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    Van der Bellen: "Antisemitismus im Keim ersticken"

    WIEN. Bundespräsident Alexander Van der Bellen begrüßt den politischen Rückzug des niederösterreichen FPÖ-Spitzenkandidaten Udo Landbauer rund um die Nazi-Liederbuch-Affäre und richtet einen starken Appell an alle Österreicher.

    Landbauer habe mit diesem Schritt ein Stück Verantwortung im Interesse von ganz Österreich wahrgenommen, sagte Van der Bellen in der ZIB 2 (das gesamte Interview sehen Sie weiter unten). "Es ist wichtig, deutlich zu machen, dass es in Österreich keinen Platz gibt für Antisemitismus", sagte der Bundespräsident im Gespräch mit Lou-Lorenz Dittlbacher. 

    "Auschwitz ist ja nicht vom Himmel gefallen"

    Es sei wichtig, sich daran zu erinnern, wie alles begonnen hat: "Auschwitz ist ja nicht vom Himmel gefallen, sondern dem ging eine jahrelange, systematische Diskriminierung, Entwürdigung und Entmenschlichung der jüdischen Mitbürger und Mitbürgerinnen voraus". Eine solche Haltung müsse deshalb im Keim erstickt werden. Die Bedeutung der Angelegenheit gehe weit über eine Burschenschaft oder über den Landtagswahlkampf hinaus.

    Die Affäre biete, wenn man sich bemühe, es positiv zu betrachten, die Chance, "unser kollektives Bewusstsein, unsere Sinne zu schärfen für das was absolut unzulässig ist, nicht nur in Österreich, sondern auch anderswo."

    "Das ist krank"

    Als er von der Sache erfahren habe, sei er fassungslos gewesen, so Van der Bellen. "Es ist ja nicht nur, dass hier offen ein antisemitisches Lied gedruckt wurde, sondern die besondere Perfidie, die Forderung nach Ermordung der siebten Million von Juden Ben Gurion in den Mund zu legen". Auf so eine Idee müsse man "erst einmal kommen. Das ist krank".  

    In einem der Texte im Liederbuch hieß es ja unter anderem (in Anspielung auf die Vergasung von sechs Millionen Juden unter der Nazi-Diktatur): "Da trat in ihre Mitte der Jude Ben Gurion: ,Gebt Gas, ihr alten Germanen, wir schaffen die siebte Million.'"

    "Wir sind alle gefordert"

    Im Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus seien alle Österreicher gefordert, sagte Van der Bellen. "Das ist nicht nur eine Angelegenheit der Polizei und der Gerichte, sondern von uns allen", so der Präsident. "Wir sind hier alle gefordert, solche Dinge zu bemerken und nicht einfach hinzunehmen und nicht zum Mitläufer einer Bewegung, die uns auf den Kopf fallen könnte, zu werden". 

    Auch an die Jugend richtete Van der Bellen einen Appell: "Schaut euch sowohl die hellen als auch die dunklen Seiten der österreichischen Geschichte an." Wer sich der Vergangenheit, auch dieser dunklen Seite nicht bewusst sei, laufe Gefahr, dass sich die Vergangenheit ungeplant, ungesteuert wiederhole. 

    Das Interview in voller Länge sehen Sie hier: 

    Alle Funktionen zurückgelegt

    Udo Landbauer (FPÖ) hatte am Donnerstag bekannt gegeben, alle politischen Funktionen zurückzulegen. Er werde nicht nur sein am vergangenen Sonntag erreichtes Landtagsmandat nicht annehmen, sondern auch als Stadtrat in Wiener Neustadt gehen, teilte er mit. 

    Der Schritt erfolgte im Zusammenhang mit der NS-Liedgut-Affäre bei der Burschenschaft Germania, der Landbauer angehört hat. Statt Landbauer wird der bisherige freiheitliche NÖ-Klubobmann Gottfried Waldhäusl als Landesrat in die Landesregierung gehen.

    Video: Vier Tage nach der Landtagswahl ist FPÖ-Spitzenkandidat Udo Landbauer wegen der NS-Liederbuchaffäre nun doch am Donnerstag von allen Ämtern zurückgetreten. Grund dafür sei die "Medienhatz", wie Landbauer beklagte.

     

    nachrichten.at, 02.02.2018, 09:55 Uhr

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