• Außenpolitik

    Gefährliches Kräftemessen in Syrien

    DOHA. Die USA haben am Sonntag einen Jagdbomber der syrischen Luftwaffe abgeschossen. Russland kritisiert diese Vorgehen scharf. 

    Noch ist die Schlacht um die Rakka nicht entschieden. Wie in der irakischen Großstadt Mossul leistet die Terrormiliz auch in der „Hauptstadt“ ihres „Islamischen Staates“ (IS) hartnäckigen Widerstand. Es gilt aber als sicher, dass die ostsyrische Stadt in den kommenden Wochen von den „Demokratischen Kräften Syriens“ (SDF), einem von den USA unterstützten Bündnis aus Kämpfern der kurdischen YPG und lokalen arabischen Milizen, eingenommen werden wird.

    Entschieden ist der Kampf um den fruchtbaren und rohstoffreichen Osten von Syrien dann aber noch lange nicht. Die IS-Verbände werden versuchen, sich in ihren Hochburgen am Euphrat zu behaupten. Diese werden auch von der „SDF“ sowie der regulären syrischen Armee beansprucht, die in den letzten Monaten von Aleppo aus bis etwa 40 Kilometer vor Rakka vorgestoßen ist.

    Das Ziel der Assad-Truppen ist vorerst aber nicht Rakka, sondern Deir ez-Zor. Wer die Großstadt am Euphrat, in der 150.000 Menschen seit mehr als zwei Jahren in einer vom IS belagerten Regierungsenklave ausharren, beherrscht, wird letztendlich auch Ost-Syrien kontrollieren.

    Pentagon verteidigt Flugzeugabsturz

    Entsprechend hart wird um die Region um Deir ez-Zor gerungen. Als ein SU-22 Jagdbomber der syrischen Luftwaffe am Sonntag Stellungen der SDF entlang der Straße von Rakka nach Deir ez-Zor bombardierte, wurde er von einer F-18 der US-Luftwaffe abgeschossen. Es habe sich um einen „Akt der kollektiven Selbstverteidigung“ gehandelt, verteidigte das Pentagon den ersten US-Abschuss eines syrischen Kampfjets im mehr als sechsjährigen Syrien-Krieg.

    Tatsächlich geht es wohl um die Sicherung geostrategischer Interessen im Osten Syriens, um die sich auf amerikanischer Seite die überwiegend kurdische „SDF“ bemüht. Ihnen gegenüber stehen die Truppen der syrischen Regierung, welche sich weiterhin als „legitime Vertretung des syrischen Volkes“ betrachtet und als solche von Moskau und Teheran anerkannt und unterstützt wird.

    Direkte Konfrontationen wurden bislang meist vermieden. Mit dem Vorstoß der Assad-Armee nach Ost-Syrien könnte die berühmte Büchse der Pandora allerdings nun endgültig geöffnet worden sein.

    USA und Russland: Direkte Auseinandersetzung denkbar

    Militärexperten fürchten nach dem Abschuss der syrischen SU-22 am Sonntag nicht nur neue Scharmützel zwischen der syrischen Armee und der US-gestützten SDF. Auch direkte Auseinandersetzungen zwischen Russland und den USA seien denkbar, weil beide Länder ihre lokalen Verbündeten auch direkt mit Militärberatern und Spezialtruppen unterstützten. Da deren genaue Einsatzorte in der Regel nicht bekannt sind, erhöht sich die Gefahr „versehentlicher Zusammenstöße“ ganz beträchtlich.

    Verkompliziert wird das geostrategische Ringen um Ost-Syrien durch die Rolle des Iran. Erklärte Absicht Teherans ist der Aufbau einer „sicheren Landbrücke“ in den Irak, also einer Straßenverbindung für den Transport von Waffen und anderen Gütern vom Iran über Bagdad und Damaskus bis in den Libanon. Einen solchen Korridor zu verhindern, soll US-Präsident Donald Trump bei seinem Besuch in Israel versprochen haben.

    Wie weit das US-Militär dabei gehen will, bleibt abzuwarten. Mit dem am Sonntag erfolgten Abschuss mehrerer Mittelstreckenraketen auf IS-Stellungen bei Deir ez-Zor demonstrierten die Iraner jedenfalls ihre Entschlossenheit, in der Region nicht klein beizugeben. Die Raketenschläge, hieß es aus Teheran, seien die Vergeltung für die Terroranschläge des IS in Teheran am 7. Juni gewesen.

    Was die Iraner nicht sagten: Der von iranischem Territorium erfolgte Einsatz von ballistischen Mittelstreckenraketen gegen Ziele in Syrien war der erste in der 38-jährigen Geschichte der Islamischen Republik überhaupt – eine weitere „gefährliche Premiere“ im Stellvertreterkrieg um Syrien.

    Russland kritisiert Abschuss

    Russland hat den Abschuss eines syrischen Kampfjets durch ein US-Flugzeug als "Akt der Aggression" verurteilt. Die USA verletzten damit zum wiederholten Mal in Syrien das Völkerrecht, sagte der russische Vize-Außenminister Sergej Rjabkow der Agentur Interfax zufolge am Montag in Moskau. Der Verteidigungspolitiker Franz Klinzewitsch vom Föderationsrat nannte den Abschuss eine Provokation gegen Russland. 

    Moskau unterstützt in Syrien die Führung von Präsident Baschar al-Assad. Das russische Militär kündigte an, künftig Flugzeuge und Drohnen der Koalition westlich des Flusses Euphrat als potenzielle Ziele ins Visier zu nehmen.

    Von Michael Wrase, 19.06.2017, 15:20 Uhr

    Mehr Außenpolitik
    Außenpolitik Übersicht
    Zurück Zum Seitenanfang