch eine ökonomische Agenda (je mehr Klicks man ergattert, desto mehr Geld fließt) sein.
    • Kann man die Verbreitung beeinflussen?

      Im Onlinezeitalter ist es deutlich leichter geworden, Fake News zu verbreiten. Vor allem die sogenannten sozialen Medien wie Facebook oder Twitter werden dazu genutzt. Je mehr Klicks eine Nachricht hat, desto stärker wird ihre Relevanz bewertet, was zum Beispiel auf Facebook mit noch mehr Reichweite belohnt wird. Dies kann mit Fake-Profilen beeinflusst werden, welche käuflich und auch automatisch steuerbar sind.
    • Wie kann ich sie erkennen?

      Fake News können gut getarnt sein. Am besten ist es daher, zuerst die Quellenangaben zu überprüfen. Auch kann der Tenor auf einer Webseite Aufschluss über die Seriosität oder Absicht des Verfassers einer Nachricht geben. Außerdem rentiert es sich immer, das Impressum zu lesen.
    • Sind Fake News ein neues Phänomen?

      Eigentlich nicht. Seit jeher gibt es gesteuerte Nachrichten, Kriegshetze und Propaganda. Die klassischen Stammtischgespräche gab es schon immer, ebenso wie Mundpropaganda, Flugblätter oder von Parteien gesteuerte Medien. Neu ist, dass Fake-News-Produzenten die Logiken der sogenannten sozialen Medien nutzen und sich ihre Beiträge leichter verbreiten lassen.
    • Wie entstehen sie?

      Im Grunde kann jeder Fake News produzieren, eine Schlagzeile erfinden, Bilder in einen völlig falschen Kontext stellen und/oder falsche Quellen angeben. Es gibt kommerzielle Webseiten, die Fake News produzieren, Parteien, die versuchen, Nachrichten zu beeinflussen, aber auch Privatpersonen, die Fake-Meldungen verbreiten.
       

    Angriff auf die Wahrheit

    Es war einmal ein Mädchen. 13 Jahre alt, aus Berlin, Probleme in der Schule und Angst, dies den Eltern zu erzählen. Eines Tages kam Lisa nach der Schule nicht nach Hause, am Tag darauf tauchte sie wieder auf.

    So weit, so gewöhnlich. Das Mädchen behalf sich mit einer Lüge: Drei Unbekannte hätten sie entführt, die ganze Nacht festgehalten und vergewaltigt. Südländer. Für Teile der Bevölkerung stand fest: Das müssen Flüchtlinge gewesen sein. Das Gerücht, kombiniert mit Lisas Herkunft – Russland – und Politik, führte zu Demonstrationen, zu einem Angriff auf ein Asylheim und zu diplomatischen Spannungen. Lisa übernachtete eigentlich bei einem Freund.

    Fake News sind mächtig. Fake News! Ein Begriff, der sich spätestens seit Donald Trump in die Hirnrinde der Allgemeinheit eingebrannt hat. „Ich rate dazu, diesen Begriff, so weit es geht, zu vermeiden. Ich selbst kenne ihn erst seit dem Vorjahr. Wir haben viele gute Begriffe für Falschmeldungen aller Art. Hoax, urbane Legenden, Enten, bewusste Desinformation“, betont Andre Wolf. Er ist Teil des Teams von Mimikama. Die Gruppe hat sich darauf spezialisiert, Falschmeldungen zu untersuchen und zu widerlegen. Bis zu 150 Meldungen erhält Mimikama. Pro Tag. Den Fall Lisa bezeichnet Wolf als Hybrid-Fake: Aus einem echten Erlebnis wird eine falsche Meldung konstruiert oder zumindest extrem tendenziös darüber berichtet.

    Es war einmal eine Gruppe von Redakteuren, die über Protokolle der Weisen von Zion schrieb. Sie erzählen von einem Treffen jüdischer Weltverschwörer, was die Londoner „Times“ bereits 1921 als Fälschung entlarvt hatte. In der Zwischenkriegszeit verbreitete sich dieses antisemitische Pamphlet dennoch – auch heute glauben manche Kreise an deren Wahrhaftigkeit.

    Fake News sind beharrlich. Verschwörungstheorien sind oft in sich schlüssig und wappnen sich schon gegen ihre Widerlegung. Wolf verweist auf die satirische „Bielefeldverschwörung“. Demnach existiert Bielefeld nicht, und jeder, der etwas anderes behauptet, habe eine Gehirnwäsche hinter sich. Wolf schildert: „Kürzlich hat uns ein Blog angegriffen, weil wir uns einem Artikel zur vermeintlichen Inexistenz von Masernviren gewidmet haben.“ Auf einen Kleinkrieg mit Verschwörungstheoretikern will sich Mimikama nicht einlassen. Allerdings kämpft das Team mit Drohungen und Verleumdungen. Einmal stand der Verfassungsschutz im Büro und suchte ein Waffenlager.

