• Unser Innviertel

    Was Handtaschen erzählen

    Oft sind es die kleinen Alltagsdinge, an deren Schicksal sich die großen historischen Veränderungen zeigen.

    Ich benütze seit einigen Monaten eine Herrenhandtasche und betrachte sie manchmal nachdenklich. Während meiner Jungendjahre im Innviertel hätte ich mich wahrscheinlich lieber schlachten lassen, als eine Handtasche zu tragen. Männer mit Handtaschen hätte man als Schwule abqualifiziert – und schwul war damals kein wertneutrales Synonym für homosexuell, sondern ein Schimpfwort.

    Wie gesagt, die Zeiten ändern sich. Heute käme niemand mehr auf die Idee, einen Mann für schwul zu halten, weil er eine Handtasche trägt. Natürlich kommt es ein bisschen auf die Art der Handtasche an. Goldene Riemchen und Leopardenmuster wären wahrscheinlich verdächtig. Aber die Diskriminierung von Homosexualität ist generell zurückgegangen, und das ist eine historische Entwicklung zu mehr Toleranz, die ich gut finde.

    Ähnlich verhält es sich mit der Gleichberechtigung. In meinen Jünglingsjahren ist mir das Wort Emanzipation nicht einmal im Lateinunterricht begegnet, in den Siebzigern gab es sie plötzlich, da war aber "Emanze" ein Schimpfwort. Heute ist Gleichberechtigung ein Wert, der längst mehrheitsfähig geworden ist, auch im Innviertel.

    Und da fällt mir noch einmal die Handtasche ein. Ich war ja sowieso ein Feminist der ersten Stunde, aber seit ich eine Handtasche benutze, verstehe ich die Frauen noch besser. Ich meine dieses geduldig ertragene Leid, das Menschen auf sich laden, wenn sie Handtaschen haben. Ständig sucht man etwas darin, das man nicht findet, weil es woanders ist, während man andere Dinge aus den Tiefen empor kramt, die man dort gar nicht mehr vermutet hätte, zum Beispiel aufgeweichte Schokolade.

    Ich habe ja nicht viel in meiner Handtasche: Geldbörsl, Handy, Kugelschreiber und einen Terminkalender für Alte (handschriftlich geführt). Wenn ich das mit den zahllosen Dingen vergleiche, die meine Frau in ihrer Handtasche herumträgt, mache ich einen verarmten Eindruck. Sokrates meinte allerdings, nur der Bedürfnislose sei glücklich. Recht hat er.

    Christian Schacherreiter, 10.08.2017, 00:04 Uhr

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