• Leitartikel

    Das leise Sterben

    Die Biene an der Spitze der Arten: Ihr Summen darf nicht verstummen. Helfen wir, sie zu retten!

    Seit zwei Jahren hält sich Maja Lundes "Die Geschichte der Bienen" auf den Bestsellerlisten. Darin beschreibt die Norwegerin das Jahr 2098 in China, in dem Arbeitssklaven die Bestäubung anstelle der durch Pestizide ausgerotteten Bienen erledigen müssen.

    Die Fiktion ist nahe an der Realität. In den letzten 27 Jahren ist die Insektenmasse in Mitteleuropa um 75 Prozent geschrumpft. Doch ohne Biene und ihre Bestäubungstätigkeit keine Erdbeeren, Kirschen, Sonnenblumen, Äpfel und Birnen, ohne Insekten als Nahrung weniger Fische, Vögel, Fasane. Verschwindet die Biene, gerät das gesamte Ökosystem ins Wanken.

    Damit erhält die Biene als Opfer der Folgewirkungen des menschlichen Vernichtungszuges einen Rang, der sie neben Rind und Schwein zum wichtigsten Nutztier macht: Bestseller werden über sie geschrieben, in Deutschland hat es das Vorhaben "Rettung der Biene" in den Koalitionsvertrag geschafft. Junge, hippe Städter finden es modern und angebracht, Bienen zu züchten. Viele Ideen zu ihrer Rettung liegen auf der Hand, die OÖNachrichten wollen gemeinsam mit dem oberösterreichischen Imkerverband im Rahmen einer groß angelegten Initiative ab heute weiter Bewusstsein für die Notwendigkeit dieses Bemühens schaffen. Auch das zählt zu den Kernaufgaben eines relevanten Regionalmediums.

    Im Stock selbst zählt die Biene als Individuum nichts, sie überlebt nur als Staat, der bewundernswert organisiert ist. Die Biene beherrscht Arbeitsteilung besser als wir Zweibeiner. Arbeiterinnen putzen, bauen, pflegen, füttern, wachen, temperieren, ehe sie nach diesem Stockdienst in einem Radius von mehr als drei Kilometern die Ernte eintragen und dabei den Großteil unserer Pflanzen bestäuben dürfen. Ein Bienenvolk, im Sommer mehr als 50.000 Bienen stark, fliegt im Laufe einer solchen Saison zwei Milliarden Blüten an. Oberösterreich beherbergt derzeit rund 80.000 Völker, ihre Bestäubungsleistung ist ein relevanter ökonomischer Faktor, nur dass sich kein Politiker bisher dafür interessiert und diese Leistung zu bewerten versucht hat. Dass die Anzahl dieser Völker steigt und die Zahl der Imker, ist daher ein Ziel dieser Aktion. Im Kern geht es darum: den Bienen verlorenes Land zurückzugeben. Wir haben Monokulturen errichtet, Grasschnitt und Silageeintrag und damit die kurzfristigen Erträge maximiert, ohne zu bedenken, dass wir diese damit langfristig erst recht gefährden. Seit die Kühe auf den Weiden verschwunden sind, fünf-, sechsmal pro Jahr gemäht wird und die Flächen mit Gülle asphaltiert werden, ist es für die Bienen schwieriger geworden, zu überleben.

    Dazu malträtiert die Varroa-Milbe die Völker, sie wurde eingeschleppt, auch das eine Metapher. Die Biene als Globalisierungsverlierer, auch in den Regalen. Mehr als die Hälfte des verkauften Honigs stammt nicht aus Österreich, große Mengen kommen aus China, oft dubioser Herkunft und Zusammensetzung, es wird gepanscht und gemixt. Steigt hingegen die Binnennachfrage, könnten in Österreich viel mehr Völker gehalten werden.

    Die Rettung der Bienen fordert uns damit alle. Wir müssen der Biene blühende Flächen bieten, es reicht Wildwuchs in den Gärten. Wir sollen Heumilch, an deren Ursprung blühende Wiesen stehen, kaufen. Die Gemeinden können ihre Straßen- und Wegesränder seltener mähen lassen. Mit den von der Ernte abhängigen Bauern müssen wir darüber Einvernehmen und Dialog, nicht Konflikt suchen. Sie sollen Kompensationsflächen für Monokulturen schaffen, auch sie benötigen die Biene. Es gibt dazu erste gute Ansätze der Kammer. Wir sollten ein kleinliches Landesgesetz überdenken, das es erschwert, Bienen in locker besiedelten Wohngegenden zu halten. Wir haben es so weit gebracht, dass die Bienen in Städten und Siedlungen und nicht auf dem Land bessere Bedingungen vorfinden.

    Dazu suchen wir in den kommenden Wochen viele Bienenpaten, die bereit sind, Völker bei sich aufzunehmen. Der Imkerverband wird die Betreuung koordinieren. Das Geld der Paten fließt zu einem Teil in einen Bienenfonds, den wir dotieren und mit dem Forschungs- und Zuchtvorhaben gefördert werden sollen.

    Auch darum geht es nämlich: um weitere Auslese und evolutionäre Anpassung an eine für Insekten unwirtlicher gewordene Welt. Alles mit dem Ziel, das Summen nicht verstummen zu lassen. Helfen Sie bitte mit!

    Gerald Mandlbauer, 14.04.2018, 00:04 Uhr

    Leitartikel Übersicht
    Zurück Zum Seitenanfang