    Es war einmal Edgar Allan Poe. Er veröffentlichte am 13. April 1844 in der „New York Sun“ eine Geschichte über Monck Mason, der mit einem Gasballon in 75 Stunden den Atlantik überquerte. Viele Zeitungen druckten die Geschichten ab. Bloß: Sie war komplett erfunden.

    Fake News sind schwer durchschaubar. Manchmal gehen ihr auch seriöse Medien auf den Leim. Facebook, Twitter und Co. bergen neue Gefahren, schildert Wolf: „Medien versuchen mitzuhalten. Aber Twitter wird immer schneller bleiben.“

    Mit der Digitalisierung hat sich nicht nur die Zahl der Falschmeldungen vervielfacht. Sogenannte Bots – also Programme – versuchen, Relevanz vorzutäuschen.

    Einer, der sich mit diesem Phänomen beschäftigt hat, ist Peter Welchering. Er ist deutscher Journalist, regelmäßiger Gast im Computerklub und Erfinder des Begriffs „Bundestrojaner“. Welchering widmete sich dem US-Wahlkampf. „Trumps Schwiegersohn Jared Kushner betrieb politisches digitales Direktmarketing.“ Er habe Leaks (veröffentlichte geheime Informationen) genutzt und daraus eine Falschmeldung konstruiert. Mit Datenanalysen hat Kushner deren Empfänger ermittelt. Dann kamen „Social Bots“ ins Spiel. Sie liken, retweeten und kommentieren Meldungen. Facebook glaubt dadurch, die Nachricht sei wichtig, und verbreitet sie.

    „Manchmal meinen sogar Journalisten, eine Nachricht mit vielen Likes sei automatisch relevant“, erläutert Welchering. Auch in Europa wird mit Bots gearbeitet. „Botswatch“ hat festgestellt, dass bei der Landtagswahl in Schleswig-Holstein um 18.35 Uhr 722 Social Bots etwas zur Wahl gepostet haben. 16,85 Prozent aller Tweets mit dem Hashtag stammten von Robotern.

    Es war einmal eine spanische Frau, die 28 Jahre lang vorgetäuscht hat, blind zu sein. Was für eine Story! Viele schrieben ab, Ö24 etwa: „Gegenüber dem spanischen Nachrichtenportal ,Hay Noticia‘ rechtfertigte sich Jimenez: ‚Ich wollte einfach keine Menschen mehr sehen und stehen bleiben, um sie zu grüßen. Ich war nie sehr sozial.‘“ Mimikama machte sich schlau, und voilà: Hay Noticia ist eine Satireseite.

    Fake News sind verlockend. Darum geht es vielen Portalen: Klicks, Klicks, Klicks. Welchering erläutert: „Falschmeldungen skandalisieren, emotionalisieren, und wir möchten wissen, wie es weitergeht.“ Je nach Aktualität ändern sich Inhalt und Verbreitung. In Zeiten fehlender politischer Dispute erfreuen sich Kettenbriefe guter Konjunktur.

    Andre Wolf, ?Mimikama?

    2015 wurde der Ton rauer, viele Falschmeldungen über Flüchtlinge machten die Runde. Mittlerweile stehe der Islam im Vordergrund, sagt Wolf. Eine Taktik: Jahrealte Meldungen werden ohne Datum erneut gepostet.

    Fake News: alte Phänomene unter neuen Vorzeichen. Auch die Gesellschaft muss sich anpassen. Einerseits die Medien, wie Welchering fordert: „Journalisten müssen auch auf Twitter und Facebook die Quelle hinterfragen.“ Und Wolf nimmt die Schulen in die Pflicht: „Dort muss Medienkompetenz gelehrt werden: Wie kann ich Quellen überprüfen? Welche sind zuverlässig?“

    WhatsApp für Kettenbriefe, Facebook für Flugblätter, Blogs für Desinformation. Falschnachrichten hat es unter Herodot gegeben, im Römischen Reich, im Mittelalter. Edgar Allan Poe, Zion, Verschwörungen, Massenvernichtungswaffen, um in den Irak-Krieg einzumarschieren.

    Die Austria Presse Agentur (APA) entstand nach einer Falschmeldung über die Schlacht von Magenta im Juni 1859. Mimikama wurde vor sieben Jahren geboren, als der Gründer auf eine Abofalle bei „Farmville“ reinfiel.

    Fake News gab es, gibt es, und wenn sie nicht gestorben sind, dann fälschen sie auch morgen.
     

    #Respekt ist eine Kooperation der Bundesländerzeitungen und der „Presse“. Die heutigen Inhalte stammen von Birgit Entner und Michael Prock von den Vorarlberger Nachrichten.

    Birgit Entner und Michael Prock, 19.06.2017, 00:05 Uhr

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